1. Juli 2020, 07:30
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Es gibt noch viel zu tun

Eine Immobilie ist ein wertvoller Besitz. Egal ob Haus oder Wohnung. In beidem stecken erhebliche Werte. Daher sollt der Versicherungsschutz für Haus und Wohnen eigentlich essenziell sein, ist es aber bei Weitem nicht. Mit welchen Herausforderungen Versicherer und Assekuradeure zu kämpfen haben, zeigt der Cash.-Roundtable mit Domcura-Produktvorstand Rainer Brand, Thomas Nairz, Hauptbevollmächtigter bei Iptiq Deutschland und Michael Neuhalfen, Leiter Vertrieb bei der Alte Leipziger Allgemeine.

 

 

 

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Das heimische Sofe unter Wasser

Rund 820 Naturkatastrophen mit Versicherungsschäden registrierte der weltgrößte Rückversicherer, die Munich Re im Jahr 2019. Das waren dreimal so viel wie noch vor 30 Jahren. Vier Fünftel der verzeichneten Katastrophen waren hydrologischer oder meteorologischer Natur – also Hochwasser, Starkregen, Hagel oder Stürme.

Nach den Berechnungen des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) haben sie 2019 in Deutschland versicherte Schäden an Hausrat, Wohngebäuden und Industriebetrieben von rund 2,1 Milliarden Euro verursacht.

Am härtesten traf es Bayern. Stürme, Hagel und Starkregen verursachten dort versicherte Schäden in Höhe von 675 Millionen Euro. Dahinter folgen Nordrhein-Westfalen und Hessen mit 348 Millionen Euro und 208 Millionen Euro.

Das zeigt die regionale Naturgefahrenbilanz 2019 des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Das Jahr 2019 ist charakteristisch für Extremwetter in Deutschland mit einigen schweren Stürmen, großer Hitze und zum Teil starken lokalen Überschwemmungen“, bilanziert GDV-Präsident Wolfgang Weiler.

Mit 1,8 Milliarden Euro verursachten Sturm und Hagel die höchsten Schäden. Auf Bayern entfielen 579 Millionen Euro. Verantwortlich dafür war vor allem Tief „Jörn“ im Juni 2020. Nordrhein-Westfalen (324 Millionen Euro) und Hessen (174 Millionen Euro) trafen nach Angaben des GDV insbesondere die beiden Stürme „Dragi“ und „Eberhard“ im März.

Erweiterte Naturgefahren wie Starkregen oder Hochwasser kosteten die Versicherer rund 300 Millionen Euro. Die meisten Schäden gab es mit 96 Millionen Euro wiederum in Bayern, gefolgt von Baden-Württemberg mit 43 Millionen und Hessen mit 34 Millionen Euro.

Nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Potsdam-Instituts für Klimafolgen haben vor allem die Rekordregenereignisse in den letzten Jahren zugenommen. In Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin und der Universität Köln und den Versicherern haben die Klimaforscher die Unwetterschäden der letzten Jahrzehnte mit unterschiedlichen Klimamodellen verknüpft.

Demnach wird gerade der Westen der Bundesrepublik bis zum Jahr 2100 immer mehr unter Stürmen zu leiden haben. Die Szenarien gehen davon aus, dass die Schäden in manchen Regionen dort um bis zu 100 Prozent steigen dürften. Durch die Klimaerwärmung werden die Winter milder und regenreicher. Die Folge: Hochwasser und Überschwemmungen werden häufiger auftreten. Bislang hatten die Forscher mit einer Verdopplung oder Verdreifachung gerechnet.

Neue Prognosen zeichnen ein deutlich düstereres Bild. Ohne Anpassungsmaßnahmen werden die Schadenkosten von jetzt 500 Millionen Euro deutlich überschritten. „Ich denke, dass die Versicherer hier in besonderer Art und Weise gefordert sind, sich auf die verändernde Situation und den Kundenbedarf einzustellen“, sagt Rainer Brand, Vorstand für Produkte und Betrieb bei Domcura. Die MLP-Tochter ist als Assekuradeur seit Jahrzehnten fokussiert auf die Absicherung von Wohnungen, Gebäuden und Hausrat.

Wie reagieren die Menschen auf das Gefährdungspotenzial? Laut GDV sind zwar bundesweit nahezu alle Wohngebäude gegen Sturm und Hagel abgesichert sind. Bei der Absicherung gegen die Elementargefahren gibt es Nachholbedarf. „Knapp zehn Millionen Hausbesitzern fehlt der Schutz vor Elementargefahren wie Starkregen oder Hochwasser. Hausbesitzer und Mieter sollten ihren Versicherungsschutz überprüfen und anpassen“, betont GDV-Präsident Weiler.

Welche Folgen Starkregen haben kann, zeigte sich vor sechs Jahren im Münsterland. „Quintia“ hieß das Unwetter, das am 28. Juli 2014 über Münster und das Münsterland zog. Innerhalb von sieben Stunden fielen wenige Kilometer nördlich der Stadt 292,5 Liter Niederschlag. In der Stadt waren es nur noch 122,2 Liter. Hunderte Keller liefen voll, auf den Straßen stand das Wasser stellenweise mehr als einen halben Meter hoch und in der Stadt brach kurzzeitig das öffentliche Leben weitgehend zusammen.

