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Grüne Betriebsrente: Der Spurwechsel in der bAV

Die wenigsten Unternehmen haben bislang in ihre bestehenden bAV-Rahmenverträge grüne Verträge mit aufgenommen oder als alleinigen Tarif installiert. Dabei ist das Marktpotenzial für Versicherer und Berater in dem Segment beträchtlich.

 

Demonstranten bei der ‘Fridays for Future’ Demonstration im Rahmen des weltweiten Klimastreiks auf der Friedrichstraße. Berlin, 29.11.2019

Die ungeschminkte Wahrheit zu hören, kann manchmal sehr unangenehm ein. Greta Thunberg und „Fridays for Future“ halten der Politik und der Wirtschaft den Spiegel vor. Sie mahnen, einen Umbruch einzuleiten, weil es bei einem Weiter-so keine Zukunft mehr gibt.

Das Umdenken setzt ein. Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung spielen für immer mehr Unternehmen eine essenzielle Rolle. Auch weil die Personalverantwortlichen immer häufiger bemerken müssen, dass sich angehende Mitarbeiter immer weniger ausschließlich von rein finanziellen Aspekten überzeugen lassen.

Gerade die Millennials hinterfragen die ökonomischen und sozialen Prinzipen ihrer Arbeitgeber: Sie legen hohen Wert auf den sozialen Fußabdruck der Organisation, für die sie arbeiten. Corporate Social Resonsibility, kurz CSR, lautet das Schlagwort: „Vorausschauend wirtschaften, gerecht mit Beschäftigten umgehen, Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt übernehmen“, beschreibt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales CSR.

Die Nachhaltigkeit ist Bestandteil der sozialen Verantwortung. Die betriebliche Praxis setze CSR und Nachhaltigkeit sehr „handfest“ um, sagt Dr. Henriette Meissner, Geschäftsführerin der Stuttgarter Vorsorge-Management GmbH und Generalbevollmächtigte für die bAV der Stuttgarter Lebensversicherung a. G.

„Sie überträgt Umwelt- und Klimaschutz auf Produkte und Wertschöpfung. Man sorgt für einen fairen und sozialen Umgang mit den Mitarbeitern, zum Beispiel in der Ausprägung, dass man die Work-Life-Balance stärkt. Und genau hier passt auch die Betriebsrente perfekt. Sie verbindet Engagement für die Beschäftigten und soziale Verantwortung, weil die Betriebsrente für die Beschäftigten ein unglaublich wertvoller Bestandteil ihrer ,Wertschöpfung‘ ist. Und sie macht die Unternehmen ,wertvoller‘ für die Beschäftigten. Sie hilft beim Binden und Gewinnen von Beschäftigten“, so Meissner.

„Grundsätzlich ist die bAV ein nachhaltiges Thema, da hier Unternehmen dafür sorgen, dass Mitarbeiter eine zusätzliche geförderte Altersvorsorge für sich aufbauen“, ergänzt Gottfried Baer, Geschäftsführer der Mehrwert Finanz- und Versicherungsberatung aus Bamberg. Baer hat sich mit seinem Maklerunternehmen 2010 auf die nachhaltige Altersvorsorge und Kapitalanlage spezialisiert und gilt als Experte in dem Segment.

 

Seite 2: Nachhaltigkeit hat die Nische längst verlassen [1]

Doch wenn man den Kreis in Sachen Nachhaltigkeit größer ziehe und auf ökologische und soziale Anlagethemen bei den Versicherungstarifen achte, dann sehe die Welt ein wenig anders aus, so Baer: „Wir erleben bei den meisten Unternehmen, mit denen wir sprechen, dass die Themen Nachhaltigkeit und bAV in der Regel bisher vielfach unbekannt ist. Die wenigsten Unternehmen haben bis dato in ihren bestehenden Rahmenvereinbarungen grüne Tarife mit aufgenommen oder diese als alleinigen Tarif installiert“, sagt der Nachhaltigkeitsexperte.

Auch weil das Wissen um nachhaltige Geldanlagen extrem gering ist. So kennen 60 Prozent der Menschen hierzulande nicht den Begriff „nachhaltige Geldanlage“, ergab eine Umfrage der BaFin. Eine Studie des Schweizer Asset Managers Vontobel macht deutlich, vor welchen Herausforderungen die Vermittler stehen, wenn sie die Kunden auf das Thema Nachhaltigkeit ansprechen. Immerhin 59 Prozent der Befragten wissen nicht, dass ein ESG-Nachhaltigkeitsansatz in Bezug auf Sparen und Anlegen überhaupt möglich ist.

