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bAV-Durchführungswege: Berater profitieren von Koexistenz

Vielfach wird die Kritik vorgebracht, das Sozialpartnermodell verkompliziere die schwierige betriebliche Altersvorsorge (bAV) zusätzlich. Dies ist nicht vollständig von der Hand zu weisen. Insgesamt dürfte sich daraus die Bedeutung des bAV-Beraters für seine Kunden noch einmal erhöhen.

Gastbeitrag von Dr. Marco Arteaga, DLA Piper

Marco Arteaga: “Es wird wohl auch künftig zu einem Nebeneinander mehrerer Durchführungswege kommen. Damit bleibt ein gutes Stück der Komplexität erhalten.”

Die Komplexität der bAV [1] und die uneinheitliche, teils widersprüchliche Behandlung derselben Versorgungsregelung im Arbeits-, Steuer-, Sozialversicherungs-, Versicherungs(aufsichts)- und Bilanzrecht ist den Unternehmen oftmals kaum noch zu vermitteln.

Zusätzliche Komplexitätsschicht

Und vor diesem Hintergrund erscheint es, als würde durch das Betriebsrentenstärkungsgesetz [2] und die zu erwartenden tariflichen Versorgungsmodelle einfach eine weitere, zusätzliche Komplexitätsschicht hinzugefügt.

Diese Kritik ist nicht vollständig von der Hand zu weisen. Zunächst aber bewirkt eine tariflich organisierte reine Beitragszusage prinzipiell für den Arbeitgeber eine drastische Vereinfachung der bAV.

Die Tarifparteien legen ein Versorgungssystem vor, wählen dafür einen oder mehrere geeignete Versorgungsträger und der Arbeitgeber [3] schließt sich diesem Versorgungsmodell [4] an – zwangsweise kraft Tarifbindung oder freiwillig durch vertragliche Inbezugnahme.

Entgeltumwandlung wird einfacher

Auch die Entgeltumwandlung [2] wird einfacher. Per Optionssystem bindet der Arbeitgeber alle seine Beschäftigten in die Entgeltumwandlung ein. Sofern ein Einzelner dies nicht wünscht, meldet er sich und es bleibt bei seinem bisherigen Lohnpaket.

Die gesamte Administration einschließlich der Mitarbeiterkommunikation übernimmt der (einzige) Versorgungsträger. Je nach tariflicher Ausgestaltung könnte der Arbeitgeber hierbei eine Individualisierung zum Beispiel durch freiwillige Zuzahlungen erreichen (zum Beispiel sogenannte “Matching Contributions”).

Seite zwei: Knackpunkt Steuer- und Beitragsrecht [5]

Leider, und hier ist der Kritik beizupflichten, werden jedoch viele Arbeitgeber nicht alle bAV-Fragen in ihrem Unternehmen mit einem solchen einfachen Modell beantworten können.

Knackpunkt Steuer- und Beitragsrecht

Ursache hierfür ist das Steuer- und Beitragsrecht. Denn die neuen reinen Beitragszusagen sind pro Begünstigtem steuerlich lediglich bis zu einer Höhe von acht Prozent der Beitragsbemessungsgrenze (BBG) in der gesetzlichen Rentenversicherung möglich. Schon ab vier Prozent der BBG werden übersteigende Altersversorgungsprämien sozialversicherungspflichtig.

Tatsächlich aber würden für eine betriebseinheitliches, gutes Versorgungssystem häufig Prämien von bis zu 15 Prozent der BBG benötigt. Unternehmen kommen daher nicht umhin, für höhere Versorgungsleistungen zusätzlich auf andere Durchführungswege auszuweichen, für die diese steuer- beziehungsweise beitragsrechtliche Limitierung nicht greift, also zum Beispiel Unterstützungskassen [6] oder Direktzusagen [7].

Nebeneinander mehrerer Durchführungswege

Somit wird es wohl auch künftig zu einem Nebeneinander mehrerer Durchführungswege kommen. Und damit bleibt ein gutes Stück der Komplexität der bAV in den Unternehmen erhalten. Insoweit ist die Kritik berechtigt.

Seite drei: Hohe Bedeutung des bAV-Beraters [8]

Gleichwohl darf man nicht verkennen, dass ein Dotierungsrahmen von acht Prozent der BBG, wie er durch das Betriebsrentenstärkungsgesetz geschaffen wird, oftmals für Einkommen bis etwa zur Höhe der BBG ausreichend sein dürfte.

Rein quantitativ dürfte das häufig der größere Teil der Beschäftigten sein. Zumindest in diesem Bereich dürfte es daher durch die Neuregelung zu einer Vereinfachung kommen.

Hohe Bedeutung des bAV-Beraters

Für den qualifizierten Vermittler wird die Arbeit bunter. Denn die neuen tariflichen Sozialpartnermodelle verdrängen nicht etwa automatisch die bisherigen Regelungen, sondern sie kommen hinzu. Manchen Arbeitgebern werden sie willkommen sein. Andere werden betriebsindividuelle Lösungen vorziehen.

Für den qualifzierten bAV-Berater wird jedenfalls die Beratungspalette erweitert. Er wird noch mehr benötigt als zuvor. Die Koexistenz der bisherigen bAV-Lösungen mit den neuen Sozialpartnermodellen wird auch dadurch interessant werden, dass die neuen steuerliche Förderung durch den Förderbeitrag für Geringverdiener (Paragraf 100 Einkommensteuergesetz), die Verbesserung von bAV-Riester, und Entlastung von freiwilliger Eigenvorsorge in der Grundsicherung ebenfalls für die bisherigen Formen der bAV gelten werden.

Insgesamt dürfte sich daraus die Bedeutung des bAV-Beraters [9] für seine Kunden noch einmal erhöhen. Denn nur er wird sie durch diese Gestaltungsvielfalt hindurchführen können.

Autor Dr. Marco Arteaga ist Rechtsanwalt und Partner bei DLA Piper.

Foto: DLA Piper


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