Die Westfälische Provinzial und die LVM als die größten Gebäudeversicherer der Region zahlten allein für Münsteraner 69 Millionen Euro. Einen Schadenersatz erhielten allerdings nur die Versicherten, die neben der Wohngebäudeversicherung auch den Zusatzbaustein „erweiterte Naturgefahren“, bekannt auch als Elementarschadenversicherung, abgeschlossen hatten. Den sie zahlt bei solchen Ereignissen wie Starkregen oder Überflutungen sowie bei Hochwasser.

Für diejenigen, die keine Versicherung abgeschlossen hatten oder denen das Geld für eine Versicherung fehlte, sprang die Stadt ein. Rund 5.500 Haushalte erhielten per Eilverfügung rund 5,5 Millionen Euro. Und Münster ist leider nicht die Ausnahme. 2016 traf es Simbach am Inn. 2017 Berlin.

Und am 29. Mai 2018 fielen in Wuppertal binnen 90 Minuten stellenweise bis zu 100 Liter auf den Quadratmeter. Auch hier liefen viele Keller voll. Was sprachlos macht: Die Stadt Wuppertal hatte selbst keine Elementarschadenversicherung abgeschlossen und dürfte somit auf vielen Instandsetzungskosten sitzengeblieben sein.

Die Beispiele zeigen, dass immer häufiger auch Regionen betroffen sind, die fernab großer Flüsse liegen. „Wolken halten sich selten an Deiche“, sagt denn Michael Neuhalfen, Leiter Vertrieb bei der Alte Leipziger Sachversicherung, im Verlaufe des Gespräches.

Natürlich können Kommunen in Hochwasserschutz investieren. Doch ein Gebäude ist nicht wasserdicht. Fenster und Türen halten kein stehendes Wasser auf. Und eine nicht zu unterschätzende Gefahr kommt von unten: Durch die Überlastung der Kanalisationen kommt es zum Rückstau in den Abwasserleitungen. Die Folge: Das Wasser bahnt sich seinen Weg in Wohnung, wie Münsteraner oder Wuppertaler leidvoll erfahren mussten.

Daher sollten gerade Inhaber älterer Policen ihre Verträge prüfen. Denn ältere Bedingungswerke schließen beispielsweise die Mitversicherung von Schäden durch Starkregenereignisse wie Rückstau nicht mit ein, betonten Neuhalfen, Brand und Nairz im Expertengespräch. Angesichts der Tatsache, dass gerade die Elementargefahren zunehmen dürften halten die drei Teilnehmer des Cash.-Roundtables die Absicherungen für alternativlos.

Bei Domcura haben rund zwei Drittel der Kunden eine Versicherung gegen die Naturgefahren abgeschlossen. „Wenn jemand nicht versichert ist, ist es in vielen Fällen so, dass er glaubt, darauf verzichten zu können“, sagt Domcura-Vorstand Brand. Deutlich geringer ist dagegen die Elementardurchdringungsquote bei der Alte Leipziger.

In der Wohngebäudeversicherung habe man im Bereich Elementar eine Abdeckungsrate von etwa 35 Prozent. „Wir sind einer der ältesten Versicherer in Deutschland mit einem alten Versicherungsbestand“, erklärt Vertriebsleiter Neuhalfen.

Daher habe man sich in der Wohngebäudeversicherung die Aufgabe gestellt, alle alten Verträge anzufassen. Eine wichtige Frage war dabei, ob ein Elementarschutz bereits in den bestehenden Verträgen eingeschlossen sei. „Falls nicht, wollten wir ein vereinfachtes Angebot erstellen“, so Neuhalfen. „Die Rücklaufquote war erstaunlich hoch, denn viele Kunden haben festgestellt, dass zwar Sturmschäden versichert sind. Aber Sturmschäden sind keine Elementarschäden.“

„Letztlich sprechen wir vom einem sehr beratungsintensiven Produkt“, sekundiert Thomas Nairz, Hauptbevollmächtigter des Swiss Re-Digitalversicherers Iptiq. Die Versicherungsdichte für die Elementarschadenabsicherung oder Absicherung gegen Naturgefahren liegt bundesweit gegenwärtig bei 45 Prozent. 2008 lag die Quote bei gerade 25 Prozent.

„Man sieht schon, dass der Vertrieb dort eine massive Steigerung erreicht hat“, sagt denn auch Iptiq-Hauptbevollmächtigter Nairz. Dennoch muss am Ende der Kunde entscheiden: „Und da gibt es Menschen, die bewusst Nein sagen und das Risiko selbst tragen möchten. Und das müssen wir akzeptieren“, so das Fazit von Neuhalfen. Also bleibt die Frage der Absicherung von Hausrat und Immobilien immer auch eine Frage von der Abwägung, der Aufklärung und vor allem der Beratung. (dr)

Foto: Shutterstock

 

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