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Garantien? Ja, aber die richtigen!

Es war noch nie so wichtig, sich auf diejenige Garantie zu beschränken, die der jeweilige Kunde unbedingt benötigt. Eine Reduktion der nominellen Kapitalgarantie würde die Chance auf eine höhere Kaufkraft der Rente erhöhen – dies verlangt allerdings ein Umdenken von Beratern und Kunden.

Gastbeitrag von Professor Dr. Jochen Ruß, Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften

“Kein Produkt ist gut oder schlecht. Es kommt immer auf die Risikoneigung und Risikotragfähigkeit des Kunden an”, sagt Professor Dr. Jochen Ruß.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Niedrigzinsphase [1] wird oft behauptet, dass Altersvorsorgeprodukte [2] mit Garantien grundsätzlich nicht mehr sinnvoll seien, weil Garantien zu teuer sind.

Außerdem liest man oft, dass sich die deutschen Versicherer [3] in großer Zahl “von der klassischen Versicherung verabschieden”.

Körnchen Wahrheit

In beiden Aussagen steckt ein Körnchen Wahrheit. Beide Aussagen sind aber in dieser absoluten Form schlicht falsch.

Stellt man sich die Frage, was Versicherer besonders gut können, so landet man unweigerlich beim sogenannten Kollektivprinzip: Über ein Versichertenkollektiv werden Risiken, die für den Einzelnen nicht beherrschbar sind, abgesichert.

Nur die klassische Versicherung wendet das Kollektivprinzip auch auf Kapitalanlagerisiken an. Dies führt zu einer Stabilität der Erträge, die bei vergleichbarer Rendite nirgendwo anders zu finden ist.

Probleme der Branche

Die derzeitigen Probleme der Branche sind nicht durch diese Glättungsmechanismen verursacht, sondern dadurch, dass in der Vergangenheit dieses System mit (aus heutiger Sicht zu) großzügigen Garantien kombiniert wurde.

Aufgrund des unbestrittenen Nutzens der kollektiven Kapitalanlage erwarten wir daher, dass dieses erhalten bleibt, aber mit anderen Garantiezusagen kombiniert wird. Viele Versicherer bieten daher klassische Versicherungen mit alternativen Garantien [4] an (sogenannte neue klassische Produkte) oder nutzen die Klassik als Baustein zur Garantieerzeugung in chancenreicheren Garantieprodukten wie Hybridprodukten oder Indexpolicen [5].

Die meisten Versicherer setzen also auf Produktstrategien, in deren Zentrum nach wie vor Produkte auf klassischer Basis stehen. Produktstrategien, die komplett ohne klassische Bausteine auskommen, sind hingegen die absolute Ausnahme.

Seite zwei: Garantien per se sind nichts Schlechtes [6]

Auch Garantien per se sind nichts Schlechtes. Natürlich reduziert jede Garantie das Renditepotenzial und dieser Effekt ist bei niedrigen Zinsen besonders stark ausgeprägt. Es war also noch nie so wichtig wie heute, sich auf diejenige Garantie zu beschränken, die der jeweilige Kunde unbedingt benötigt.

Jederzeitige Kapitalgarantie selten bedarfsgerecht

Dies gilt sowohl für die Höhe (zum Beispiel 80 oder 90 Prozent statt 100 Prozent Kapitalgarantie) als auch für die “Form” der Garantie. Eine jederzeitige Kapitalgarantie ist in der langfristigen Altersvorsorge [7] selten bedarfsgerecht und somit eine unnötige Renditebremse.

Eine endfällige Kapitalgarantie und die Garantie eines lebenslangen Einkommens sind hingegen oft bedarfsgerechter. Der Wunsch nach “falschen Garantien” hängt damit zusammen, dass die meisten Menschen Sicherheit mit nomineller Kapitalgarantie gleichsetzen. Dies ist aber nicht korrekt: Einerseits kann man durch geeignete Kapitalanlagestrategien ein gewisses Maß an Sicherheit auch ohne Garantien erzeugen.

Quelle: ifa

Relevantere Dimension “Kaufkraft der lebenslangen Rente”

Umgekehrt kann eine Garantie in der Dimension “Eurobetrag zu einem bestimmten Zeitpunkt” die Sicherheit in der meist relevanteren Dimension “Kaufkraft der lebenslangen Rente” sogar reduzieren. Die Grafik verdeutlicht dies.

Hier gehen wir davon aus, dass ein Kunde ein in Bezug auf die nominelle Leistung sicheres Produkt erwirbt, welches in 30 Jahren exakt 100.000 Euro leistet. Die Kaufkraft der 100.000 Euro ist aufgrund der Inflation aus heutiger Sicht unsicher. Wenn der Kunde die 100.000 Euro verrentet, so hängt die Höhe der lebenslangen Rente davon ab, welches Zinsniveau und welche Lebenserwartung in 30 Jahren vorherrschen.

Umdenken vonnöten

Auch diese Größen und somit auch die Höhe der Rente [8] sind unsicher. Wirklich relevant ist aber die Kaufkraft der lebenslangen Rente. Diese ist zusätzlich noch von der Inflation abhängig und in der Grafik ganz rechts illustriert.

Eine Reduktion der nominellen Kapitalgarantie würde die Chance auf eine höhere Kaufkraft der Rente erhöhen. Es wird aber voraussichtlich sehr schwierig, dieses Umdenken in den Köpfen von
Beratern und Kunden zu verankern, zumal auch alle (deutschen und europäischen) Transparenzinitiativen zu Chancen und Risiken von Altersvorsorgeprodukten ausschließlich das Risiko in Bezug auf die nominelle Kapitalleistung bewerten und die Rentenhöhe sowie deren Kaufkraft komplett ausblenden.

Autor Professor Dr. Jochen Ruß ist Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften (ifa).

Foto: ifa