Sexismus in der Finanzbranche: Von Frauenquoten und Zombies

Foto: Blau Direkt
Teilnehmerinnen der Feminismus-Aktion „#HeuteKeineHose“ bei Blau Direkt

Es gibt ein Sexismus-Problem in der Branche, das bis in die Vorstandsetagen der Versicherer reicht, womöglich sogar gerade dort besonders kultiviert wird. Gastbeitrag von Oliver Pradetto, Blau Direkt

Die Forderung nach einer Frauenquote für Führungspositionen ist so etwas wie ein Zombie in der politischen Diskussion. Die Diskussion ist nicht totzukriegen und sie kehrt immer wieder. Ich habe gerade mal nachgeschaut. Im Februar 2011 schrieb ich einen leidenschaftlichen Blogbeitrag gegen die damalig diskutierte Quotenregelung. Mein Statement war keineswegs frauenfeindlich; richtete sich gegen Zwang.

Ich schrieb: „Frauen sind empathischer, stellen eigene Interessen hinter den Firmenzielen zurück, können Männer – in unserer männlich dominierten Welt – leichter um den Finger wickeln, arbeiten organisiert, effizient und gerade in Tagesroutinen erheblich genauer.” Und mehr: ”Jede Firma, die auf weibliche Führungskräfte verzichtet, beschneidet sich selbst um ein enormes Potenzial.” Zum Ende des Artikels äußerte ich meine Überzeugung, dass es vor allem das Dominanzstreben der Männer sei, dass diese an der Macht halte, war aber gleichzeitig der Überzeugung, dass Frauen, die Führungspositionen wollten, leichtes Spiel hätten, Männer zu ersetzen. Die Sache würde sich mit der Zeit von selbst regeln.

Nur vier Jahre später änderte sich meine Meinung diesbezüglich schlagartig. Ein Magazin lud uns zur Preisverleihung im Rahmen eines Kongresses ein. Thematisch befasste sich der Kongress mit Managementkarrieren von Frauen in der Versicherungsbranche. Uns war klar, dass wir die Geschäftsleitung von Blau Direkt durch Kristina August besetzen würden. Als ich die Fotos der Veranstaltung sah, verschlug es mir die Sprache. Unter den rund 40 Teilnehmern der Zeremonie war nur eine einzige Frau: Kristina August von Blau Direkt. Kein Versicherer, kein Vertrieb, kein anderer Pool war auf die Idee gekommen, zu einem Kongress über weibliche Managementkarrieren einen weiblichen Manager zu entsenden. Wie kann man dann realistisch davon ausgehen, dass bei der Neubesetzung von Vorstandsetagen ernsthaft geprüft wird, ob man weibliche Alternativen habe?

Ich war schlicht entsetzt und änderte meine Meinung zur Quote radikal. Auf unserem Firmenblog schrieb ich: „Für die Herausforderungen der Zukunft brauchen unsere Unternehmen die bestmögliche Besetzung der Führungsteams. Dies schließt ausdrücklich auch Werte wie Fairness, Gleichbehandlung und Gerechtigkeit ein. Wenn unsere Wirtschaft zu ignorant ist, um zu erkennen, dass es Frauen in Führung braucht, dann müssen wir die Rahmenbedingungen ändern.”

Über zehn Jahre ist es nun her, dass Angela Merkel und Ursula von der Leyen gemeinsam den Versuch unternahmen, eine Frauenquote durchzusetzen. Sie scheiterte unter dem Verweis männlicher Parlamentarier und Lobbyisten, dass man den Wandel freiwillig erreichen könne. Sieht man diesen Wandel?

Grauenhafte Bilanz des Chauvinismus

Ich habe den Eindruck, wenn wir Führung weiblicher machen müssten, zögen wir lieber selbst vorher noch Kleider an (was wir auf dem Titelbild der aktuellen Cash. Ausgabe ironisch aufgreifen: Dank an unsere Geschäftsleitungsmitglieder Lars Drückhammer, Jonas Hoffheinz und Peer Möller). Das Männer Frauen Macht systematisch vorenthalten zeigt ein Beispiel: Ein Finanzmagazin wendet sich einmal jährlich an Geschäftsführer und Vorstände der Branche, um diese auf ihrem Titelblatt als “Stimmen der Branche” zu ehren. Unter stolzen 148 Unternehmenslenkern finden sich nur fünf Frauen. Kamuran Bildircin von der zur FondsFinanz gehörigen VersOffice, Nadine Brehme von Konzept & Marketing, Halime Koppius von Degenia, Kerstin Möller-Schulz von Blau Direkt und Stefanie Schlick von der Dialog. Während aus der rund 40 Unternehmen starken Poolwelt immerhin vier Frauen kommen, schaffen es hunderte Versicherer und Fondsgesellschaften mit vereinter Kraft immerhin eine (!) Frau zu präsentieren. Und selbst diese grauenhafte Bilanz des Chauvinismus gibt kein besseres Bild ab, wenn man sie genauer anschaut: Halime Koppius und Kamuran Bildircin wurden nicht besetzt. Sie haben die Unternehmen selbst gegründet, an deren Spitze sie stehen. Wenn also die “Stimmen der Branche” für etwas stehen, dann für die nüchterne Erkenntnis, dass Männer Frauen keine Stimme geben.

