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AOK-Chef rechnet mit Spahn ab

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) fällt immer wieder durch große Ideen und Gesetzesvorhaben. Dass das nicht überall gut ankommt, zeigt ein aktuelles Pressegespräch mit Christopher Hermann, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg.

Ein sorgenvoller Blick: Die Pläne von Gesundheitsminister Spahn stoßen nicht nur auf Unterstützung.

Als “Schnellschüsse” und “Nebelkerzen” bezeichnet Hermann die Projekte des Bundesgesundheitsministers. Diese würden die Versorgung der Patienten nicht bessern, dem Pflegenotstand [1] in Kliniken oder dem Fehlen von Ärzten im ländlichen Raum nicht wirklich abhelfen.

Dabei gebe es aktuell diverse Baustellen im deutschen Gesundheitswesen, die dringend gelöst werden müssen.

1. Zugang zu Arztpraxen

Das geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz verspricht den Kassenpatienten, schneller einen Termin vor allem bei Fachärzten zu bekommen.

Dass dies gelingen kann, ist laut Hermann zwar nicht auszuschließen, jedoch setzt jeder Arztbesuch ein Grundvertrauen von Krankem und Behandler voraus.

Führen der Termin aber zu einem Mediziner, der den Patienten [2] “noch nie gesehen hat, der nicht weiß, was mit ihm los ist”, würde die Behandlung nicht verbessert. “Da hat Herr Spahn eine Nebelkerze gezündet und gaukelt eine bessere Versorgung vor”, so Hermann.

Als Alternative sieht der AOK-Landeschef die Verträge mit Allgemein- und Fachärzten, die seine Kasse geschlossen habe. Da erhielten Versicherte innerhalb von 14 Tagen einen Termin. Dies würde den Medizinern extra honoriert und die Behandler des Kranken wüssten über die veranlassten Maßnahmen Bescheid.

Seite zwei: Mehr Pflegekräfte [3]

2. Mehr Pflegekräfte

Das Pflegepersonalstärkungsgesetz und die Vorschriften über Personaluntergrenzen in Kliniken, die zunächst für die Notfallversorgung, die Kardiologie und die Geriatrie gelten, bezeichnete Hermann in Ulm als “schräge Entwicklung”.

Zwar sei es kein leichtes Unterfangen, festzulegen, wie viele ausgebildete Pflegekräfte [4] auf einer Station mit Herz- oder Alterserkrankungen tags und nachts notwendig seien.

Die Zahl der Schwestern oder Pfleger in den Kliniken zu zählen und nach dem am schlechtesten ausgestatteten Viertel der Häuser einen Schnitt zu machen, um allen Einrichtungen einen Personalschlüssel vorzuschreiben, sei jedoch bedenklich.

3. Kosten

Der AOK-Chef beziffert die Folgen von Spahns Vorgaben auf mindestens fünf Milliarden Euro. Dem stünden Rücklagen der Kassen [5] in Höhe von 2,5 Milliarden Euro gegenüber.

Trotz des Kostenschubs habe die AOK den Betrag um 0,1 Prozentpunkte gesenkt. Bei einem Bruttolohn von 3.000 Euro seien das nur 1,50 Euro im Monat. “Dafür kriegen Sie kein Schnitzel”, merkt er an und fügt hinzu, die AOK koste dies 90 Millionen Euro.

Ihm zufolge werden die Beiträge 2020 und wohl auch 2021 stabil bleiben. Ohne Namen zu nennen merkte er an, dass dies wohl nicht allen Mitbewerbern gelingen werde.

Seite drei: Paritätischer Beitrag [6]

4. Paritätischer Beitrag

Dass Arbeitgeber und -nehmer sich seit Anfang des Jahres sowohl Versichertenbeiträge als auch den Zusatzbeitrag teilen, hält Hermann für akzeptael.

Zwar sei die Reform [7] bei den Arbeitgeber nicht mit Begeisterung aufgenommen worden, jedoch sei es positiv, dass deren Vertreter sich nach Jahren, in denen die Zusatzbeiträge allein von den Beschäftigten finanziert wurden, jetzt wieder intensiv in die Debatte um ein effizientes Gesundheitssystem einmischten.

Zu wenig Personal für Rettungseinsätze

Der AOK-Landeschef sorge sich um die stark ansteigende Zahl der Rettungseinsätze und Krankenfahrten in Baden-Württemberg. Dass es Sanitätern nicht überall gelinge, in den vorgeschriebenen 15 Minuten da zu sein, scheitere oft an fehlendem Personal.

Zudem müsse dafür gesorgt werden, Rettungsfahrzeuge nicht für Krankenfahrten zu nutzen. Hermann schlägt vor, die Rettungsleitstellen stärker zu zentralisieren, um sie mit modernster Technik [8] auszustatten.

So könnten Leerfahrten vermieden werden. Außerdem würden weitaus mehr Notärzte und Rettungssanitäter dringend benötigt.

Seite vier: Schließung von Krankenhäusern [9]

Die Forderung, Krankenhäuser zu schließen, unterstützt die Südwest-AOK derweil. Zentralisierung um ihrer selbst willen dürfe dabei jedoch nicht das Ziel sein, so Hermann.

In Regionen Kliniken vorzuhalten, die gleiche Leistungen anböten, sei jedoch für eine qualitativ hochwertige und effiziente Versorgung der Patienten zu kostspielig. Überdies fehlten die erforderlichen Ärzte und Pflegekräfte. (bm)

Foto: Shutterstock

 

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