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Pflegevorsorge: Der Demografie ein Schnippchen schlagen

Ist die private Pflegeversicherung ein Muss? Ist die gesetzliche Pflegepflichtversicherung nach der Reform ausreichend? Wie gelingt eine private Absicherung? Was hat die Pflegeversicherung mit der demografischen Entwicklung zu tun?

Gastbeitrag von Ellen Ludwig, Ascore Das Scoring

Vorausschauende Beratung: Das Thema finanzielle Pflegevorsorge sollte möglichst frühzeitig angegangen werden.

Es mag einige Menschen geben, die über solche Fragen nachdenken, die meisten beschäftigen sich jedoch erst damit, wenn es schon (fast) zu spät ist.

Rund 60 Prozent der Bevölkerung sind aktuell zwischen 20 und 64 Jahre alt. Vor allem diese Personen sind die “Pflegefälle” von morgen. Derzeit verfügen circa 3.500.000 Menschen über eine private Pflegezusatzversicherung, 650.000 haben eine geförderte “Pflege-Bahr” abgeschlossen.

Im Umkehrschluss grob gerechnet heißt das, dass nur circa sechs Prozent dieser Bevölkerungsgruppe eine private Pflegevorsorge [1] abgeschlossen haben.

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff nach PSG II

Aber benötigt man diese überhaupt? Es ist ja jeder über seine gesetzliche oder private Krankenkasse [2] in der sozialen Pflegeversicherung pflichtversichert – das sollte doch ausreichen!

Mit dem Pflegestärkungsgesetz II (PSG II), das final zum 01. Januar 2017 in Kraft trat, schuf die Regierung die Grundlagen für mehr Individualität in der Pflege und Gerechtigkeit in der Beurteilung der Pflegebedürftigkeit.

Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und das neue Begutachtungsverfahren orientieren sich ausschließlich an den Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit und den Fähigkeiten der Betroffenen.

Seite zwei: Pflegegrade statt -stufen [3]

Was zählt, ist, was der einzelne pflegebedürftige Mensch im Alltag allein leisten kann und wobei er Hilfe benötigt – unabhängig davon, ob die Beeinträchtigung auf körperlichen oder geistigen Einschränkungen gründet. Davon profitieren mehr als 1,5 Millionen Menschen mit einer demenziellen Erkrankung.

Zur besseren Abbildung der Beeinträchtigungen werden die drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt. Diese Pflegereform ist zweifellos durchdacht und sinnvoll, die Lücke zu den tatsächlich anfallenden Kosten bei ambulanter oder stationärer Pflege schließt sie jedoch nicht.

Bereits vor Auswirkungen des Pflegestärkungsgesetztes stiegen die Leistungen der sozialen Pflegeversicherung [4] von 2003 bis 2017 um mehr als das Doppelte, der Beitrag stieg im gleichen Zeitraum um 37 Prozent.

Die Lücke weitet sich

Um diese Entwicklung finanzieren zu können, muss die soziale Pflegeversicherung entweder die Beiträge deutlich und regelmäßig anheben, was nur bedingt möglich ist, oder alternativ die Leistungszahlungen reduzieren.

Die Konsequenz: Die Lücke beziehungsweise der zu zahlende Eigenanteil bei Pflegebedarf, der derzeit im Durchschnitt bei 1.700 Euro liegt, wird deutlich größer werden.

Der demografische Wandel beeinflusst die Entwicklung im Pflegebereich gleich an mehreren Stellen. Die Lebenserwartung [5] steigt weiter und zudem werden immer mehr Menschen älter.

Je älter die Bevölkerung, desto pflegebedürftiger

Nach den Schätzungen zur Bevölkerungsentwicklung wird in Deutschland die Anzahl älterer Personen (67 Jahre und älter) bis zum Jahr 2040 voraussichtlich auf knapp 21,5 Millionen steigen. Sie wird damit um 6,3 Millionen oder um 42 Prozent höher sein als die Anzahl der über 67-Jährigen im Jahr 2013.

Ab dem 75. Lebensjahr steigt die statistische Wahrscheinlichkeit, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, stetig an – im Alter 85 bis 90 beträgt sie rund 38 Prozent, über 90 Jahren sogar 58 Prozent. Das heißt: Je älter die Bevölkerung, desto höher die Zahl der Pflegebedürftigen.

Schätzungen zufolge werden im Jahr 2030 gut 3,5 Millionen Menschen Pflegefälle sein. Zwei Drittel aller derzeit Pflegebedürftigen sind weiblich, bei Personen über 85 Jahren sind es sogar drei Viertel.

Seite drei: Weniger Kinder können Eltern pflegen [6]

Dementsprechend hoch ist hier der Beratungsbedarf, denn oft ist die Altersvorsorge und Rente von Frauen durch Teilzeit und Kindererziehung niedrig und zusätzlich stellt sich für Frauen die Frage, wer sie im Alter pflegen wird, wenn der Ehepartner schon verstorben ist.

Ein weiterer Demografieeffekt verschärft die Notwendigkeit, für Pflege im Alter bezahlen zu können: In den Familien gibt es weniger Kinder, oft sind in Ehe oder Partnerschaft beide berufstätig und können sich nicht so intensiv um ihre Eltern kümmern, wie es früher einmal der Fall war.

