5. Mai 2020, 00:01
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“Wir haben im Moment einen Anlagenotstand”

Dr. Guido Bader ist der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) und Vorstandsmitglied der Stuttgarter Lebensversicherung a.G.. Mitten in der Coronakrise sprach Cash. mit ihm über die Pandemie und mögliche Folgen, die Verwerfungen an den Kapitalmärkten, die von der DAV geforderte Absenkung des Höchstrechnungszinses und den Anlagenotstand der Lebensversicherer.

Portrait Dr Guido Bader RGB in Wir haben im Moment einen Anlagenotstand

Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung und Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung

 

Dr. Bader, welche Auswirkungen hat Covid-19 auf die Arbeit der Deutschen Aktuarvereinigung?
Bader: Alle Geschäftsstellenmitarbeiter waren über Wochen im Homeoffice. Unsere große Jahrestagung mit über 1.000 Teilnehmern mussten wir absagen. Wir haben sie aber als E-Tagung auf unserer internationalen Streamingplattform actuview durchgeführt, die wir nach unserem Weltkongress 2018 gestartet haben und auf die fast alle Aktuare in Europa Zugriff haben.

Auf dieser „Youtube-Version für Aktuare“ finden sich sehr viele hochwertige Vorträge und Präsentationen; ein Geschenk in dieser sehr schwierigen Zeit. Ansonsten geht auch in den Unternehmen die Arbeit mit „Volldampf“ weiter: Wir haben die Jahresabschlüsse, die Solvency-II-Berichte für die Öffentlichkeit oder das Holistic Impact Assessment, also die aktuelle Auswirkungsstudie im Rahmen des Solvency-II-Reviews.

Diese fordert EIOPA von uns ein. Zudem müssen die Risiken von Corona bewertet werden. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf das Geschäftsmodell und unsere Bilanzen nach HGB und Solvency II? Abseits von Corona geht die Produktentwicklung natürlich auch weiter.

Lassen sich die Coronarisiken derzeit schon abschätzen?
Bader: Wir können allenfalls qualitative Aussagen treffen. Quantitative sind dagegen nicht möglich, weil verlässliche Zahlen fehlen und die Mortalitätsraten noch unklar sind. In Bezug auf die Lebensversicherung können wir sagen, dass die versicherungstechnischen Risiken vermutlich überschaubar bleiben. Allerdings hängt das davon ab, wie gut man die Ausbreitung des Virus in den Griff bekommt.

Bleibt die Mortalitätsrate bei den unter 60-Jährigen gering, werden wir dort kaum zusätzliche Leistungsausgaben haben. Was wir noch nicht abschätzen können ist, ob mit der bevorstehenden Rezession auch ein Anstieg der BU-Fälle einhergeht. Ganz maßgeblich ist dagegen das Geschehen an den Kapitalmärkten. Dort sind die Einschläge heftig. Und es sind nicht nur die Aktien. Das Zinsniveau war bereits niedrig und ist jetzt weiter unter Druck geraten.

Wir haben im Moment einen Anlagenotstand. Und das niedrige Zinsniveau wird zusätzlich Druck auf die Lebensversicherer ausüben. Hinzu kommt: Wir wissen nicht, wo Zinsen und Börsen zum Jahresende stehen. Darüber hinaus können wir auch die Auswirkungen auf die Immobilien- oder Hypothekenmärkte noch nicht absehen. Also: Der schwerste Impact trifft die Kapitalanlage der Lebensversicherer.

Rund 7500.000 Unternehmen mit Millionen Arbeitnehmern sind in Kurzarbeit. Die Arbeitnehmer und die Unternehmen sind Versicherungskunden und nicht wenige dürften Probleme haben, ihre Verträge zu bedienen. Welche Folge hat dies für die Versicherer?
Bader: Als Vorstand der Stuttgarter erwarte ich, dass die Stornoraten in diesem und im kommenden Jahr durchaus erhöht sein werden. Wie hoch die Zahlen sein werden, hängt davon ab, wie lange der Shutdown dauern wird.

Wir werden im Bereich der Lebensversicherung erhöhte Storni sehen und Stundungen im Bereich der Sachversicherung. Die Frage ist, wie weit die Versicherungsnehmer danach in der Lage sein werden, die rückständigen Beiträge nachzubezahlen.

Gleiches gilt für die bAV durch die Kurzarbeit. Die Betroffenen werden die Verträge vermutlich zwischen drei bis sechs Monaten beitragsfrei stellen wollen, um danach wieder einzusteigen. Das alles verursacht erheblichen Verwaltungsaufwand. Ich glaube, die Versicherer werden die Coronafolgen spüren. Aber existenzbedrohend wird dies nicht.

 

Seite 2: “Die Menschen suchen ein Stück weit einen Sicherheitsanker”

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