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Riester-Rente: Zeit für einen Reload

Im November wird es spannend für die Versicherer. Dann stellt die Bundesarbeitsministerin, so der Plan, ihre Vorschläge für die nächste Reform der Alterssicherungssysteme vor. Sie hat ein umfassendes Paket angekündigt. Gastbeitrag von Klaus Morgenstern, Deutsches Institut für Altersvorsorge

Klaus Morgenstern: „Die Verwaltung der Riester-Rente ist von deren Schöpfern unnötig kompliziert angelegt worden.“

Der Leumund der Riester-Rente [1] ist nicht der beste. Ganz gleich, in welchem Lager man steht, alle werden mehr oder weniger großen Handlungsbedarf sehen. Vorschläge zur Verbesserung gibt es bereits eine Menge. Da ist zum einen die Anpassung des Förderrahmens. In dieses Horn hat neben dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auch die Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU gestoßen.

GDV-Präsident Alexander Erdland machte unlängst in einem Plädoyer für die Riester-Rente [2] die folgende Rechnung auf: Ein alleinstehender Arbeitnehmer, der den Mindestlohn verdient, muss heute drei Euro einzahlen, um einen Euro staatliche Zulage zu erhalten. Das sind fast 30 Prozent mehr als 2002. Umgekehrt reiche der Höchstbetrag von jährlich 2.100 Euro für so manchen qualifizierten Facharbeiter nicht mehr aus, um vier Prozent des eigenen Einkommens in einem Riester-Vertrag anzusparen.

Jährliche Anpassung der staatlichen Förderung

Der Gesetzgeber hat bei der Einführung der Riester-Rente deren staatliche Förderung an das sozialversicherungspflichtige Einkommen geknüpft, dabei aber übersehen, dass sich Einkommen im Laufe der Zeit ändern. In der gesetzlichen Rente gilt ein ähnliches Prinzip, aber dort werden die wesentlichen Größen jedes Jahr neu festgelegt. Warum eigentlich gilt ein solches Verfahren nicht auch für die Förderung der privaten Altersvorsorge?

Es müsste ja nicht unbedingt eine jährliche Anpassung sein. Aber nach mehr als zehn Jahren wäre eine Überprüfung des Fördersystems schon angebracht. Die Riester-Rente [3] leidet an einigen Geburtsfehlern, deren Heilung der Gesetzgeber nie ernsthaft in Angriff genommen hat, obwohl er selbst dafür die Verantwortung trägt. Zum Beispiel die Kopplung an die Sozialversicherungspflicht, die erstens so ursprünglich gar nicht gewollt war und zweitens durch Ausnahmen gleich wieder aufgeweicht wurde.

Seite zwei: Schritte für einen Reload der Riester-Rente [4]

Die Unterteilung in unmittelbar, mittelbar und Nicht-Förderberechtigte macht das Riester-System unnötig kompliziert und für viele auch schwer verständlich. Riester-Rente [5] für alle – ganz gleich welcher Erwerbsform die Sparer nachgehen. Das wäre eine einfache Lösung. Das hatte Walter Riester ursprünglich auch beabsichtigt: kapitalgedecktes, gefördertes Altersvorsorgesparen für alle. Erst im Gesetzgebungsverfahren zur Riester-Rente kam dann die Bindung an die Sozialversicherungspflicht hinzu.

Selbstständige von Riester-Rente ausgeschlossen

Politiker, die heute die unzureichende Altersvorsorge von Selbstständigen [6] beklagen, sollten daran denken, dass sie diese Gruppe der Gesellschaft selbst von der Riester-Rente ausgeschlossen haben. Eine Beschränkung auf abhängig Beschäftigte ist doch längst nicht mehr zeitgemäß. Viele Erwerbsbiografien weisen heute einen Wechsel von Phasen sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und selbstständiger Tätigkeit auf. Die Verwaltung der Riester-Rente ist von deren Schöpfern unnötig kompliziert angelegt worden.

Die Regeln für die Zulagenberechtigung umfassen heute mehr als zehn Seiten. Nach Schätzungen des GDV entsteht ein Viertel der Kosten der Riester-Verträge [7] durch die Zulagenverwaltung. Die Kombination aus fester Zulage sowie Steuervorteil und die Kontrolle durch die Mammutbehörde der Zulagenstelle mit mehr als 1.000 Mitarbeitern hat die Förderung aufwändig, schwerfällig und störanfällig gemacht. Sage keiner, es habe dazu keine Alternative gegeben. Walter Riester wollte ursprünglich gar keine Zulagenstelle, sondern die Förderung von den Finanzämtern durchführen lassen.

