Ukraine-Krieg – Hilfsaktionen der Versicherer: „An dem Tag, an dem es nichts mehr zu tun gibt, werden wir gehen“

Foto: PassportCard
Ariel Kazanitz, Vice President PassportCard

Der Ukraine-Krieg treibt Millionen Menschen in die Flucht und hat eine Welle der Hilfsbereitschaft auch bei den Versicherern ausgelöst. Der Expat-Krankenversicherer PassportCard holte bis kurz vor Beginn der Kämpfe rund 600 Kunden aus der Ukraine. Mittlerweile hilft das Unternehmen in Medyka an der polnisch-ukrainischen Grenze. Cash. sprach via Videocall mit PassportCard Vice President Ariel Kazanitz über die Situation vor Ort und die Hilfsaktion.

Ariel, was erzählen Ihnen die Menschen?

Kazanitz: Zuerst einmal sehen wir eine Menge Chaos. Viele Menschen an den Grenzen versuchen, aus der Ukraine herauszukommen. Wie Sie wissen, wird es den Männern nicht erlaubt, die Ukraine zu verlassen. Wir sehen eine Menge Familien, die hier getrennt werden. Die Frauen und Kinder überqueren die Grenzen. Die Ehemänner, Väter, Großväter bleiben auf der ukrainischen Seite. Wie Sie sich vorstellen können, sind das schwer verdauliche Bilder, die wir da jeden Tag sehen.

Was hat Sie in vergangenen Tagen emotional besonders bewegt? Was sehen Sie?

Kazanitz: Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele, die ich in den vergangenen Tagen erlebt habe, und die ich glaube, mein Leben lang auch nicht mehr vergessen werde. Wir haben einen Mann geholfen, 54 Jahre alt, den wir zusammen mit einer diplomatischen Delegation rund zwei Kilometer von der Grenze entfernt, auf ukrainischem Gebiet gefunden hatten. Hierzu muss ich erklären, dass es Botschaftsmitarbeitern, diplomatischen Personal und dazugehörigen Personen, erlaubt ist, für Hilfsaktionen die Grenze zu überqueren. Also der Mann war verletzt, konnte nicht mehr laufen und lag rund 30 Stunden auf dem eiskalten Boden. Zu allem Übel schneit es hier in der Region immer wieder. Wir haben ihn dann hier in ein Hospital gebracht.

Ariel Kazanitz an der ukrainischen Grenze bei Medyka

Dort hat er dann seine Familie wiedergefunden, die vier Tage zuvor geflohen waren. Das waren herzzerreißende Szenen. Gestern hatten wir einen neun Jahre alten Jungen aus Lwiw, rund 60 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, gefunden. Der Junge war allein. Er war von seinen Eltern auf der Flucht getrennt worden. Der Kleine hatte keinen Pass bei sich, was die Sache verkompliziert hat. Aber letztlich konnten wir auch hier dank diplomatischer Unterstützung helfen und den Jungen an die Grenze bringen.

Dort haben die Eltern ihren Sohn nach vier Tagen wieder in die Arme geschlossen. Wir sehen hier eine Menge Freiwillige. Wir sehen hier viele Polen, Menschen aus der europäischen Union, die den Flüchtlingen helfen wollen. Mit Essen, mit Medikamenten. Oder einfach nur Shuttle Dienste übernehmen und die Flüchtlinge zu Zügen fahren, damit sie weiterreisen können. Die Hilfsbereitschaft ist beeindruckend.

Wie helfen Sie als PassportCard? Was tun Sie und Ihr Team vor Ort?

Kazanitz: Wir haben ein „Rescue-Expert-Team“ vor Ort. Unsere Leute unterstützen das Botschaftspersonal und erklären Ihnen was sie tun müssen. Das klingt seltsam, aber das sind keine Experten für Flucht und Evakuierungen. Wir brauchen sie, weil wir nur in ihrer Begleitung die Grenze überqueren können. Also unser Rescue-Expert-Team erklärt ihnen alle Optionen und wie man sie umsetzen könnte, damit sie erfolgreich sind.

Wir sind im Austausch mit Medizinern, Krankenhäusern, Botschaften, Familien und führen alle zusammen. Und mit unseren Call-Centern, die uns weltweit zur Verfügung stehen, können wir Hotels, Transportmöglichkeiten oder Flugtickets organisieren. Wenn also jemand die Grenze überquert und sofort zum nächsten Bahnhof möchte, können wir ihm einen Platz zum Aufwärmen organisieren, eine Möglichkeit zu Duschen, um dann weiterzureisen.

Warum hat PassportCard entschieden in Polen aktiv zu werden?

Kazanitz: Ich will ehrlich sein. Anfangs hatten wir geglaubt, das über unsere Call-Center managen zu können. Aber nach 48 Stunden, also am 26. Februar, war das Chaos einfach zu groß. Die Kolleginnen und Kollegen kamen kaum noch hinterher und hatten Schwierigkeiten, mit den Leuten sprechen und ermitteln, welche Art von Hilfe und Unterstützung an der Grenze benötigt wird.

Also haben wir uns entschieden, hierher zu kommen, um die Füße hier direkt vor Ort auf dem Boden zu haben. Wir sind quasi Brückenbauer zwischen den Call-Centern und der Logistik und der Grenze. Weil wir hier sehen, was wirklich fehlt und getan werden muss. Das ist etwas, was man nicht aus der Ferne delegieren kann.

Haben Sie vor dem Kriegsbeginn Menschen aus der Ukraine evakuiert, etwa aus Kiew? Oder sind sie nur mit dem Rescue-Team an der Grenze?

Kazanitz: Aktuell sind wir nur an Grenze. Wir sehen viele, viele tausende Ausländer, die das Land verlassen. Die Auffangzentren sind voll mit Menschen aus allen europäischen Ländern, aus Asien, aus Südamerika.

Und wie vielen PassportCard-Kunden haben Sie geholfen? Haben Sie da einen ungefähren Überblick?

Kazanitz: Wir haben schätzungsweise 500 bis 600 Personen evakuiert. Die meisten von Ihnen PassportCard-Kunden, aber auch Menschen, denen wir einfach nur helfen wollten. Wir haben sie mit einem Bus von Odessa zur Grenze gebracht. Und wir werden nicht aufhören, bevor wir jedem, der das Land verlassen möchte, geholfen haben.

Wie lange wollen noch Sie mit ihrem Team vor Ort an der polnisch-ukrainischen Grenze bleiben? Denn derzeit ist ein Ende noch gar nicht abzusehen.

Kazanitz: Wir werden sicherlich nicht auf unbegrenzte Zeit hierbleiben. Am Ende eines jedes Tages haben wir ein Meeting. Und an dem Tag, an dem es für uns hier nichts mehr zu tun gibt, werden wir gehen. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun. Und solange werden wir auch bleiben.

Interview: Jörg Droste, Cash.

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