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“Keine Zurückhaltung im Pflege-Neugeschäft”

Dr. Rainer Reitzler, Vorstandsvorsitzender Münchener Verein Versicherungsgruppe, spricht über das Neugeschäft in der Pflegeszusatzversicherung, die Chancen durch die Pflegereform und die drohende Überforderung der Sozialysteme infolge des demografischen Wandels.

Rainer Reitzler, Münchener Verein, kann die Zurückhaltung im Markt für Pflegeabsicherung für das eigene Haus nicht bestätigen.

Cash.: Inzwischen verfügen mehr als drei Millionen Deutsche über eine private Pflegezusatzversicherung – einschließlich der staatlich geförderten Pflege-Bahr-Tarife. Gemessen an der Bevölkerung ist der Verbreitungsgrad jedoch nach wie vor gering. Wie hat sich vor diesem Hintergrund im vergangenen Jahr das Pflege-Neugeschäft beim Münchener Verein entwickelt? 

Reitzler: Mit aktuell bereits über 190.000 versicherten Tarifen in der Pflege-Zusatzversicherung können wir die Zurückhaltung für unser Pflege-Neugeschäft nicht bestätigen. Allerdings engagieren wir uns auch sehr stark in puncto Produktinnovationen wie zum Beispiel Ende 2015 mit der Deutschen DemenzVersicherung sowie in der Vertriebsunterstützung, etwa mit Erklärvideos als digitale Verkaufshilfe. Hinzu kommen schlanke, automatisierte Prozesse und Möglichkeiten zum Online-Abschluss.

2017 steht die Implementierung der zweiten Stufe des Pflegestärkungsgesetzes [1] an. Inwiefern ist dies für den Münchener Verein ein Anlass, das eigene Tarifwerk neu zu justieren? 

Wir haben mit unserem Pflegetagegeld Deutsche PrivatPflege bereits jetzt ein marktüberdurchschnittliches Produkt, welches wir seit Einführung 2010 kontinuierlich um Leistungsmerkmale erweitert haben. Auch die Umsetzung des zweiten Pflegestärkungsgesetzes werden wir natürlich dazu nutzen, um unser Produkt wieder auf den Prüfstand zu stellen und zu schauen, ob wir unseren Kunden eine noch bedarfsgerechtere Absicherung bieten können.

Der Ökonom Professor Thomas Straubhaar gibt im Hinblick auf die wachsende Zahl von Pflegefällen in Deutschland Entwarnung [2]: “Die Anzahl der Pflegeplätze wird nicht so dramatisch steigen, wie man heute glaubt, weil die Dauer der Pflege pro Person nicht zunimmt. Der Zeitraum verschiebt sich nur nach hinten.” Wie bewerten Sie die These Straubhaars?

Bis 2050 soll sich die Zahl der Pflegebedürftigen von rund 2,6 Millionen auf 4,5 Millionen erhöhen und die Zahl der Demenzerkrankten auf 3 Millionen verdoppeln. Und durch stetig zunehmende Lebenserwartung steigt auch das eigene, persönliche Pflegefallrisiko.

Viel relevanter als die prognostizierte Entwicklung der benötigten Pflegeheimplätze ist daher in meinen Augen zum einen die zunehmende Entwicklung der Gesamtzahl an Pflegefällen, die das Sozialsystem leisten muss aber nicht leisten können wird, sowie das individuelle Pflegefallrisiko, dessen finanzielle Auswirkungen auch nicht Jeder stemmen können wird.

Bei beiden Aspekten hilft nur eine zusätzliche private Pflegevorsorge – egal ob eine Heimunterbringung oder Pflege zuhause bevorzugt wird. Es gibt mittlerweile flexible Vorsorgelösungen, die man genau auf seinen Bedarf ausrichten kann.

Interview: Lorenz Klein

Foto: Gerhard Blank