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Geringe BU-Marktdurchdringung: Was sind die Gründe?

Angesichts der hohen hiesigen Beschäftigungszahlen überrascht es, dass nur etwa ein Fünftel der Deutschen über eine Erwerbs- oder Berufsunfähigkeitsversicherung verfügt. Besonders die jüngeren Zielgruppen sind nur unzureichend versichert – eine Spurensuche.

Kristina Salzwedel, Volkswohl Bund: “Alle Marktteilnehmer und -beobachter müssen dieses existenzbedrohende Risiko in die Köpfe der Menschen bringen.”

In den letzten Jahren haben sich die Anbieter von Berufsunfähigkeitsversicherungen [1] (BU) viele Gedanken über die Ursachen für die geringe Marktdurchdringung gemacht.

Drei wesentliche Gründe

Zu ihnen gehört Michael Stille, Vorstandschef der Dialog Lebensversicherung [2]. Für ihn sind im Wesentlichen drei Gründe maßgeblich: “Der erste Grund ist ein psychologischer: Das unangenehme Thema wird gern verdrängt, sodass es zu keiner vertraglich geregelten Absicherung kommt.”

Der zweite Grund ist laut Stille fehlende Information: “Versicherungswirtschaft, Verbraucherschützer [3] und staatliche Institutionen müssen erheblich mehr tun, um das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Absicherung in der Bevölkerung zu schärfen.”

Der dritte Grund sei ein finanzieller: “Die Liquidität vieler Erwerbstätiger reicht nicht aus, um die relativ teure BU bezahlen zu können. Dies gilt vor allem für junge Leute, die diesen Schutz mangels größerer finanzieller Reserven besonders benötigen.”

Falsche Gewichtung von Risiken

Einen weiteren Grund hat Bernhard Rapp ausgemacht, Direktor Marketing und Produktmanagement und stellvertretender Niederlassungsleiter Canada Life Deutschland: die falsche Gewichtung von Risiken. “Die Menschen halten spektakuläre Ereignisse wie Terroranschläge, Gewaltverbrechen oder Flugzeugabstürze für wahrscheinlicher als etwa schwere Erkrankungen [4] wie Schlaganfall oder Herzinfarkt.”

Den Menschen fehle die konkrete Vorstellung, wie ihr eigenes Leben dann weitergehen würde. “Viele hoffen auch, dass der Staat hier ausreichend weiterhelfen würde. Doch damit kann man nur noch in Fällen schwerster Beeinträchtigungen rechnen”, warnt er.

Einig sind sich Versicherer und Verbraucherschützer darin, dass die Bevölkerung noch stärker als bisher über das Risiko Berufsunfähigkeit [5] aufgeklärt werden muss.

“Alle Marktteilnehmer und -beobachter müssen dieses existenzbedrohende Risiko in die Köpfe der Menschen bringen”, fordert Kristina Salzwedel, Produktmanagerin Biometrie der Volkswohl Bund Lebensversicherung.

Seite zwei: Irrtümer und Vorurteile entkräften [6]

Einen Versuch hat kürzlich der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) unternommen: In einer Kolumne auf der Website des Verbandes griff Jörg von Fürstenwerth [7], Vorsitzender der Geschäftsführung, landläufige Irrtümer und Vorurteile [8] rund um den Berufsunfähigkeitsschutz auf, um sie zu entkräften.

Zu diesen Irrtümern gehört laut von Fürstenwerth die Einstellung “Mich trifft es nicht”, die insbesondere bei vielen jungen, gesunden Menschen verbreitet sei. Falsch sei auch der Glaube, dass BU-Schutz nur schwer zu haben ist.

Dass sich die Versicherer im Leistungsfall [9] querstellen, ist demnach ebenfalls ein Irrtum: Zahlen des Verbandes zufolge sei bei 77 Prozent der 62.000 Leistungsanträge im Jahr 2014 der Leistungsfall anerkannt worden.

BU-Policen unnötig kompliziert

Nicht korrekt sei auch, dass BU-Policen unnötig kompliziert sind. Viele Versicherer bemühen sich mittlerweile, speziell die Antragstellung einfacher zu gestalten.

“Die ausführlichen Fragen zu Gesundheit und Absicherungswünschen zu beantworten ist aufwendig, aber damit stellen wir sicher, dass der Kunde gewiss sein kann, dass er im Schadensfall die vereinbarte Absicherung auch erhält”, erklärt Fiknet Veseli, Abteilungsleiterin Produktmanagement private Altersvorsorge und Biometrie bei der Ergo.

Seite drei: An BU-Produkten muss gearbeitet werden [10]

“Unser Angebot M-Check bietet eine Vorort-Untersuchung durch eine medizinische Fachkraft nach Vereinbarung, wo immer und wann immer es dem Kunden passt. Und wir nutzen auch digitale Beratungsinstrumente, die die Abfrage relevanter Daten standardisiert, einfacher und schneller macht.”

Das Vertrauen in die gesetzliche Erwerbsminderungsrente ist laut von Fürstenwerth ein weiterer Irrtum rund um die BU, da diese nur eine Mindestabsicherung darstelle.

An BU-Produkten muss gearbeitet werden

Ein Aufsatz auf der Website eines Verbandes wird aber kaum etwas an der geringen Marktdurchdringung in der Sparte Arbeitskraftabsicherung [11] ändern. Auch an den Produkten muss gearbeitet werden.

Das sieht auch Stille so: “Aufklärung kann nur dann zu dem erwünschten Ziel führen, wenn das Angebot etwas taugt. Es muss ein zuverlässiger Schutz zu bezahlbaren Preisen angeboten werden. Solange das nicht flächendeckend erfolgt, wird sich die Marktdurchdringung in überschaubaren Grenzen halten”. (kb)

Foto: Volkswohl Bund

 

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