- Finanznachrichten auf Cash.Online - https://www.cash-online.de -

Riester-Rente am Scheideweg

An der Riester-Rente scheiden sich die Geister – das ist zwar keine ganz neue Erkenntnis, aber es ist schon eindrucksvoll, welche Emotionen die staatlich geförderte Privatvorsorge auch gut 15 Jahre nach ihrer Einführung noch freizusetzen vermag.

Die Riester-Rente auf unsicheren Pfaden: “Wer schließt denn heute noch einen Vertrag ab, wenn er von den Politikern hört, die Riester-Rente sei gescheitert und müsse abgewickelt werden?”

“Die Riester-Rente ist gescheitert”, polterte CSU-Chef Horst Seehofer im April [1] – eine Aussage, so frei von Differenzierungen, wie der Himmel frei von Wolken an einem bayerischen Herbsttag bei Föhn. Und die – wie sollte es anders sein – grollenden Widerspruch provozierte – allen voran vom Namenspaten persönlich: So sprach der frühere Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) von einer “saudummen” Debatte, die Millionen Menschen verunsichere. Die Zusatzrente sei gerade für Geringverdiener attraktiv, betonte Riester. “Zwei Drittel aller Riester-Sparer verdienen unterdurchschnittlich und 25 Prozent unter 850 Euro im Monat, das sind also Teilzeitbeschäftigte. Besser kann die Verteilung nicht sein.”

“Hoffnungen nicht allein auf ein Widererstarken der gesetzliche Rente setzen”

Doch die Forderung Seehofers die Riester-Rente rückabzuwickeln und im Gegenzug die gesetzliche Rente zu stärken, stoßen auch in der SPD auf Sympathien. So sprang jüngst Partei-Chef Sigmar Gabriel auf den laut pfeifenden Zug aus Bayern auf: “Viel zu viele Menschen haben in den letzten 20 Jahren zu wenig verdient. Wenn das Rentenniveau weiter sinkt, droht ihnen Altersarmut.” Um dies zu verhindern, sei eine “gerechte Anpassung” der Rentenformel notwendig.

Aus Sicht von Cash.-Kolumnist Prof. Dieter Weirich dürfte besagter Zug allerdings Gefahr laufen, auf einem falschen Gleis ins Nirgendwo zu fahren. “Sigmar Gabriel und Horst Seehofer haben für die Bundestagswahl 2017 einen gefährlichen Frühsport entdeckt: Die Rolle rückwärts”, warnt der Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) [2]. “Der demographische Wandel bedroht den Generationenvertrag massiv. Stehen heute einem Rentner noch drei Beitragszahler gegenüber, schrumpft diese Zahl bis 2050 auf die Hälfte.” Weirich zufolge wäre es demnach trügerisch, die Hoffnungen allein auf ein Widererstarken der gesetzliche Rente zu setzen.

Seite zwei: “Branche muss ran an die Kostenstrukturen” [3]

Rentenexperte Klaus Morgenstern, der sich zusammen mit Weirich das Amt des DIA-Sprechers teilt, sieht die Politik in einer verzwickten Lage. Zwar verteidigt Morgenstern die Riester-Rente gegen die Fundamentalkritik, er weist aber zugleich auf einen “Geburtsfehler” hin [4], den das rot-grüne Ziehkind bis in die heutige Jugendzeit hinein belastet und der “nicht mehr heilbar” sei. “Es hätte bei Einführung der Riester-Rente klar sein müssen, dass die Kürzung in einem obligatorischen System nicht durch eine freiwillige Zusatzvorsorge kompensiert werden kann, weil nie alle Betroffenen tatsächlich die freiwillige Vorsorge auch nutzen. Also kann heute nur noch ‘Schadensbegrenzung’ betrieben werden”, analysiert Morgenstern. Dazu gehöre vor allem, “sofort mit der Verunsicherung aufzuhören”, die mit Ankündigungen über eine mögliche Abwicklung der Riester-Rente verbunden sei.

“Wer schließt denn noch einen Vertrag ab, wenn er hört, die Riester-Rente sei gescheitert und müsse abgewickelt werden?”

“Wer schließt denn heute noch einen Vertrag ab, wenn er von den Politikern hört, die Riester-Rente sei gescheitert und müsse abgewickelt werden?”, fragt der DIA-Sprecher. Verbesserungspotenzial sieht er vor allem im Produkt-Handling: “Der Gesetzgeber hat ohne Frage mit dazu beigetragen, dass der Aufwand bei Riester-Produkten hoch ist. Vor allem die Kopplung von Zulagen und Sonderausgabenabzug macht die Abwicklung kompliziert.”

Nicht ohne Grund habe die Politik nach dem Start der Riester-Rente noch einmal nachgebessert und beispielsweise den Dauerzulagenauftrag eingeführt. Dennoch bleibe das Verfahren aufwändig, kritisiert Morgenstern, der aber auch die Versicherungswirtschaft in die Pflicht nimmt: So komme die Branche nicht umhin, ihre Kostenstrukturen zu verändern.

Handlungsbedarf bei Abschlusskosten

“Bei den Verwaltungskosten sind die Versicherer in den zurückliegenden Jahren insgesamt schon ein ganzes Stück vorangekommen. Das zeigt, dass durchaus Veränderungen an den Kostenstrukturen möglich sind”, sagt der DIA-Mann. Für die Abschlusskosten treffe dies jedoch “bei weitem noch nicht in diesem Ausmaß zu”. Der Niedrigzins werde die Anbieter von Altersvorsorgeprodukten aber weiter zu Kostensenkungen zwingen, fährt Morgenstern fort, weil heute schon bei kürzeren Laufzeiten die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Garantien “nicht mehr zu liefern” seien. (lk)

Foto: Shutterstock