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Kfz-Branche: “Die Dimension der Veränderung verstehen”

Die digitale Transformation verändert die Kfz-Branche. Cash. sprach mit Dr. Daniel Schulze Lammers, Leiter des Bereichs SUHK Privatkunden bei der Axa, über die Rolle der Versicherungen in der mobilen Welt von morgen.

Daniel Schulze Lammers: “Wir beginnen gerade erst, die eigentliche Dimension der Veränderung zu verstehen.”

Cash.: Die Digitalisierung verändert die Erwartungshaltung der Kunden. Welche Ansprüche haben die Kunden heute an eine Kfz-Versicherung und ihren Versicherer?

Schulze Lammers: Kfz-Produkte sind heute weitgehend standardisiert, unterscheiden sich im Wesentlichen durch den Preis. Die meisten Kunden akzeptieren dies. Die Frage ist aber, ob das so bleiben wird.

Ich gehe davon aus, dass ganz neue Kundenerfahrungen [1] möglich sein werden. Von zentraler Bedeutung ist hierbei weniger das Versicherungsprodukt, sondern die Frage, wie wir die Beziehung zu unseren Kunden vertiefen können.

Wie gelingt es uns, für unsere Kunden vom “Schadenregulierer” zu einem echten Partner zu werden? Der hilft, Schäden vorzubeugen und, wenn doch etwas passiert, mit Rat und Tat zur Seite steht.

Die große Herausforderung ist dabei, dass wir im Alltag unserer Kunden heute keine große Rolle spielen. Abgesehen von einem Schaden [2] begrenzen sich die Kontakte mit unseren Kunden oft auf die jährliche Beitragsrechnung.

Das ist keine ausreichende Basis für eine vertrauensvolle Beziehung – und wem ich nicht vertraue, von dem möchte ich weder Rat noch Hilfe. Wir haben in den letzten Jahren viele Ansätze entwickelt, um im Leben unserer Kunden relevanter zu werden.

Seite zwei: Drei große Veränderungstreiber [3]

Cash.: KPMG sieht drei große Veränderungstreiber auf die Kfz-Versicherer zukommen: die On-Demand-Mobilitätsangebote, die autonome Fahrzeugtechnik und eine Verlagerung der Haftung hin zu den Automobilherstellern. In welche Richtung werden sich die Kfz-Versicherungskonzepte entwickeln?

Schulze Lammers: Die Zukunft der Mobilität wird von den großen Trends wie Konnektivität, autonomes Fahren, Sharing-Economy, aber auch Elektrifizierung bestimmt.

Diese Entwicklung wird die Mobilität [4] – wie wir sie heute kennen – massiv verändern. Ich glaube aber, dass wir gerade erst beginnen, die eigentliche Dimension der Veränderung zu verstehen.

Denn was heißt es für unsere Städte, wenn Parkflächen nicht mehr nötig sind? Was bedeutet es für die ländlichen Gegenden, wenn Mobilität viel einfacher zur Verfügung steht und auch Menschen, die heute de facto von individueller Mobilität abgeschnitten sind, sich wieder selbstbestimmt fortbewegen können?

Diese Veränderungen werden auch Auswirkungen auf Versicherungsleistungen haben. Die klassische, fahrzeugbezogene Absicherung mit einer Kombination aus Kfz- Haftpflicht- und Kaskoversicherung wird vermutlich eher an Bedeutung verlieren.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich eine Haftpflichtversicherung [5] für ein Fahrzeug abschließe, das ich selbst gar nicht mehr beeinflussen kann, weil es kein Lenkrad mehr hat und das nachts selbstständig zur Wartung fährt.

Und wenn ich das Fahrzeug nicht mehr kaufe, sondern nur noch einzelne Fahrten buche, fällt auch die Kasko-Absicherung weg. Die Absicherung solcher Risiken wird sich vermutlich zu industriellen Angeboten verlagern.

Diese Entwicklungen gehen aber nicht von heute auf morgen und insbesondere die nähere Zukunft wird eher durch das Nebeneinander unter- schiedlicher Ansätze und Modelle geprägt sein.

Seite drei: “Cyber-Risiken gewinnen an Relevanz” [6]

Cash.: Durch die zunehmende Automatisierung des Fahrens dürften sich mittelfristig die Fahr- und Unfallrisiken auch verändern. Welche Folgen hat die Entwicklung für kommende Tarife?


Schulze Lammers: Ganz sicher werden diese Entwicklungen auch Auswirkungen auf die Kfz-Versicherung haben. Mit der zunehmenden Digitalisierung, der Vernetzung der Fahrzeuge und steigender Autonomie des Fahrens wird insbesondere die Absicherung von Cyber-Risiken [7] an Relevanz gewinnen.

Grundsätzlich wird es allerdings weniger um den Gegenstand gehen, den wir absichern, sondern mehr um einen Menschen in einer individuellen Situation. Vermutlich auch über unterschiedliche Mobilitätsarten hinweg.

Ich würde das, was sich in diesem Kontext entwickelt, nicht mehr unbedingt „Kfz- Versicherung“ nennen. Ich glaube, das schränkt den Fokus zu sehr ein. Es geht um die Absicherung der Risiken, die sich durch Mobilität ergeben.

Und natürlich darum, den Kunden bei seiner Mobilität zu begleiten und mit den jeweils richtigen Angeboten für ihn da zu sein. Erste Erfahrungen mit solchen Deckungen sammeln wir etwa mit BlaBlaCar, Europas größter Mitfahr-Community.

Wo sehen Sie die Chancen des autonomen Fahrens?


Die Zahl der Unfälle und der Verkehrstoten wird weiter zurückgehen. Dies ist natürlich ein äußerst positiver Effekt des autonomen Fahrens [8].