Kleinerer Schritte für einen Reload der Riester-Rente

Über die nötigen Daten dafür hätten diese verfügt. Aber die Bundesländer wollten den Finanzämtern diese zusätzliche Aufgabe nicht zumuten. Es gäbe also eine ganze Reihe kleinerer Schritte für einen Reload der Riester-Rente. Der weitreichendste allerdings müsste am Produkt selbst ansetzen und die gesetzliche Beitragsgarantie zur Disposition stellen. Die Beitragsgarantie vermittelt eine Sicherheit, die sie letztlich gar nicht leistet. Erstens verursacht sie erhebliche Opportunitätskosten. Mögliche Erträge werden “weggarantiert”. Zweitens greift sie bei langlaufenden Altersvorsorge-Verträgen nur in einen verschwindend kleinen Bruchteil aller denkbaren Szenarien.

Zu den Kosten: Eine 25-jährige Anlegerin zum Beispiel, die ab Mitte dieses Jahres 42 Jahre lang Monat für Monat 50 Euro in einen Sparvertrag mit Beitragsgarantie einzahlt, verzichtet im Vergleich zu einer Anlage ohne Garantie auf einen Vermögenszuwachs von rund 140.000 Euro, obwohl die Wahrscheinlichkeit für den Garantiefall weniger als vier Prozent beträgt. Das ist mehr als das Fünffache der eingezahlten Beiträge. Das ergaben Berechnungen, die das Deutsche Institut für Altersvorsorge in diesem Frühjahr vorgestellt hat.

Seite drei: Wenig oder gar keine Garantien in der Ansparphase [8]

Durchgeführt wurden diese Untersuchungen von Prof. Dr. Olaf Stotz und Maximilian Renz von der Frankfurt School of Finance & Management, die mit einem Opportunitätskostenansatz die Höhe der impliziten Garantiekosten ermittelten. Der Sparer soll daher selbst entscheiden können, ob und in welcher Höhe er seine Beiträge absichern lässt. Das setzt allerdings voraus, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis der Garantien ausreichend transparent ist und dass den Sparern auch verständlich gezeigt wird, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Garantie tatsächlich zum Tragen kommt.

Langfristige Altersvorsorge braucht in der Ansparphase, die sich über Jahrzehnte erstreckt, wenig oder gar keine Garantien. Das zeigen auch die Erfahrungen der Vergangenheit eindeutig. Die Beitragsgarantie in der Riester-Rente [9] wurde aus falsch verstandener Fürsorgepflicht vom Gesetzgeber in die Bedingungen der Riester-Rente aufgenommen. Flexiblere Lösungen mit Wahlrechten und Optionen, die sowohl die Situation des Sparers als auch die Länge des Sparvertrages berücksichtigen, wären unter den gegebenen Kapitalmarktbedingungen die bessere Lösung.

Zeit für eine Änderung ist günstig

So lange die Beitragsgarantie durch höhere Kapitalmarktzinsen mit einem erträglichen Aufwand dargestellt werden konnte, brachte sie zwar auch wenig Nutzen, richtete aber wenigstens keinen Schaden an. Das lässt sich heute nicht mehr ohne Weiteres sagen. Anbieter geben das Geschäft mit der Riester-Rente [10] auf, weil sie in einem zunehmenden Laufzeitenbereich gar nicht mehr in der Lage sind, die geforderte Garantie darzustellen. Produktlinien mit Garantien werden eingestellt, weil unter den gegebenen Kapitalmarktbedingungen keine erkennbaren Erträge mehr erwirtschaftet werden können.

Das Argument, dass deutsche Sparer sich Garantien wünschen, spricht vielleicht gegen die generelle Aufgabe von Beitragsgarantien, nicht aber gegen ein Wahlrecht. Dann könnten zumindest jene Sparer, die eine ertragreichere Kapitalanlage wünschen, sich dagegen entscheiden.
Heute haben sie diese Wahl bei der Riester-Rente nicht. Die Zeit für eine solche Änderung ist günstig. In der betrieblichen Altersversorgung wird mit der Zielrente gerade eine neue Zusagenform diskutiert, die ohne die Bruttobeitragsgarantie durch den Arbeitgeber auskommt. Als die Entgeltumwandlung 2002 eingeführt wurde, galt das als nicht vorstellbar.

Klaus Morgenstern ist Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA).

Foto: DIA