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Die Betriebsrenten sind sicher – oder?

Betriebsrenten sind zwar grundsätzlich sehr sicher: Doch viele Sparer fragen sich, wie es mit ihrer Betriebsrentenanwartschaft im weiteren Verlauf der Niedrigzinsphase weitergehen soll. Altersvorsorgespezialist und bAV-Experte Detlef Pohl über ein erklärungsbedürftiges Thema.

Thomas Hagemann, Chefaktuar beim bAV-Berater Mercer Deutschland: “Ein Unternehmen, das handelsbilanzielle Verluste hat, kommt in der Steuerbilanz unter Umständen zu Gewinnen, die besteuert werden.”

Versicherer und Versicherer-Pensionskassen müssen das Geld betont sicher anlegen und selbst bei einer Insolvenz würden die Verträge zu bisherigen Konditionen von der Protektor AG, Selbsthilfeeinrichtung der deutschen Lebensversicherer, als offiziellem Sicherungsfonds weitergeführt.

BaFin muss Sanierungsklauseln genehmigen

Bei Schieflagen von Firmen-Pensionskassen wäre Protektor nicht zuständig. Auch der Pensions-Sicherungsverein (PSV), der bei Pleite von Ansprüchen aus Pensionszusagen, U-Kasse und Pensionsfonds einspringt, könnte Anlegern nicht helfen. Im Zweifel müssten Leistungen gesenkt und Beiträge erhöht werden.

In jeder Satzung sind solche Sanierungsklauseln fixiert, deren Anwendung von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zu genehmigen ist. Apropos PSV: Die Selbsthilfeeinrichtung der deutschen Wirtschaft kommt bei Insolvenz für die Betriebsrenten von rund 94.200 Firmen auf.

Die monatlichen Leistungen sind auf maximal das Dreifache der Bezugsgröße (nach Paragraf 18 Sozialgesetzbuch IV) begrenzt. 2016 entspricht dies 8.505 Euro Höchstrente pro Monat (Ostdeutschland: 7.245 Euro). Tatsächlich werden im Schnitt aber nur 290 Euro pro Monat gezahlt.

Seite zwei: Schattenseiten sicherer Anlageformen [1]

Der Zwang zu sicheren Anlageformen hat in der Niedrigzinsphase erhebliche Schattenseiten. So müssen Arbeitnehmer heute im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren bei gleichem Beitrag drastische Leistungseinbußen hinnehmen.

Unter realistischen Annahmen sei damit zu rechnen, dass der HGB-Rechnungszins für Pensionsrückstellungen in den Unternehmen [2]von zurzeit knapp 4,5 Prozent bis zum Jahr 2018 auf unter 3,5 Prozent sinken wird, warnt der bAV-Spezialist Heubeck AG.

Als erster Schritt wird per Gesetz wohl ab 21. März der Zins für die Bewertung von Pensionszusagen nach Handelsgesetzbuch (HGB) nicht mehr nach dem Siebenjahresdurchschnitt gebildet, sondern nach dem Zehnjahresschnitt. Dadurch kommen etwas höhere Werte zustande als bisher. Folge: Die Firmen müssen für Pensionen nicht mehr so hohe Rückstellungen bilden.

Seite drei: Tropfen auf den heißen Stein? [3]

Ob das mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist, muss sich noch erweisen. “Einerseits stünden die Unternehmen bei unveränderter Zinssituation in zwei bis drei Jahren wieder vor vergleichbaren Herausforderungen. Daher wäre eine Verlängerung des Durchschnittszeitraums auf 15 Jahre geboten und sachgerecht”, meint Heribert Karch, Vorstandschef der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (Aba).

Besteuerung trotz handelsbilanzieller Verluste möglich

Andererseits bleibt es in der Steuerbilanz bei dem weltfremden Zins von sechs Prozent. “Diese ertragssteuerrechtliche Regelung nach Paragraf 6a EStG führt nach Ansicht von Willis Towers Watson zu einer leistungswidrigen Besteuerung von ‘Scheingewinnen'”. Eine Absenkung des steuerlichen Abzinsungssatzes wäre überfällig.

“Bei einem handelsrechtlichen Zins von unter vier Prozent ist es unangemessen, steuerliche Pensionsrückstellungen [4] mit einem Zins von sechs Prozent abzuzinsen und so künstlich kleinzurechnen”, kritisiert Thomas Hagemann, Chefaktuar beim bAV-Berater Mercer Deutschland. “Ein Unternehmen, das handelsbilanzielle Verluste hat, kommt in der Steuerbilanz unter Umständen zu Gewinnen, die besteuert werden”, beschreibt der Aktuar die schizophrene Lage.

Autor Detlef Pohl ist freier Journalist und Altersvorsorgespezialist aus Berlin.

Foto: Shutterstock; Tim Wegner