Die gesellschaftlichen Veränderungen ergeben sich jedoch nicht allein aus dem autonomen Fahren, sondern aus der Kombination vieler Trends, die in Summe die Mobilität erheblich verändern werden.

Die Chancen daraus sind enorm und lassen sich heute nur in Ansätzen erkennen. Ohnehin glaube ich, dass die sekundären Effekte dieser Entwicklung – also Geschäftsmodelle, veränderte Lebensweisen und Möglichkeiten, die auf der veränderten Mobilität auf bauen – die weitreichendsten sein werden.

Seite vier: “Infrastruktur ist nicht bereit für autonomen Verkehr” [9]

Cash.: Aber wie bei allen Entwicklungen gibt es natürlich auch Risiken.


Schulze Lammers: Die gesamte Infrastruktur heute noch nicht auf einen autonomen Autoverkehr ausgelegt. Für die nächsten Jahrzehnte werden autonome und nicht autonome Fahrzeuge nebeneinander auf der Straße unterwegs sein.

Dieser Mischverkehr birgt zusätzliche Gefahren. Wir als Versicherer [10] sind ein wichtiger Beteiligter in diesem gesamten Veränderungsprozess.

Nur durch die geeignete Absicherung von Risiken können sich Menschen auf die neuen Möglichkeiten einlassen. Damit können wir den Prozess beschleunigen, wenn wir die richtigen Angebote machen.

Sie haben bereits einen Telematik-Tarif herausgebracht. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?


Wir haben bereits 2015 als einer der ersten Anbieter einen Telematik-Tarif mit einer wegweisenden App-Lösung auf den Markt gebracht haben und sind damit sehr erfolgreich.

Aus meiner Sicht wird die nutzerbasierte Tarifierung aber nur eine Übergangslösung auf dem Weg zum autonomen Fahren sein und die Relevanz individuellen Fahrverhaltens für die Kalkulation eher abnehmen.

Zudem tragen die meisten heute verfügbaren Angebote nicht wesentlich zu einem besseren Kundenerlebnis oder echten Fortschritten im Pricing bei. Ich bezweifle, dass sich Angebote, bei denen der Kunde letztlich nur mit einem Rabatt gelockt wird, nachhaltig sind.

Entweder gelingt es uns, mit den Angeboten Relevanz bei unseren Kunden [11] zu erzeugen und damit wie beschrieben die Kundenbeziehung zu vertiefen.

Oder das Thema wird eher eine Randerscheinung bleiben. Wir prüfen insofern gerade sehr intensiv, wie und ob wir unsere Angebote weiterentwickeln können.

Seite fünf: Das große Thema Datensicherheit [12]

Cash.: Ein großes Thema spielt in diesem Zusammenhang die Datensicherheit.

Schulze Lammers: Die Nutzung und Auswertung von Daten wird in Zukunft immer wichtiger für uns als Versicherer – und bringt ein hohes Maß an Verantwortung mit sich, der wir uns bewusst sind.

Die Einhaltung der datenschutzrechtlichen Vorschriften ist für uns selbstverständlich und auch bei unserer AXA Drive App legen wir sehr großen Wert auf den Datenschutz [13] und die Datensicherheit. Die eigentlichen Fahrdaten werden außer halb ihres Zugriffs pseudonymisiert und verschlüsselt in einer Cloud gespeichert.

Wir erfüllen damit nicht nur die Empfehlungen und Vorgaben der Landesdatenschutzbehörde, sondern haben unsere Telematik-Anwendung zudem durch einen externen Fachanwalt für Informationstechnologierecht auf Rechtskonformität überprüfen lassen.

Einer Studie von Bain zufolge sind zwischen 17 und 34 Prozent der Autobesitzer in den urbanen Ballungsräumen bereit, auf das Automobil zu verzichten. Vor dem Hintergrund dürfte die Kfz-Mobilität der Zukunft zur besonderen Herausforderung werden.

Wir sehen, dass die beschriebenen Veränderungen nicht gleichmäßig auftreten. Autonomes Fahren setzt eine Infrastruktur voraus, die voraussichtlich nicht überall aufgebaut werden kann. Die Schere zwischen ländlichen und städtischen Gebieten wird sich damit vermutlich eher öffnen.

Auch das ist aber natürlich eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die in der Mobilität nur einen einzelnen Ausdruck findet. Für uns als Versicherer [14] bedeutet das, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf diese Veränderungen zu reagieren.

Ich bin überzeugt davon, dass wir noch viele Jahre sehr klassische Angebote sehen werden. Gleichzeitig gilt es aber, neue Konzepte aufzubauen und auszuprobieren.

Im Grunde können wir ja dankbar sein, dass wir auf diese Art ein stabiles Standbein haben, von dem aus wir die neuen Entwicklungen begleiten können.

Seite sechs: Folgen für Vertrieb und Beratung [15]

Cash.: Welche Folgen hat die Entwicklung für den Vertrieb und die Beratung?


Schulze Lammers: Hier werden die Kunden die Richtung vorgeben. Wenn wir uns heute fragen, wer im Leben unserer Kunden relevant ist, dann sind das oft sehr erfolgreiche Agenturen, die es geschafft haben, eine ganz persönliche und stabile Kundenbeziehung [16] aufzubauen.

Es ist also sehr naheliegend, dass wir fest an die Zukunft der persönlichen Beratung glauben und insbesondere dem Agenturvertrieb eine besondere Bedeutung beimessen.

Wir sehen hier den digitalen Verkauf als eine Bereicherung, nicht als Bedrohung. Überhaupt glaube ich, dass es letztlich das Zusammenspiel unterschiedlicher Ansätze und persönlicher und digitaler Komponenten ist, das über den Erfolg entscheidet.

Fotos: Axa. Shutterstock

Interview: Jörg Droste

 

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