EXKLUSIV

Neues Fördersystem, neue Spielregeln: Lebensversicherer unter Anpassungsdruck

Foto: Assekurata
Dr. Reiner Will: "Die Reform der privaten Altersvorsorge verändert Produkte, Kosten und Rentenphase und fordert Lebensversicherer strategisch heraus."

Die geplante Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge stellt das bisherige System auf neue Grundlagen. Mehr Kapitalmarktorientierung, geringere Kosten und flexiblere Auszahlungsmodelle verändern die Rahmenbedingungen spürbar. Für Lebensversicherer entstehen neue Chancen, aber auch strukturelle Herausforderungen.

„Ende 2025 schlug der Referentenentwurf zur Reform der privaten Altersvorsorge hohe Wellen in der Finanz- und Versicherungsbranche. Der Gesetzgeber plant, damit das System der staatlich geförderten Vorsorge grundlegend zu erneuern. Ziel ist es, die Altersvorsorge einfacher, transparenter und stärker am Kapitalmarkt auszurichten. Für Lebensversicherer bietet diese Neuausrichtung neue Spielräume, stellt sie aber zugleich vor Herausforderungen, die sie aktiv bewältigen müssen.

Die Reform bringt zwei neue Produktansätze ins Spiel: ein kapitalmarktorientiertes Depotmodell und ein Garantieprodukt, das mit 80 Prozent oder 100 Prozent Kapitalgarantie Sicherheit und Rendite verbindet. Das Depotmodell ist wie ein klarer, geradliniger Weg, der Anleger mit seiner Einfachheit und Kapitalmarktnähe anziehen soll. Für Lebensversicherer bedeutet dies jedoch, dass sie sich stärker erklären müssen. Sie stehen vor der Aufgabe, ihren Mehrwert deutlich zu machen – von stabilen Auszahlungsmechanismen bis hin zur langfristigen Sicherheit. Gleichzeitig eröffnet die Reform durch flexiblere Kapitalanlage und modernisierte Produktstrukturen neue Möglichkeiten, die genutzt werden können, um sich im Wettbewerb zu behaupten.

Werden die 1,5 Prozent zum Züglein an der Waage?

Eine der größten Veränderungen betrifft die Rentenphase. Die lebenslange Verrentung, einst das Markenzeichen der Lebensversicherer, ist künftig keine Pflicht mehr. Die Branche muss nun aktiv vermitteln, warum die Absicherung gegen Langlebigkeitsrisiken essenziell ist. Ohne diese Option können Verbraucher leicht in finanzielle Unsicherheiten geraten, etwa wenn Marktschwankungen oder eine längere Lebenserwartung das angesparte Kapital aufzehren. Transparente Kommunikation und klare Beratung sind hier entscheidend, um Versorgungslücken zu verhindern.

Die Reform hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Kostenstruktur. Durch die Einführung einer Effektivkostenobergrenze von 1,5 Prozent wird der Wettbewerb deutlich verschärft. Dies eröffnet neuen Anbietern wie Neobrokern und Robo-Advisors Chancen, da sie mit einfachen und kostengünstigen Modellen überzeugen können.

Für Lebensversicherer stellt die notwendige Verteilung der Abschlusskosten über die gesamte Vertragslaufzeit jedoch eine größere Herausforderung dar. Vertriebe, die ihren Fokus bisher auf Abschlussprovisionen gelegt haben, müssen ihre Strategien überdenken und möglicherweise eine Vorfinanzierung in Betracht ziehen. Dies könnte ihre Absatzchancen erheblich einschränken.

Gefahr von Versorgungslücken

Die Entbündelung von Zusatzabsicherungen vereinfacht die Produkte, birgt jedoch das Risiko, dass Verbraucher wichtige Schutzmechanismen wie Einkommensaus­fallversicherungen aus den Augen verlieren und dadurch Versorgungslücken entstehen.


Das könnte Sie auch interessieren:

Die Reform fördert außerdem die Mobilität der Verbraucher. Ein vereinfachtes Wechselregime ermöglicht es, Anbieter leichter zu wechseln. Für Lebensversicherer wird es dadurch schwieriger, langfristige Kundenbeziehungen wirtschaftlich zu gestalten. Um Kunden dauerhaft zu binden, müssen sie mit digitalen Prozessen, hervorragendem Service und einer klaren Kommunikation überzeugen.

Werden Geringverdiener zum Verlierer der Reform?

Ein weiterer zentraler Punkt ist die geplante beitragsproportionale Förderung. Sie macht das System für Verbraucher zwar verständlicher und reduziert Fehlsteuerungen, bringt jedoch erhebliche Nachteile mit sich. Insbesondere Geringverdiener und Familien mit Kindern, die durch zusätzliche finanzielle Belastungen eingeschränkt sind, können die maximal förderfähigen Beiträge oft nicht aufbringen. Dadurch wird die soziale Zielsetzung der Reform untergraben, da diese Gruppen weniger von der Förderung profitieren und ihre Rentenlücke kaum schließen können. Zusätzlich bleibt der Zugang für Selbständige bis 2031 unklar, obwohl diese Gruppe eine wachsende Bedeutung hat und die Förderung mitfinanziert. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, um Selbständige nicht dauerhaft auszuschließen und die Förderung sozial gerechter zu gestalten.

Die Reform bringt frischen Wind in die private Altersvorsorge. Sie bietet Lebensversicherern die Möglichkeit, ihre Rolle als Anbieter von Sicherheit und Stabilität neu zu definieren und ihre Produkte zukunftsfähig zu machen. Mit den richtigen Nachbesserungen könnte sie nicht nur die Altersvorsorge renditestärker machen, sondern auch die Versorgungssicherheit nachhaltig verbessern. Es liegt nun an den Lebensversicherern, diesen Wind für sich zu nutzen und ihre Segel richtig zu setzen.“

Der Autor ist Geschäftsführer des Rating- und Analysehauses Assekurata

Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen