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Es kreiseln die Bälle in der Luft

Professor Dr. Hans-Wilhelm Zeidler hat exklusiv für Cash. die Trends und Herausforderungen ausgelotet, die in 2016 auf die Lebensversicherer zukommen.

Gastbeitrag von Professor Dr. Hans-Wilhelm Zeidler, Zeidler Consulting

“Ein Ball, von dem viele meinen, er würde bald aus dem Kreislauf verschwinden, weil endgültig gelöst, ist das Lebensversicherungsreformgesetz.”

Das neue Jahr hat ja schon ein paar Wochen abgewohnt. Man könnte ja mal spieken, was sich bereits jetzt als Trends und Herausforderungen [1] herausschält. Aber das Schließen der Bücher für das letzte Jahr, die Jahreseröffnungsfeiern mit ihren Schwüren, dass dieses Jahr das beste in der Geschichte des Unternehmens werde mit neuen Prozessen, mit neuen Produkten, mit neuen Ideen, kurz: alles neu und besser (nur die Jahreseröffnungsriten sind alt und schlecht) hat die Zeit gefressen.

LVRG: Noch nicht am Ende der Entwicklung

Also müssen wir selbst nachdenken. Die Branche kann man sich seit einiger Zeit vorstellen wie einen Jongleur, der in die Luft geworfene Bälle brav wieder auffängt und erneut kreisen lässt. Allerdings werden von vielen weiteren Akteuren immer mehr Bälle in diesen Kreislauf gefädelt. Bälle stehen für Herausforderungen.

Ein Ball, von dem viele meinen, er würde bald aus dem Kreislauf verschwinden, weil endgültig gelöst, ist das Lebensversicherungsreformgesetz [2] (LVRG). Eigentlich ist man nur müde zu diesem Thema geworden, gelöst ist es noch lange nicht. Auch wenn die Versicherer mit Beginn dieses Jahres alle neue Courtageregelungen den Akquisiteuren angeboten haben, so sind wir immer noch nicht am Ende der Entwicklung.

Einmal werden die Reaktionen der Versicherer auf das Gesetz im Jahr 2015 von offizieller Seite überprüft. Zum anderen schränken die Anforderungen aus der Zinszusatzreserve, aus Solvency II [3], Investitionsbedarfen etc. Spielräume ein, die heute vielleicht noch genutzt werden.

 

Seite zwei: Der Bedarf ist groß, die Versorgungsdichte gering [4]

Die Kurzformel für die neuen Courtagen “vorne weg und hinten dran” ist vielleicht noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Das ist die eine Seite der Medaille, auf der anderen stehen die freien Vermittler. Zur Begründung des Gesetzes wurde zwar politikseitig festgestellt, dass es keine soziale Auswirkung auf irgendjemanden haben werde, aber wie sozial ist eigentlich der deutliche Griff in das Portemonnaie der Vermittler [5]?

Jedenfalls denkt der freie Vermittler darüber nach, seine Aktivitäten neu zu lenken. Wenn er seine Freude an der Vermittlung von versicherungsorientierten Altersvorsorgeprodukten verliert, dann steigert sich ein soziales Problem zu einem sozialpolitischen Problem, das mit seinem Zeigefinger Richtung Altersarmut deutet. Was könnte denn stattdessen vermittelt werden?

Bleiben wir mal bei Versicherungen. Ja, da haben wir ja noch die Biometrie [6], eine der Kernkompetenzen der Branche. Der Bedarf ist groß, die Versorgungsdichte gering, also offensichtlich eine Win-win-Situation von Versicherer und Vermittler.

Die klassische Lebensversicherung hat ausgedient

Nur, die Kernkompetenz haben plötzlich alle Lebensversicherer entdeckt und so zum produkttechnischen Haifischbecken gemacht. Hier dauerhaft Deckungsbeiträge zu erzielen, darf als Herausforderung eingestuft werden. Überhaupt Produkte: Die klassische Lebensversicherung hat ausgedient.

Hier und da gibt es noch Widergänger aus dem Totenreich. Also haben die Produktingenieure die Herausforderungen vor der Brust, Produkte mit neuen Garantiemodellen zu kreieren. Dabei auch gleich unterschiedliche Honorierungssysteme, Courtagesystem in Übereinstimmung mit LVRG oder Honorarsystem, will heißen Nettotarife [7], zu berücksichtigen.

Hier ist schon eine Reihe von Produktinnovationen im Markt, aber abgeschlossen ist dieser Prozess noch nicht. Ein Ball scheint dabei allerdings aus der Kette genommen zu sein. Und zwar die angekündigte Aufhebung der Höchstzinsverordnung. Hätte zusätzlich eigenständiges Kalkulieren erforderlich gemacht, so bleibt es einfacher, sich an Richtlinien anlehnen zu können.

Professor Dr. Hans-Wilhelm Zeidler ist Geschäftsführer von Zeidler Consulting in Berlin und war als Vertriebsvorstand für die Zurich Versicherung tätig.

Lesen Sie hier [8] den zweiten Teil des Gastbeitrags, in dem es um die Themen betriebliche Altersversorgung, Digitalisierung und Regulatorik geht.

Foto: Christof Rieken