Der MSCI World wird häufig als global diversifiziertes Basisinvestment genutzt. Der Name suggeriert eine breite Abdeckung der Weltwirtschaft. Tatsächlich umfasst der Index jedoch ausschließlich entwickelte Volkswirtschaften und schließt Schwellenländer vollständig aus. Damit fehlt ein Segment, das einen erheblichen Teil der globalen Wirtschaftsleistung stellt.
Um die Konsequenzen dieser Auslassung zu verdeutlichen, vergleicht Pascal Kielkopf, Kapitalmarktanalyst bei HQ Trust, die Wertentwicklung des MSCI World mit jener des MSCI Emerging Markets seit dessen Auflage Anfang 1988. Die Untersuchung basiert auf Total-Return-Daten in DM beziehungsweise Euro und deckt damit fast vier Jahrzehnte Kapitalmarktgeschichte ab.
Die Auswertung zeigt zwei Perspektiven: die kumulierte Entwicklung beider Indizes sowie die relative Performance der Schwellenländer gegenüber den Industrieländern. Sichtbar wird nicht nur das langfristige Wachstum der Emerging Markets, sondern auch deren ausgeprägte Schwankungsanfälligkeit und die wiederkehrenden Zyklen zwischen beiden Regionen.

MSCI World und Emerging Markets im Langfristvergleich
Kielkopf ordnet die Ergebnisse klar ein. „Der MSCI World ist kein Weltindex, sondern bildet ausschließlich Industrieländer ab – hauptsächlich die USA, Europa und Japan. Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien fehlen hier komplett.” Daraus ergeben sich deutliche Gewichtungen innerhalb des Index.
„Im Klartext heißt das: Der Index enthält 0 % Schwellenländer, dafür aber rund 70 % USA. Wer ihn als alleinige Basis nutzt, bekommt faktisch ein Portfolio, in dem US-Technologiewerte den dominantesten Anteil ausmachen.“ Die vermeintliche globale Streuung konzentriert sich damit stark auf einen Markt.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf die Renditen ein differenziertes Bild. „Langfristig erzielten Schwellenländeraktien eine höhere Rendite als Industrieländeraktien. Allerdings zum Preis deutlich stärkerer Kursschwankungen.” Seit 1988 habe der MSCI Emerging Markets rund 10,0 % p.a. erreicht, während der MSCI World bei 8,5 % p.a. lag, so Kielkopf.
Rendite, Risiko und zyklische Unterschiede
Die höhere Rendite ging mit höherem Risiko einher. „Die Volatilität lag historisch im Schnitt bei 22 % p.a. (Emerging Markets) gegenüber 15 % p.a. (World). In den letzten Jahren fiel diese Differenz allerdings immer geringer aus.“ Schwellenländer bleiben damit schwankungsanfälliger, nähern sich aber in ihrer Risikocharakteristik an.
Zugleich verlaufen die Erträge beider Regionen nicht parallel. „Die Performance beider Regionen verläuft in ausgeprägten Zyklen: Mal liegen die Industrieländer vorn, mal die Schwellenländer. Diese Zyklen dauern oft mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte.” Ein eindeutiger, dauerhaft überlegener Markt lasse sich daraus nicht ableiten.
Für Anleger bedeutet das eine strategische Abwägung. „Wer sein gesamtes Aktienportfolio allein über den MSCI World abbildet, verzichtet bewusst oder unbewusst auf rund die Hälfte der Weltwirtschaft.“ Weder ein reines Industrieländer- noch ein ausschließliches Schwellenländerportfolio sei langfristig sinnvoll.
Konsequenzen für die Portfolioaufstellung
Kielkopf betont die Rolle der Wachstumsdynamik. „Die Wachstumsdynamik in den meisten Schwellenländern dürfte auch in den kommenden Jahren über jener der Industrieländer liegen. Ein schwächerer Dollar könnte zusätzlichen Rückenwind liefern.” Gleichzeitig seien die Phasen relativer Stärke schwer vorhersehbar.
„Die Zyklen der Out- und Underperformance sind kaum präzise zu timen. Daher ist es besser, dauerhaft in beiden Segmenten investiert zu bleiben, statt auf den perfekten Wechselzeitpunkt zu spekulieren.” Eine kontinuierliche Allokation reduziere das Timing-Risiko.
Aus diesem Grund spricht sich HQ Trust für eine strategische Beimischung aus. „Wir empfehlen, über breit gestreute Fondsansätze einen substanziellen, strategischen Anteil von rund 10 bis 20 % in Schwellenländern zu halten.”



