Ratings: Im Spannungsfeld zwischen Vergleichbarkeit und Individualität

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Ellen Ludwig: „Als Rater haben wir eine Mitverantwortung für eine gesunde Entwicklung.“

Ratings sind ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Wirtschaft. Das trifft auch auf die Versicherungswirtschaft zu. Investoren bedienen sich ihrer bei Anlageentscheidungen, Medien verwenden sie bei der Berichterstattung. Und auch die Öffentlichkeit verfolgt die Ergebnisse. Wann sind Ratings wichtig? Wie viele Ratings brauchen wir? Und wann schießen sie über das Ziel hinaus? Ein Gastbeitrag von Ellen Ludwig, Ascore Analyse, Hamburg.

Produkt- und Unternehmensratings haben seit Beginn des Jahrtausends enorm an Bedeutung gewonnen – und es ist kein Rückgang in Sicht. Im Gegenteil, steht nun mit der ESG-Richtlinie der EU für nachhaltiges Handeln und Investieren eine weitere Herausforderung für Versicherer wie Analysten an. Zum 1. Juli 2022 sollen bestimmte Vorgaben zur Kategorisierung im Sinne von Nachhaltigkeitsaspekten von Investmentfonds und Versicherungsanlageprodukten angewendet werden.

Neue Herausforderung: Nachhaltigkeit

Ab dem 1. Juli 2022 müssen Kunden entsprechend ihrer Nachhaltigkeitspräferenzen befragt werden und je nach Wunsch die entsprechenden „grünen“ Tarife angeboten bekommen. Im Versicherungsbereich wird das zum Beispiel für Rententarife in der privaten, geförderten oder betrieblichen Altersvorsorge relevant. Das heißt, Nachhaltigkeit soll nicht nur verpflichtend berücksichtigt, sondern auch für jedermann transparent und objektiv dargestellt werden. Um Vergleichbarkeit zu unterstützen, werden auch hier, schon alleine wegen der Komplexität des Themas, Ratings gefragt sein.

Den Anstoß für die uns jetzt bekannte Vielfalt in der Produktentwicklung und die damit verbundene Zunahme an Ratings gab die Deregulierung des Versicherungsmarktes 1994. Das war der Startschuss für die Stärkung des Wettbewerbs unter den Versicherern und somit die Verabschiedung von mehr oder weniger einheitlichen Produkten.

Die neuen Freiheiten in der Produktentwicklung brachten Verbrauchern eine höhere Vielfalt an Produkten und Vermittlern mehr Möglichkeiten, Vorteile eines Produktes gegenüber einem anderen in der Beratung argumentativ zu nutzen. In den ersten zehn Jahren danach war im Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherung Hochbetrieb: Immer verfeinerte Berufsgruppen und verbesserte Produktbedingungen kamen auf den Markt.

Die Altersvorsorge erlebte diverse Produktneuerungen, wie die Einführung der Riesterrente und etwas später der Basisrente, und dann, mit der Einführung der EU-Dienstleistungsfreiheit, den Startschuss für die in Deutschland unbekannten angelsächsischen Produktkonzepte, wie Variable Annuities- und UWP-Produkte.

Fast zeitgleich, auch bedingt durch verbesserte technische Möglichkeiten bei Massenszenarien und dem vermehrten Aufkommen von Asset-Liability-Berechnungen, tauchten die ersten dynamischen Dreitopfhybride im Produktportfolio einzelner Versicherer auf. Der Einbruch der Zinsen ab 2007 bremst die Aktivitäten der Produktentwickler nicht, im Gegenteil.

Er beflügelt weitere Ideen – allerdings weniger im Sinne von völlig neuen Produktkonzepten, sondern eher in Herausforderung, trotz niedriger Zinsen für den Verbraucher attraktive Produkte bieten zu können. Neue Kostenkonzepte sowie Anlage- und Investmentkonzepte entstehen vor allem im Bereich der Altersvorsorgeprodukte, wie zum Beispiel die Indexpolice. In der Einkommensabsicherung sind nicht mehr nur Berufsunfähigkeits- und Erwerbsunfähigkeitstarife angesagt.

Weitere Absicherungen wie Funktionelle Invaliditätsversicherung, Dread Disease und Grundfähigkeitstarife erweitern die Portfolios im Existenzschutz. Die Digitalisierung und Automatisierung steuern ihrerseits eine deutlich vergrößerte Flexibilität in den Produkten bei. So gibt es oft nicht nur eine oder zwei Varianten eines Tarifs, sondern auch mal zehn oder mehr.

Ratings beeinflussen Entwicklung, Vermarktung und Verkauf

Doch wie viele Produktkonzepte und -varianten kann man noch überblicken? Und lassen sich die Produkte sinnvoll miteinander vergleichen? Im Gegensatz zu Bonitätsratings, die die Kreditwürdigkeit von Unternehmen beschreiben und damit erhebliche Auswirkung auf die Investitionswilligkeit von Anlegern haben können, dominieren in der Versicherungswirtschaft Ratings, die die Entwicklung, Vermarktung und den Verkauf von Versicherungsprodukten beeinflussen.

Dazu durchforsten Analyse- und Ratinghäuser Geschäftsberichte, Produktinformationen und Versicherungsbedingungen in hoher Detailtiefe, um Kunden, Vermittlern und Marktbeobachtern Informationen über die Stärken und Schwächen der Unternehmen und deren angebotenen Versicherungsprodukte aufzuzeigen und eine Basis für Vergleichbarkeit zu schaffen.

