1. Juli 2020, 07:07
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“Wolken halten sich selten an Deiche“

Rund 820 Naturkatastrophen mit Versicherungsschäden registrierte die Münchener Rück im Jahr 2019 – dreimal so viele wie noch vor dreißig Jahren. Vier Fünftel der verzeichneten Katastrophen waren hydrologischer oder meteorologischer Natur, also Überflutungen oder Stürme. Die Naturkatastrophen nehmen zu. Cash. diskutierte mit drei Experten über die Folgen für die Wohngebäude-, Hausrat- und Elementarabsicherung.

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Rainer Brand, Domcura: “Mehr eine Frage des Wollens des Kunden als des Könnens der Versicherungswirtschaft”

Wir erleben, dass Naturgefahren immer größere Schäden verursachen. Wir sehen extreme Wetterereignisse wie Tornados, Stark- regen und lokale Überschwemmungen. 2018 lag die Schadensumme bei rund 2,7 Milliarden Euro. 2019 waren es immerhin 2,1 Milliarden Euro. Welche Auswirkungen hat der Klimawandel für Deutschlands Versicherer?

Neuhalfen: Wir spüren die Zunahme der Wetterphänomene. Gerade gestern war zu lesen, dass der heiße Sommer 2016 wahrscheinlich dieses Jahr getoppt wird. Und wenn es heiß ist, dann ist es trocken, es wird Brände geben, es wird Staub geben, es wird Stürme geben, es wird Tornados geben, auch dort wo sie vielleicht noch nie jemand gesehen hat.

Wir erleben eine Zunahme. Global, in Europa, in Deutschland. Und da, wo Sachschäden entstehen, sind Versicherer plötzlich auf den Plan gerufen. Mit Zahlungen in einer Größenordnung, wie sie vor Jahren oder Jahrzehnten überhaupt nicht Praxis waren.

Brand: Ich denke, dass die Versicherer hier in besonderer Art und Weise gefordert sind, sich auf die Situation und einen entsprechenden Kundenbedarf einzustellen. Es müssen dort Lösungen geschaffen werden, die diesem Umstand Rechnung tragen. Die Themen Klima, Wetter, Unwetter werden uns zunehmend und mit Intensität begleiten.

Nairz: Ich glaube, der Trend ist klar ersichtlich, und da sind die Versicherer gefordert. Es geht um eine stärkere Kommunikation und Aufklärung. Da ist sicherlich die Versicherungswirtschaft, aber auch die Politik gefordert, in der Bevölkerung und der Industrie eine Awareness, eine Sensibilität zu schaffen. Ich halte dies für einen wichtigen Punkt.

Der GDV warnt, dass bei einer Erderwärmung von vier Grad die daraus entstehenden Risiken nicht mehr versicherbar seien, weil die Schäden aus Unwettern und Trockenphasen schlichtweg unkalkulierbar wären. Wo sehen Sie die großen Herausforderungen?

Neuhalfen: Sie fragten, ob die Versicherer an die Grenzen der Versicherbarkeit stoßen. Im Allgemeinen würde ich das noch verneinen. Das Angebot der Versicherungswirtschaft ist umfänglich. Es gilt aber, ein Bewusstsein zu schaffen, dass Versicherungsschutz sehr wohl zu bekommen ist und benötigt wird.

Es ist mehr eine Frage des Wollens des Kunden als des Könnens der Versicherungswirtschaft. Dennoch: Wenn Wetterveränderungen stark zunehmen, können wir in einzelnen Risikosegmenten tatsächlich an die Grenzen dessen stoßen, was durch die Versicherungswirtschaft beherrschbar ist. Denn Versicherung hat auch immer etwas mit Wahrscheinlichkeiten zu tun und deren Kalkulation. Wenn der Zufall aber ausgeschaltet ist, weil sicher ist, dass der Schaden eintritt, sind wir am Ende der Versicherbarkeit.

Brand: Natürlich kann der Kunde durch Prävention einen Beitrag leisten. Wenn jemand verantwortungsvoll mit Risiken umgeht, können wir einen Teil des Schadenrisikos reduzieren. Die Frage ist, inwieweit ein Versicherer in der Lage ist, diese Portfolios künftig zu managen.

Wir als Assekuradeur haben spezifische Zugangswege, die das Gesamtrisiko einschränken. Und wir haben ein Tarifierungsmodell für unsere Zugangswege entwickelt, das wir sehr gut beherrschen. Schaut man auf den globalen Versicherungsmarkt und die Ereignisse, gilt es, Lösungen zu schaffen, die sich wegentwickeln von unserem Geschäftsmodell und eher die Rückversicherungsmärkte betreffen. Die Themen Prävention und Management des eigenen Portfolios werden die Gesellschaften in ihrem jeweiligen Markt besonders fordern werden.

 

Seite 2: Es wird immer Menschen geben, die bewusst Nein sagen

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