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EU-Rente – warum sie über das wirkliche Problem hinwegtäuscht

Das paneuropäischen Altersvorsorgeprodukt PEPP (Pan European Pension Product) ist ein richtiger Schritt, um mehr EU-Bürger dazu zu bringen, sich für das Alter finanziell abzusichern. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es hier um Standardprodukte geht, die nicht für jeden Anleger gleichermaßen passen.

Gastbeitrag von Professor Dr. Rolf Tilmes, Financial Planning Standards Board Deutschland

“Es wäre sinnvoller, die professionelle Finanz- und Vermögensplanung auf EU-Ebene zum Beispiel durch verbesserte Standards bei der Ausbildung zu stärken.”

Die Belastung für die gesetzlichen Rentensysteme wird immer größer, da immer mehr Rentenempfänger immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen. Genau aus diesem Grund werden die künftigen gesetzlichen Rentenzahlungen immer geringer ausfallen, während die private Altersvorsorge immer wichtiger wird.

Dass die Europäische Kommission darauf reagiert und mit PEPP [1] den EU-Bürgern eine grenzüberschreitende Altersvorsorge kostengünstig und flexibel anbieten will, ist deshalb begrüßenswert. Denn laut der EU-Behörde sorgen nur 27 Prozent der Menschen in der EU zwischen 25 und 59 Jahren privat vor.

Grundsätzlich sollen Sparern in der EU künftig fünf verschiedene Anlagemöglichkeiten zur Verfügung stehen, die unter anderem von Versicherungen, Banken, Vermögensverwaltern und betrieblichen Pensionskassen angeboten werden dürfen. Die PEPP-Produkte [2] sollen EU-weit standardisiert sein, so dass Anleger, die innerhalb der Union umziehen, diese ohne Abschläge oder größere Formalitäten mitnehmen können.

Gute Idee mit fragwürdiger Wirkung

Auch ist das eingezahlte Kapital garantiert. Zudem sollen Anleger alle fünf Jahre den Anbieter zu begrenzten Kosten wechseln dürfen. Und schließlich sollen sie den nationalen Vorsorgeprodukten in steuerlicher Hinsicht gleichgestellt werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass dadurch die Zahl der Menschen in der EU [3] steigt, die mit der privaten Altersvorsorge beginnen.

Allerdings ist zu befürchten, dass viele Anleger weiterhin auf Beratung verzichten und in ein solches Produkt dann investieren, ohne zu hinterfragen, was genau sich dahinter verbirgt und ob es tatsächlich zu ihren individuellen Bedürfnissen passt. Die Gefahr: Anleger gehen damit unter Umständen Risiken ein, die sie nicht kennen und möglicherweise nicht tragen können und übernehmen wollen.

Individuell angepasster Bedarf sollte im Mittelpunkt stehen

Der umgekehrte Weg ist jedoch stets der bessere: Zuallererst muss es immer darum gehen, eine vernünftige, individuell passende Allokation zu erarbeiten, erst dann sollten Anleger nach passenden Produkten suchen. Das können unabhängige professionelle Finanzplaner, wie die vom FPSB zertifizierten CFP-Finanzplaner leisten. Sie haben hierfür die entsprechende Ausbildung und die richtigen Werkzeuge.

Es wäre deshalb sinnvoller, die professionelle Finanz- und Vermögensplanung auf EU-Ebene zum Beispiel durch verbesserte Standards bei der Ausbildung zu stärken. Ebenso sollte innerhalb eines europäischen Kontextes die interessensfreie Beratung in den Vordergrund gestellt werden.

Damit könnte das Vertrauen in die Branche verbessert werden und mehr Menschen wären dann vermutlich bereit, sich von Finanzprofis Schwachstellen in ihrer Gesamtvermögenssituation aufzeigen und eine individuell passende Vermögensstrategie gestalten zu lassen. Passt dazu dann ein PEPP-Produkt, dann können Anleger investieren.

Prof. Dr. Rolf Tilmes ist Vorstandsvorsitzender des FPSB Deutschland und wissenschaftlicher Leiter des PFI Private Instituts an der EBS Finanzakademie/EBS Business School.

Foto: EBS