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Digitale Versicherer: Es wird wenig neu erfunden

Eine neue Gründungswelle ist losgebrochen: Die digitalen Versicherer wollen den Markt erobern. Die Versprechungen (und Hoffnungen) sind immer gleich: mit Innovation, Disruption und Digitalisierung die Branche auf den Kopf stellen. Das Ziel ist, die alten Versicherer überflüssig zu machen. Die Haff-Kolumne

“Viel Neues ist bislang nicht entstanden. Wirklich viel lässt sich auch nicht mehr neu erfinden.”

Die Hürden durch regulatorische und gesetzliche Vorgaben wollen sie auch gleich überwinden. Das Geheimrezept dafür soll die Neuerfindung der Versicherung sein.

Produkte können aber nicht einfach ausgewürfelt werden. Und das ist auch gut so. Es stimmt: Klare Spielregeln, Vorgaben und hohe Anforderung an das Berichtswesen sind bürokratisch und grenzen ein.

Sie sind trotzdem notwendig, denn Versicherer müssen im Schadenfall [1] ihr Kundenversprechen einlösen können. Das Vertrauensprodukt Versicherung ist weder Lotto noch Glücksspiel. Das gilt auch für alle Innovationen.

“Alles online” ist die Devise

Trotz aller Neuartigkeit: Anbieter wie Oscar [2] und Ottonova (Krankenversicherung) oder Lemonade (Hausrat) tummeln sich in etablierten Sparten und beschäftigen sich mit altbekannten Aufgaben. Viel dreht sich um Vertrieb und Kundenkontakt. Kommunikation soll am besten nur noch per App geführt werden.

Durch verbesserte Prozesse sollen Einsparungen möglich werden. Das verspricht schnelle Erfolge. Die sucht man auch im Vertrieb. “Alles online” ist die Devise, der Makler oder Vertreter gilt als unnötiger Kostentreiber.

Auch dieses Konzept nicht neu. Es ist Direktversicherung im Stil der “alten Welt”. Der größte Irrtum ist dabei die Annahme, dass Online-Vertrieb [3] günstig ist.

Seite zwei: Auch Online-Vertrieb kostet Geld [4]

Ein Blick auf den Wettbewerb bei Google um Versicherungs-Suchbegriffe genügt, um zu erkennen: Der Kauf eines neuen Kunden kostet eine Stange Geld, der Wettbewerb ist in allen Bereichen groß. Und richtig gut funktioniert Direktvertrieb [5] nur mit einfachen Produkten. Auf den Vermittler zu verzichten, ist daher nicht nur unter Beratungsgesichtspunkten fragwürdig.

Das Ergebnis: auch wenn viel Geld und Engagement in einzelne neue Unternehmen [6] geflossen ist, viel Neues ist bislang nicht entstanden. Wirklich viel lässt sich auch nicht mehr neu erfinden. In einer kaum überschaubaren Zahl an Nischen tummeln sich bereits spezialisierte Versicherer. Es existiert ein ausreichendes Angebot.

Es werden “digitale Werkbänke” gebraucht

Innovation entsteht zudem nicht durch die Verwendung des Etiketts “digital”. Oder durch Nachdenken im Loft oder beim Planen im Büroturm. Innovation entsteht, wenn Produkt und Kunde aufeinandertreffen können, wenn der Weg für Testfelder und Pilotprojekte freigemacht wird. “Digitaler Versicherer” ist dafür ein schöner Arbeitstitel. Sehr viel wichtiger ist es, neue Wege gehen zu können.

Dazu werden digitale Werkbänke gebraucht. Ob als neu gegründetes Tochterunternehmen im Konzernverbund [7], als eigenständiges Venture oder als externe Lösung. Der Erfolg hängt von den Möglichkeiten ab, einfach und schnell testen zu können, wie Kunden reagieren. Aus diesem Zusammenspiel entstehen optimale Leistungsangebote und Vertriebsumfelder. Ein Jahr intensive Digitalisierungs-Diskussion zeigt: die Bereitschaft dazu ist vorhanden.

Tobias Haff [8] ist COO des B2B-Insurtech-Unternehmens massUp [9]. Davor hat er Procheck24, den B2B-Bereich des Vergleichsportals Check24, aufgebaut. Bereits seit 1997 entwickelt er Internetprojekte mit dem Fokus auf Finanzdienstleistungen. Er hat den Markt für unabhängige Ratenkreditvermittlung in Deutschland maßgeblich mitgeprägt, Produktinnovationen zur Einkommensabsicherung und Online-Vertriebstools für Finanzvermittler erfolgreich am Markt eingeführt.

Foto: Tobias Haff