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„Wir sind ein Start-up mit 111-jähriger Erfahrung“

Wie relevant sind Unternehmensgröße und Spezialisierung für das heutige Versicherungsgeschäft? Die GHV Darmstadt eine kleine Gesellschaft und als Haftpflichtversicherer fokussiert auf das Segment Land- und Forstwirtschaft. Cash. sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden Hans-Gerhard Coenen im ersten Teil des großen Interviews über die Unternehmensgröße und die Ausrichtung auf das Segment Landwirtschaft.

 

Hans-Gerd Coenen ist seit 1. Januar 2018 Vorstandsvorsitzender der GHV Darmstadt

 

Die GHV Darmstadt ist mit 108.000 Verträgen eine relativ kleine Gesellschaft? Wie relevant ist Unternehmensgröße im heutigen Versicherungsgeschäft?

Coenen: Der Erfolg als Unternehmen ist nicht eine Frage der Größe sondern des jeweiligen Engagements und der Spezialisierung. Unsere Größe ergab sich aus dem Gründungszweck unserer „Anstalt“, der nicht nur den Personenkreis geografisch sondern auch das Produktangebot sehr genau festlegte. Ziel war dabei nie Wachstum, sondern Sicherung der Existenz der Land- und Forstwirte Südhessens. Ich gebe Ihnen Recht: Bisher waren kleine Versicherungsunternehmen, die sich auf bestimmte Produkte spezialisieren, klar im Nachteil.

Doch die Digitalisierung rüttelt momentan die bestehenden Gesetzmäßigkeiten des Marktes kräftig durcheinander: Die kleinen Unternehmen sind beweglicher, können ihre Organisation schneller umbauen. Die technische Entwicklung ermöglicht es ihnen, „sicht- und vergleichbar“ zu werden. Spezialversicherer waren in der Vergangenheit oft kleine Mauerblümchen, die – sehr bescheiden – zufrieden damit waren, wenn sie mit viel Anstrengung und Ausdauer überhaupt gefunden wurden. Wir verstehen uns heute als „Startup mit über 111-jähriger Erfahrung.“

Sie heben sich nach eigenen Aussagen von anderen Versicherern ab. Was macht die GHV Darmstadt so besonders?

Coenen: Als gemeinnütziger Versicherer steht bei uns leistungsstarker und bezahlbarer Versicherungsschutz im Vordergrund. Unterm Strich muss am Ende des Jahres kein größtmöglicher Gewinn stehen, sondern Wirtschaftlichkeit, Stabilität und zufriedene Kunden. In unserem Zielgruppensegment, der Land- und Forstwirtschaft, agieren wir im Prinzip wie eine Versicherungsmanufaktur. Maßgeschneiderte Produkte, oft zusammen mit dem Kunden oder dem Makler entwickelt, sind bei uns nicht selten.

Zudem profitieren unsere Kunden automatisch von Produktverbesserungen, da sie immer mit dem aktuellsten Bedingungswerk versichert sind. Unsere Sachbearbeiter werden noch persönlich erreicht, mit ihrer Durchwahlnummer. Das gibt vor allem dann Sicherheit, wenn der Kunde sie am meisten braucht: im Schadensfall.

Seite 2: Fokus Land- und Forstwirtschaft [1]

Und wo liegen Ihre Schwerpunkte?

Coenen: Bisher lag unser Schwerpunkt sehr stark im Cluster der Land- und Forstwirtschaft. Zukünftig werden wir uns im Segment der grünen Berufe, ganze 14 an der Zahl, breiter aufstellen. Unser Know- How und die langjährige Erfahrung aus der Nutztierversicherung und der Absicherung von Reitbetrieben werden wir für Versicherungslösungen für private Tierhalter nutzen und schon bald entsprechende Produkte anbieten.

Woher stammt die Fokussierung auf die Land- und Forstwirtschaft sowie Weinanbau?

Coenen: Diese starke Ausrichtung begründet sich in unserem Ursprung. Die landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft – damals des Großherzogtums Hessens – erkannte, dass die gesetzliche Unfallversicherung für ihre Landwirte zur Existenzsicherung nicht genügte. Deshalb gründete sie 1907 einen gemeinnützigen Haftpflichtversicherer, der den Landwirten speziellen, bezahlbaren Versicherungsschutz ermöglichte, die GHV Darmstadt.

Diesem Grundsatz sind wir treu geblieben. Erst mit der Lösung von der Berufsgenossenschaft in den 2000ern war die Erweiterung unseres Angebots überhaupt möglich, das wir seitdem kontinuierlich ausbauen.

Was macht das Geschäft in dem Segment so speziell?

Coenen: Das hat zwei wesentliche Gründe: Der Landwirt an sich und der tiefgreifende Strukturwandel innerhalb der letzten zehn Jahre in der Landwirtschaft. Die versicherten Flächen werden immer größer, der Fuhrpark technisch ausgefeilter und damit teurer. Schaut man in die Zukunft, werden selbstfahrende Arbeitsmaschinen bald keine Seltenheit mehr sein. Die Vollkasko spielt hier bald keine Rolle mehr, dafür aber die Maschinenbruchversicherung.

Betriebe spezialisieren sich zum einen auf wenige Produkte, werden zum anderen aber immer mehr Allrounder. Bisher reine Familienbetriebe wandeln sich zu Unternehmen mit Arbeitnehmern. Nebenerwerbszeige wie das Betreiben eines Hofladens oder die Übernahme von Winterdiensten sind zum Überleben notwendig. Gesetzliche Auflagen wie etwa der Umweltschutz und das Tierwohl beeinflussen die Branche. Auch die Ausrichtung der Betriebe – konventionell oder bio – wirkt sich auf den Versicherungsbedarf aus.

Ohne entsprechendes Know How ist man hier schnell am Ende. Fachwissen fordert auch der Landwirt ein. Er ist heute sehr gut – oft auch akademisch – ausgebildet. Da er am Ende nicht nur Produzent, sondern auch Händler ist, dessen Ware extremen Preisschwankungen unterliegen, ist er sehr preissensibel. Schnelle, einfache, und handfeste Lösungen müssen für ihn her, da der Tag in der Landwirtschaft oft mehr als 24 Stunden haben müsste. (dr)

Foto: GHV Darmstadt