Apfel-mit-Birnen-Vergleich vermeiden

Auch wenn Ratings und qualitative Vergleiche nicht bei jedermann beliebt sind – ohne sie kommt man in der umfangreichen Produktlandschaft von Versicherungen heute nicht mehr aus. Doch die Vielfalt und der Ideenreichtum an Produkten und Produktdifferenzierungen haben auch ihre Herausforderungen, die Rater und Analysten mit Fragen wie diese konfrontieren: Wie vermeidet man einen Äpfel-Birnen-Vergleich?

Welche und wie viele Kriterien sind sinnvoll? Welche Vereinheitlichungen sind im Sinne der Vergleichbarkeit vertretbar? Wie definiert man Grenzen, Benchmarks und Gewichtung und wie schafft man die nötige Akzeptanz für die Güte und Verlässlichkeit eines Ratings?

Kein Selbstzweck

Ratings sollten keinem Selbstzweck dienen, sondern Versicherern, Vermittlern und Kunden Material zur Verfügung stellen, die einen fairen Marktvergleich und eine solide Beratung unterstützen. Nutzer von Ratings sollten sich nicht ausschließlich von einem Rating-Gesamtergebnis, das meist durch schnell erfassbare graphische Elemente wie Eulenaugen, Sterne, Kompasse und ähnliche symbolisiert wird, leiten lassen. Genau das sehen wir bei Ascore Analyse auch als unseren Auftrag.

Bei all den wichtigen Fragestellungen für ein handwerklich gutes Ratingdesign sind Objektivität und Transparenz die Schlüssel-Eigenschaften eines Ratings. Klare Kriteriendefinitionen, Gruppierung von vergleichbaren Tarifformen, Fokussierung auf nachprüfbare Fakten und Verzicht auf Prognosen kennzeichnen unsere Ratings. Im Scoring verzichten wir für eine maximale Transparenz im qualitativen Marktvergleich zudem auf eine Gewichtung. Im Softfair Rating dient eine moderate Gewichtung der Steuerung der unterschiedlichen Bedeutungen von Kriterien bei den kundenspezifischen Zielgruppen.

Schneller, höher, besser Parallelen

Die Vergleichsgrößen sowie die Benchmarks orientieren sich am jeweiligen Marktdurchschnitt und werden nicht von Analysten als Zielerreichungsmarke definiert. Das ermöglicht eine transparente, detaillierte und dennoch für den Anwender übersichtliche Marktanalyse, die den Markt abbildet und nicht treibt.
Schneller, höher, besser – die Messlatte wird in vielen Bereichen immer höher gelegt: Im Motorsport überbieten sich die Autobauer mit Geschwindigkeitsrekorden – bis die Gefahr für das Leben der Fahrer so groß wird, dass man mittlerweile künstlich drosselt.

Auch wenn durch Versicherungsratings Leib und Leben nicht in Gefahr sind, lassen sich beim Thema „schneller, höher, besser“ Parallelen ziehen. Auf der einen Seite überbieten sich Versicherer mit immer neuen oder zusätzlichen Leistungsinhalten, auf der anderen Seite fordern manche Rater dies auch, indem sie die Messlatte entsprechend hoch ansetzen. So sind etwa die Leistungs- und Bedingungsreglungen in der BU-Versicherung mittlerweile auf einem extrem hohen Niveau, sodass es fast nur mehr Premiumtarife gibt – und das schlägt sich auch in einem entsprechenden Beitrag nieder.

Im Spannungsfeld

Natürlich sind top Produkte zu begrüßen und klare Regelungen in den Bedingungen ein Qualitätsfaktor, der Kunden Sicherheit und Klarheit über ihren Versicherungsschutz bringt. Und natürlich werden gute Leistungen in einem Rating positive Berücksichtigung finden.

Gerade hier zeigt sich das Spannungsfeld, in dem sich Ratings befinden. Auf der einen Seite sollen sie gute von weniger guten Tarifen transparent darstellen und Unterschiede aufzeigen, auf der anderen Seite müssen sie abwägen, ob jede neue Ausprägung oder Leistungsinhalt eines Tarifs auch wirklich sinnvoll ist. Ist ein „mehr“ immer besser oder legt es nur die Messlatte künstlich höher?

Grundlegender Versicherungszweck ist die Leitlinie

Der Markt ist stark umkämpft und die Versicherer sind gezwungen, sich von anderen Gesellschaften durch Innovationen oder neue Ideen abzuheben, aber es ist wichtig, nicht den Grundgedanken der jeweiligen Versicherung aus den Augen zu verlieren. Daher sind wir von Ascore Analyse der Meinung, dass man auch in einem Rating den grundlegenden Versicherungszweck als Leitlinie beachten soll.

Nun steht in Kürze eine neue Herausforderung an: Die Bewertung von Versicherungsanlageprodukten nach Nachhaltigkeitskriterien. Mit großer Unsicherheit betrachtet der Markt nun das von der EU vorgegebene und sehr komplexe Thema der Nachhaltigkeits-Vorschriften, die in knapp einem Jahr als Analysen, Scorings oder Ratings zur Verfügung stehen müssen. Auch hierbei wird die Herausforderung sein, komplexe Inhalte objektiv, transparent und – ganz besonders wichtig – vereinfacht darzustellen und so Vergleichbarkeit zu ermöglichen. Als Rater haben wir auch hier eine Mitverantwortung für eine gesunde Entwicklung – getreu dem Motto „manchmal ist weniger mehr“.

Die Autorin Ellen Ludwig ist Geschäftsführerin von Ascore Analyse in Hamburg

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