Gleichwohl beobachtet das Investmenthaus einen Stimmungsumschwung: „Für Privatkunden steht immer noch die finanzielle Rendite im Vordergrund, aber wir beobachten, dass die Zahl jener ansteigt, die sich ein Portofolio auf der Grundlage ihrer persönlichen Werte vorstellen“, zeigt sich Thomas Trsan, Spezialist für ESG und Impact Investing bei Vontobel, überzeugt.

„Nachhaltigkeit ist in den vergangenen zwei Jahren ein Megatrend geworden“, bestätigt auch Meissner. „Wenn Sie mich fragen, hat das Thema längst die Nische verlassen. Das gilt auch und gerade für die betriebliche Altersversorgung, wo Nachhaltigkeit nicht nur bei den Arbeitnehmern gern gesehen ist, sondern sich auch beim Wettbewerb der Unternehmen um die besten Köpfe bewährt.“

Auch Baer sieht ein Umdenken. Doch ein Selbstläufer ist die grüne bAV nicht. Denn es braucht neben einer Unternehmensführung, die davon überzeugt ist, auch eine überzeugende innerbetriebliche Kommunikation.

„In den Unternehmen, die wir gerade in der Umsetzung begleiten, stellen wir fest, dass sich 75 Prozent der Mitarbeiter für grüne Tarife und 25 Prozent für konventionelle Tarife entscheiden, wenn beide zur Auswahl stehen. In den Gesprächen hören wir immer wieder die Aussage, dass Mitarbeiter ihr Geld lieber dorthin investieren, wo es neben Ertrag auch noch etwas Gutes für Gesellschaft und Umwelt tut.“ Voraussetzung sei aber, dass sich die Unternehmensverantwortlichen bewusst für eine grüne bAV entschieden haben und diese Überzeugung auch entsprechend in der Belegschaft kommuniziert wurde, sagt Baer.

 

Seite 3: Wie nachhaltig ist die bAV [2]

Doch wie nachhaltig ist die betriebliche Altersvorsorge? Aus regulatorischer Sicht ist die Nachhaltigkeit in der Anlagepolitik der Versicherer kein neues Thema, heißt es von Seiten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, BaFin.

Schließlich hatten die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA) bereits mit Einführung von Solvency II gewisse Erwartungen skizziert. So machen beispielsweise die EIOPA-Leitlinien zur Geschäftsorganisation deutlich, dass es zum Grundsatz der unternehmerischen Vorsicht gehört, bei der Kapitalanlage auch das Merkmal Nachhaltigkeit zu berücksichtigen.

Anfang 2019 konkretisierte zudem das Versicherungsaufsichtsgesetz im Hinblick auf die Kapitalanlage, inwieweit sich Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung im ESG-Belangen auseinandersetzen sollen – etwa im Risikomanagement oder im Own Risk Assessment.

Ob und wie diese Einrichtungen ESG-Belange in ihrer Anlagepolitik berücksichtigen, müssen die Unternehmen der Öffentlichkeit, der Aufsicht und den Kunden transparent darlegen. Klingt erst einmal positiv. Auf der anderen Seite sind Pensionskassen und Pensionsfonds in Deutschland nicht verpflichtet, nachhaltige oder sogenannte ESG-Kriterien (Environmental, Social and Governance – Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) bei der Kapitalanlage zu berücksichtigen.

Das stellte Barthold Kuipers, bAV-Experte bei der EIOPA auf der Herbsttagung der Pensions-Akademie im Frankfurt/Main Mitte September klar. Die Einrichtungen der bAV hätten keine Verpflichtung, sondern lediglich die Option, bei Investitionen ESG-Kriterien zu berücksichtigen. Doch: Wenn sie es nicht täten, müssten sie dies ihren Versicherten mitteilen.

Jedoch erwartet die EIOPA von den nationalen Aufsichtsbehörden, dass sie die Pensionsfonds und Pensionskassen dazu auffordern, in ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft die Auswirkungen ihrer langfristigen Investitionsentscheidungen und -aktivitäten auf die ESG-Kriterien zu berücksichtigen. Als Einrichtungen, die mit dem sozialen Ziel der Altersvorsorge betraut sind, sollten sie mit gutem Beispiel für verantwortungsbewusstes Handeln vorangehen.