Reicht die Rente [7] für die Pflege der Eltern nicht aus, müssen die Kinder für die Pflege der Eltern aufkommen. Wer also seine Kinder nicht mit Pflegekosten belasten möchte, sorgt am besten rechtzeitig mit einer privaten Pflegeversicherung vor. An guten und vielfältigen Angeboten zur privaten Pflegeabsicherung mangelt es definitiv nicht.

Welche Vorsorge passt?

Die Versicherer, Kranken- wie Lebensversicherer, haben die Änderungen der Pflegereform in ihre Tarifwelt aufgenommen und bieten ein vielfältiges Produktportfolio an. Pflegerente, Pflegetagegeld oder Pflege-Bahr – welche Pflegevorsorge ist die passende?

Die Krankenversicherer bieten hier mit Abstand die größte Auswahl und Vielfalt an Tarifen für ein breites Kundenspektrum an, die Lebensversicherer [8] punkten eher durch garantierte Leistungen.

Die neuen Krankentagegeld- oder Pflegemonatsgeldtarife sichern, ebenso wie die gesetzliche Pflege, die neuen Pflegegrade nach PSG II ab. Optimal sind dabei Tarife, die unterschiedliche Absicherungshöhen bei den Pflegegraden eins bis fünf anbieten.

Auch junge Leute können sensibilisiert werden

Gut ein Viertel der Tarife sehen dies vor. Üblicherweise werden als Zielgruppe für den Abschluss von Pflegetarifen die 35- bis 60-Jährigen gesehen.

Neue Tarifkonzepte machen es nun möglich, dass man auch junge Menschen für die Pflegevorsorge sensibilisieren kann – mit Pflegegeldtarifen, die speziell für junge Leute konzipiert sind. Günstige Tarife unter zehn Euro sind für junge Leute das “A und O”.

Dies erreicht man indem die Pflegegeldtarife ohne Alterungsrückstellung starten und dann sukzessive auf Pflegegeld mit Alterungsrückstellung umgeschichtet werden.

Seite vier: Tarife bei Pflegegrad eins sehen keine Leistung vor [9]

Die staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung Pflege-Bahr ohne Gesundheitsprüfung ist zur alleinigen Vorsorge aufgrund der sehr geringen Leistungshöhen nicht geeignet. Sie kann die Versorgungslücke nicht schließen, ist aber ein Schritt zur Verringerung der Pflegelücke.

Die Tarife der Lebensversicherer [10] richten sich nicht konsequent nach gesetzlichen Pflegegraden, sondern vielfach auch zusätzlich nach ADL-Punkten, vereinzelt auch nur nach ADL-Punkten, wie auch bereits vor PSG II.

Wichtig zu wissen ist auch, dass die aktuellen Pflegerententarife bei Pflegegrad eins, außer bei einer Gesellschaft (Allianz), keine Leistung vorsehen. Dafür ist eine Beitragsbefreiung im Leistungsfall unabhängig vom Pflegegrad inkludiert (dazu im Vergleich: in der Krankenversicherung oft erst ab Pflegegrad vier).

Für jeden gibt es die passende Vorsorge

Die Lebensversicherungstarife decken grundsätzlich in der Zielgruppe ein breites Altersspektrum ab, darüber hinaus interessante Tarifkonzepte gegen Einmalbeitrag für Senioren.

Bei Personen über 55 Jahren, die zum Beispiel über Kapital aus einer auslaufenden Lebensversicherung verfügen, bietet eine Pflegerente die Möglichkeit, auch noch spät in die Pflegevorsorge einzusteigen.

Wer über einen Einmalbeitrag zusätzlich zur Pflegeabsicherung [11] noch Vermögen aufbauen will, wird am Markt zum Beispiel bei der Versicherungskammer fündig. Ob junge Leute, Singles, Familienmenschen oder Senioren: Für alle gibt es die passende private Pflegevorsorge.

Seite fünf: Keine Vollversorgung aus der gesetzlichen Pflege [12]

Und auch die gesetzliche Pflegeversicherung hat mit dem Pflegestärkungsgesetz einen großen Schritt nach vorn gemacht, was die Beurteilung, Einordnung und Leistungsgerechtigkeit von pflegebedürftigen Menschen betrifft.

Was die Gesetzesänderung nicht leistet und auch nicht leisten kann, ist eine Vollversorgung aus der gesetzlichen Pflege – diese bietet eine gute Grundversorgung, deckt aber nicht die tatsächlichen Pflegekosten – und diese Lücke wird sich aufgrund von Demographieeffekten und notwendigen Steigerungen bei der Bezahlung des Pflegepersonals vergrößern.

Sorgenfrei älter werden

Der Gedanke, aufgrund von Pflegebedürftigkeit [13] einmal Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, belastet viele Menschen. Der Wunsch, nach einem langen Arbeitsleben, einen würdigen Lebensabend bis ins hohe Alter entgegenzusehen, bleibt für viele Menschen mit Sorgen um die Finanzierbarkeit der monatlichen Kosten bei Hilfebedürftigkeit verbunden.

Dabei ermöglichen moderne Technik, hervorragende medizinische Unterstützung, individuelle ambulante und stationäre Pflegemöglichkeiten sowie neue Wohnformen ein erfülltes Leben, selbst mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Wer daher privat zusätzlich vorsorgt, kann sorgenfreier dem Älterwerden entgegenblicken.

Autorin Ellen Ludwig ist Geschäftsführerin bei Ascore Das Scoring in Hamburg.

Foto: Shutterstock

 

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