Buchrezension von Celine Nadolny: „Die Geheimnisse der Wertpapieranalyse“ 

Celine Nadolny hält das Buch hoch
Foto: Celine Nadolny

★★★★★ "Die Geheimnisse der Wertpapieranalyse" von Benjamin Graham & David L. Dodd ist meiner Meinung nach das umfassendste und wertvollste Buch für alle Value-Investoren. Das Vorwort für dieses wirklich mächtige Buch konnte niemand anderes schreiben als Warren Buffett, der bekanntlich Lehrling bei Benjamin Graham war.

Graham gilt als Vater der Wertpapieranalyse und bringt in diesem Buch alles zusammen, was Value-Investoren wissen müssen.

Dies ist definitiv kein Buch für Einsteiger. Es ist weder einfach zu lesen noch günstig. Dazu ist es unglaublich umfangreich und setzt einiges an Finanzwissen voraus. Als Anfänger wird man sich wohl nur durch die Kapitel quälen. Deswegen: Finger weg, wenn man Intelligent Investieren von Benjamin Graham oder ein vergleichbares Werk noch nicht gelesen hat. Es ist auch nicht das richtige Buch, wenn man die Wertpapieranalyse eher nebenher betreiben möchte. Man sollte schon die Ambitionen haben, sie fortan als zentrales Element beim aktiven Investieren zu nutzen.

„Es ist jedoch nicht für den Einsteiger gedacht, da es einige Bekanntschaft mit der Terminologie und den grundlegenden Konzepten der Finanzierungslehre voraussetzt.“ Benjamin Graham & David L. Dodd

Zwar sind die Erfolgschancen beim aktiven Investieren generell recht niedrig. Trotzdem ist der Value-Ansatz wissenschaftlich betrachtet wohl der einzige, der auf der Jagd nach Überrenditen sinnhaft erscheint. Das Prinzip ist leicht zu erklären: Man analysiert Wertpapiere und prüft, ob deren aktuell gehandelter Kurs einem nach eigenem Ermessen gerechtfertigtem Wert entspricht. Benjamin Graham und Co. schlagen dann zumeist noch einen Sicherheitspuffer von 25 Prozent ab. Sollte die Aktie anschließend immer noch unterbewertet erscheinen, wird sie gekauft und so lange im Portfolio gehalten, bis sich die Situation grundlegend verändert.

Klingt einfach, ist es aber überhaupt nicht. Die meisten Analysen beruhen auf zukünftigen Prognosen, deren Werthaltigkeit man sehr kritisch hinterfragen kann. Manch andere Autoren beschreiben allein den Versuch, Überrenditen zu erzielen, als Verliererspiel, wie Gerd Kommer in seinem Buch Souverän Investieren* (hier kommst du zur Rezension).

„Eine Analyse verlangt das gewissenhafte Studium aller verfügbaren Fakten mit dem Anspruch, aus diesen und auf Grundlage akzeptierter Prinzipien und schlüssiger Logik Rückschlüsse ableiten zu können. Das ist eine wissenschaftliche Methode. Die Analyse von Wertpapieren aber wird dadurch behindert, dass Investitionen von Natur aus keine exakte Wissenschaft darstellen. Das Gleiche gilt für die Jurisprudenz und die Medizin, auch bei diesen spielen sowohl individuelle Fähigkeiten (Kunstfertigkeit) als auch der Zufall eine wichtige Rolle bei der Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg. Nichtsdestoweniger ist in diesen Berufsfeldern Analytik nicht nur hilfreich, sondern auch unersetzlich, sodass dies auch in Bezug auf Investitionen und möglicherweise ebenfalls in Bezug auf Spekulation angenommen werden dürfte.“ Benjamin Graham & David L. Dodd

Nachhaltige Überrenditen gehören ins Reich des Wunschdenkens

Bist du dir der Tatsache bewusst, dass strukturelle und nachhaltige Überrenditen – insbesondere nach Abzug von Opportunitätskosten aufgrund des enormen zeitlichen Aufwands – eher ins Reich des Wunschdenkens gehören? Aber du hast dennoch großen Spaß daran, Wertpapiere zu analysieren und aktiv zu investieren? Dann wirst du hier das wohl beste Werk zum Thema finden. Und zwar seit über 70 Jahren. So lange existiert dieses Buch nämlich bereits und wird von Generation zu Generation weitergegeben und aktualisiert.