 

Seite 4: Mit grüner bAV auf die Überholspur [3]

Wie nachhaltig die deutschen Versicherer bei der Kapitalanlage aufgestellt sind, wollte die BaFin im Rahmen einer Abfrage im vergangenen Jahr von den deutschen Versicherern wissen. Demnach betrachten die Versicherer 73 Prozent ihrer Kapitalanlagen als nachhaltig ein. Rund 13 Prozent verwenden die Positivliste.

Die Ergebnisse zeigen zudem, dass 57 Prozent der Unternehmen bei der Auswahl der Anlagen Umweltaspekte (Eviromental), 56 Prozent soziale Kriterien (Social) und knapp 55 Prozent Aspekte der Unternehmensführung (Governance) berücksichtigen. Knapp 16 Prozent der Unternehmen haben die Prinzipen der Vereinten Nationen für verantwortungsvolle Investitionen (UNPRI) unterzeichnet. Mit der Unterzeichnung der UNPRI verpflichten sich die Investoren, die sechs Prinzipien in ihre Investitionsentscheidungen einfließen zu lassen.

Die Prinzipien sehen unter anderem vor, dass die Investoren Themen aus Umwelt, Soziales und Unternehmensführung in ihre Investmentanalyse- und Entscheidungsfindungsprozesse einbeziehen. Doch eine nachhaltige Ausrichtung von Kapitalanlagen bedeutet noch längst kein grünes Produktportfolio. Grüne bAV-Anbieter gibt es laut Mehrwert-Geschäftsführer Baer nur eine Handvoll: „Die Stuttgarter Lebensversicherung, der Volkswohl Bund, die Barmenia, die Pangea Life oder die Concordia oeco.“

Die Stuttgarter bietet seit rund sechs Jahren grüne Tarife an. „Angefangen haben wir 2013 mit einem reinen Deckungsstock, der Grüne Rente Classic. Zwei Jahre später haben wir eine nachhaltige Drei-Topf-Hybrid-Fondspolice entwickelt und seit diesem Jahr bieten wir auch eine nachhaltige Indexrente an. Alle Neuerungen haben wir zeitgleich mit den Produkten der privaten Altersvorsorge auch in der bAV umgesetzt“, erklärt Meissner.

Damit ist die Stuttgarter derzeit der einzige Anbieter im Markt mit einer komplett nachhaltigen Rentenlinie, die auch Hybrid- und Indexrenten umfasst und in der betrieblichen Altersvorsorge angeboten wird. Noch. Denn das Umdenken und Umschwenken hat eingesetzt. Meissner ist von dem langfristigen Erfolg der nachhaltigen, grünen bAV überzeugt.

Auch weil die EU die Regularien hinsichtlich des nachhaltigen Investierens verschärft. „Vor dem Hintergrund, dass die ESG-Kriterien künftig auch durch die IDD unmittelbar in jeder Kundenberatung eine Rolle spielen werden, dürfte die Bedeutung grüner Altersvorsorgelösungen weiter wachsen“, sagt Meissner.

Auch Baer sieht die grüne bAV auf der Überholspur. „Dafür sprechen zu viele Fakten. Zum einen wird die Politik dafür sorgen, dass institutionelle Anleger, wie es Versicherungen sind, nachhaltiger anlegen müssen. Zum anderen fordert das neue Mindset der Bevölkerung die Versicherer dazu auf, bei diesem Thema umzudenken. Viele Häuser sind auf dem Weg, ernsthafte grüne Versicherungstarife zu gestalten und auf den Markt zu bringen. Zudem erkennen auch immer mehr Berater und Makler die Chancen, die sich dadurch für ihren eigenen Betrieb auftun. Mit entsprechender Weiterbildung und Unterstützung durch spezialisierte Häuser ergeben sich für überzeugte Marktteilnehmer große Differenzierungs- und Umsatzchancen in den nächsten Jahren. Wir sehen hier für den Markt ein enormes Marktpotenzial und das wird von vorausschauenden Versicherern und Beratungsunternehmen erschlossen werden.“ Von Jörg Droste, Cash.

Foto: dpa