Mehr als nur eine Frage des Kollektivs

Fabian Nadler, Bitkom: "Ein wichtiges und maßgebliches Kriterium für den Erfolg von individualisierten Versicherungstarifen ist der Datenschutz und die Datensicherheit.“

Jeder dritte Bundesbürger würde seiner Versicherung persönliche Daten zum eigenen Verhalten zur Verfügung stellen, jeder Zweite hält individuelle Tarife für gerechter. Gleichzeitig wächst aber auch die Angst, durch die Bekanntgabe der Daten den Versicherungsschutz zu verlieren. Dabei waren Daten schon jeher Grundlage des Versicherungsgeschäfts. Ein Gastbeitrag von Fabian Nadler, Bitkom.

Wenn ein Auto fährt, fallen jede Sekunde wichtige Informationen an, über die Geschwindigkeit oder Lenkbewegungen. Und immer mehr Unternehmen versuchen diese Daten zu speichern, zu interpretieren – und daraus einen geschäftlichen Vorteil zu ziehen.

Für Versicherungsunternehmen waren Daten schon immer Grundlage ihres Geschäfts und werden es auch in Zukunft bleiben. Ohne die Vielzahl an Daten war und ist es nicht möglich, die Risiken des Versicherungskollektivs zu berechnen.

Seit einigen Jahren steht die Diskussion im Raum, ob Versicherer auch individualisierte Versicherungstarife anbieten sollten. Dabei wird oftmals vergessen, dass es schon heute sehr viele individualisierte Versicherungstarife gibt. Beim Antragsprozess einer Berufsunfähigkeitsversicherung wird nicht ohne Grund eine Vielzahl an persönlichen Merkmalen abgefragt.

Innovationen in Kfz- und Krankenversicherung

Insbesondere in der Kfz- und Krankensparte tauchten in den letzten Jahren innovative Produkte auf. Aktuell wären einer Bitkom-Studie zur Folge 29 Prozent der Befragten bereit, persönliche Verhaltensdaten mit ihrem Versicherer zu teilen, um individuelle Angebote zu erhalten. Doch weshalb kommt diese Debatte erst seit einigen Jahren ins Rollen? Schon in der Vergangenheit konnten die Versicherer aufgrund der Schadenshistorie des Versicherungskollektivs recht präzise das Risiko auch für die Zukunft berechnen.

Der entscheidende Grund ist die Digitalisierung, die leichtere Verfügbarkeit von immer mehr Daten und der Zugang zu neuen Datenquellen. Traditionell sind viele Versicherer mit der Problematik konfrontiert, nur sehr selten mit dem Endkunden zu interagieren. Meist hat der Versicherer nur Kontakt mit dem Vermittler und wenig mit dem Endkunden selbst – und auch dieser findet häufig nur beim Vertragsabschluss statt und dann womöglich über Jahre nicht mehr.

Dies hat zur Folge, dass Versicherer meist nur auf Schadensdaten zurückgreifen können und nur wenige persönliche Merkmale des Versicherten kennen, wie das Alter oder den Beruf. Perspektivisch versuchen nicht wenige Versicherer dies zu ändern. Als interessante Möglichkeit gibt es seit wenigen Jahren vielversprechende Bestrebungen in der Versicherungsbranche, neue Datenquellen anzuzapfen oder zu schaffen.

Passgenauere Kfz-Tarife durch Telematik

Insbesondere in der KfZ-Versicherung wird mit Hochdruck daran gearbeitet, neue Risikomerkmale zu finden, um somit eine passgenauere Versicherungsprämie anbieten zu können, sogenannte Telematiktarife. Insbesondere jüngere Fahrer mit wenig Erfahrung müssen zu Beginn vergleichsweise hohe Prämien zahlen.

Doch wäre es nicht fairer, dass ein Fahranfänger, der sehr umsichtig seine ersten Kilometer im motorisierten Straßenverkehr bestreitet, weniger zahlen muss als der der, der er es erstmal so richtig krachen lassen möchte? Sollte nicht generell das Fahrverhalten viel stärker in die Berechnung der Prämie miteinbezogen werden? Würde ein in Aussicht gestellter Prämiennachlass für umsichtiges Fahren auch zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr führen?

Diese Fragen zeigen, dass die Debatte um individualisierte Versicherungstarife sehr facettenreich ist. Neben der ethischen Komponente – wenn man zum Beispiel nicht an die Kfz-, sondern an die Krankenversicherung denkt – beinhaltet die Diskussion auch starke technologische Elemente. Es bedarf nicht unerheblicher Anfangsinvestitionen, um eine ausreichend hohe Datenqualität zu erhalten.

Nur wenige Versicherer sind in der Lage detaillierte Informationen auszuwerten

Dieser hohen Qualität bedarf es, um überhaupt einen solchen Tarif anbieten zu können. Nur wenige Unternehmen sind heutzutage schon in der Lage, diese sehr detaillierten Informationen über das Fahrverhalten zu erhalten.

Lediglich Ort, Zeit und Geschwindigkeit aufzuzeichnen mag ein erster Schritt sein, kann aber wohl nur schwer als wirklich innovativ angesehen werden, was per se natürlich auch kein Selbstzweck ist. Das Brems- und Kurvenverhalten für die Risikomodellierung heranzuziehen liefert deutlich bessere Ergebnisse, bedarf aber einer größeren Investition und ist momentan eher bei den größeren Anbietern zu erwarten.

So muss beispielsweise erkannt werden, ob die Vermeidung eines Auffahrunfalls oder schlicht Fahrlässigkeit die Ursache für eine abrupte Bremsung gewesen ist. Doch nur weil es aus technischer Sicht möglich ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass diese Tarife vom Kunden auch akzeptiert werden. Geht es beispielsweise um ein reines Bonus-System, in welchem dem Kunden Nachlässe auf die Prämien gewährt werden, können dies Kunden als sehr attraktiv einstufen.

Seite 2: Darum sind Telematiktarife ökonomisch spannend

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