Bezüglich des Alters braucht man sich aber keine Sorgen zu machen. Die Finanzmärkte haben sich nicht so grundlegend verändert, als dass ein so universeller Ansatz nicht mehr nutzen könnte. Ganz im Gegenteil: Die wesentlichen Treiber werden wohl auf ewig dieselben sein. Somit bleibt die Kunst der Wertpapieranalyse immer ein interessantes Themenfeld für Börsianer.

„[Benjamin Graham und David Dodd] bieten einen Investitionsplan, dem ich schon seit 57 Jahren folge. Es gab nie einen Grund, diesen Plan zu ändern.“ Warren Buffett

Wer aktiv investiert, sollte dieses Buch meiner Meinung nach auf jeden Fall durchgearbeitet haben. Manchmal wundere ich mich, dass gerade Einsteiger aktiv handeln, aber ihr Finanzwissen im Wesentlichen aus dem Internet und wenigen Einsteigerwerken beziehen. Da würde mir persönlich zu viel Geld aufgrund von Unwissenheit auf dem Spiel stehen.

„In meiner überfüllten Bibliothek stehen vier Bücher, die ich ganz besonders schätze. Sie alle wurden schon vor mehr als 50 Jahren geschrieben. Dennoch wäre jedes von ihnen auch dann von enormem Wert für mich, läse ich es heute zum ersten Mal. Ihre Weisheit bleibt, obwohl das Papier verblasst. Zwei dieser Bücher sind Erstausgaben von Der Wohlstand der Nationen (1776) von Adam Smith und Intelligent Investieren (1949) von Benjamin Graham. Ein drittes ist die Originalausgabe des Buches, das Sie gerade in den Händen halten: Die Geheimnisse der Wertpapieranalysevon Graham und Dodd. Ich habe dieses Buch schon während meiner Zeit an der Columbia University 1950 und 1951 studiert, als ich das außergewöhnliche Glück hatte, Ben Graham und Dave Dodd als Lehrer zu haben. Das Buch und diese beiden Männer haben mein Leben verändert.“ Warren Buffett

Analyse von Wertpapieren

Die Version, die ich lesen durfte, ist eine komplette und umfangreiche Überarbeitung. Bei allen aktuellen Auflagen alter Benjamin-Graham-Bücher dürfen sich die Leser auf eine Vielzahl von Anmerkungen, Einordnungen und Fußnoten freuen. Damit sollen damalige Bezugnahmen erläutert, auf unsere heutige Zeit übertragen und generell das Verständnis gefördert werden. Aufgrund einer erhöhten Anzahl von Beispielen und dieser ganzen Anmerkungen nahm der Umfang der Ausgaben sukzessive zu.

Das Buch richtet sich generell an jene Investoren, die ein ernstes Interesse an der Bewertung von Wertpapieren haben. Der Anwendungsbereich des Buches ist deutlich umfassender, als es der Titel auf den ersten Blick vermuten lässt. Es behandelt eben nicht nur die Analysemethoden für einzelne Wertpapiere. Sondern es geht auch auf die Festlegung allgemeiner Richtlinien zur Auswahl und Absicherung von Wertpapieren ein. Eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Anlage/Investition und Spekulation darf in Benjamin-Graham-Publikationen ebenfalls nicht fehlen. 

Keine Kaffeesatzleserei, sondern fundierte Analysen

„Unser vorherrschendes Ziel war jedoch, dieses Werk eher kritisch als deskriptiv zu gestalten. Wir befassen uns in erster Linie mit Konzepten, Methoden, Standards, Prinzipien und vor allem logischer Argumentation. Bei der Hervorhebung von Theorie ist ihr praktischer Nutzen relevant. Weiterhin haben wir vermieden, Richtlinien vorzugeben, die nur schwer verfolgt werden können, oder technische Vorgehensweisen, die mehr Probleme bereiten, als sie nützen.“ Benjamin Graham & David L. Dodd

Am Ende muss ich Benjamin Graham nachträglich für seine umfassende und gewissenhafte Arbeit rund um die Wertpapieranalyse danken und seinem Buch die entsprechende Bewertung geben. Er war Vorreiter und Wegbereiter in seiner Zunft. Es ist bemerkenswert, dass sein Wort und seine Gedanken auch heute noch so viel Wirkungskraft haben. Ein Stückchen Finanzgeschichte und gleichzeitig ein wertvolles Buch für diejenigen, die – aus welchem Grund auch immer – aktiv am Markt investieren und die Aktien handverlesen auswählen möchten. Aber eben nach einer fundierten Analyse und keiner Kaffeesatzleserei oder irgendwelchen Listen von Finanzbloggern.

Celine Nadolny veröffentlicht ihre Buchrezensionen auf ihrer Website Book of Finance.

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