Bei Blau Direkt haben wir aktuell einen Frauenanteil von 50 Prozent im Management. In der Geschäftsführung sind wir noch nicht ganz so gut. Dort liegen wir aktuell bei 25 Prozent. Wir erleben dadurch eine Bereicherung unseres Unternehmens mit einem einzigartigen Teamspirit. Diskussionen verlaufen konstruktiver, wenn in Konferenzen starke Frauen ihre Meinungen vertreten. Das führt zu besseren Entscheidungen, einem erweiterten Fokus und erzeugt ein wachsendes Bewusstsein für echte Werte. Es ist sicher nicht so, dass Männer unfähig wären, die Bedürfnisse ihrer Kunden oder auch der eigenen Mitarbeiter wahrzunehmen. Dennoch trägt die stark weiblich geprägte Diskussionskultur in unserem Unternehmen dazu bei, dass die Firma nicht allein auf Umsatz und Rendite schielt, sondern Werte wie Gerechtigkeit und Chancengleichheit pflegt. Ein grundlegendes Bedürfnis nach Win-Win-Strategien hat sich in unserer Unternehmenskultur manifestiert.

Allein deshalb hat es sich für Blau Direkt gelohnt, stärker auf Frauen zu setzen. Maklerinnen erwirtschaften im Schnitt 25 Prozent mehr Umsatz als ihre männlichen Kollegen. Ihre Stornoquoten sind nur halb so hoch. Und was auch niemand vergessen sollte: Jeder zweite Versicherungskunde ist weiblich. Man stelle sich mal vor, Frauen würden morgen nur noch bei Unternehmen kaufen, die Frauen auch mitentscheiden lassen; nach dem Motto: “Wer Frauen als Kunden will, muss Frauen auch mitentscheiden lassen.” Wenn Unternehmen auf der Managementebene nicht verstehen, wie Frauen denken und entscheiden, sondern diese Haltung durch die Integration von Frauen auf allen Ebenen zu einem Teil ihrer DNA machen, gewinnen sie ein tieferes und emotionaleres Verhältnis zur Hälfte ihrer Kunden. Sie erlangen Vorteile in der Kundenansprache und bewegen sie leichter zum Kauf.

Es gibt Berufe, in denen nur wenige Frauen zu finden sind. Doch davon ist die Versicherungsbranche insgesamt weit entfernt. Rund die Hälfte aller Mitarbeiter in der Versicherungsbranche ist weiblich und dennoch schaffen es nur zwei Prozent in die obersten Führungspositionen ihrer Unternehmen. Kann das wirklich nur am Kinderkriegen liegen? Liegt das wirklich nur daran, dass Frauen karriereunwillig sind?

Meiner Beobachtung nach gibt es eher ein Sexismus-Problem in der Branche, das definitiv bis in die Vorstandsetagen der Versicherer reicht, womöglich sogar gerade dort besonders kultiviert wird. Sicherlich hat sich auch da rumgesprochen, dass der berühmte Klaps auf den Po kein Witz, sondern ein schwerer Übergriff ist, aber es sind gerade die kleinen Übergriffe, die noch immer ein Problem darstellen. So müssen sich Frauen nicht selten in Konferenzen Komplimente anhören: “Ihr Kleid betont ihre schönen Beine.” Das ist natürlich nett oder flirtend gemeint, weswegen wir Männer uns immer schwer damit tun, den Übergriff zu erkennen. Das Problem ist nicht die Bemerkung an sich, sondern die schlichte Tatsache, dass männlichen Kollegen kaum im beruflichen Umfeld auf ihre Kleidung angesprochen würden. Für die Managerin, die sich in einem Umfeld lauter Männer durch ihre Fachkompetenz beweisen möchte, fühlt sich dies wie eine Reduktion auf ihr Äußeres an.

Männer verhalten sich wie Mimosen

Deshalb sind solche Bemerkungen im beruflichen Umfeld unangebracht. Deshalb weist uns Feminismus auf solche Fehler hin. Es kommt nie darauf an, wie es gemeint ist, sondern auf die Emotion des Betroffenen. Allzu schnell fühlen wir Männer uns angesichts feministischer Kritik angegriffen. Wir wollen das starke Geschlecht sein, verhalten uns aber wie Mimosen. Regelmäßig kann man auf Facebook-Threads sehen, in dem sich ausschließlich männliche Makler über das Gendern von Sprache aufregen. Es wäre unzumutbar “Makler:innen” zu schreiben; eine Vergewaltigung unserer Sprache. Auf mich wirkt das mittlerweile grotesk. 10.000 Jahre teils systematischer Unterdrückung der Frauen ließen uns kalt. Anpassen musste sich immer die Frau. Wenn Frauen nachts zu Fuß nach Hause gehen, meiden Sie dunkle Straßen. Oft rufen sie eine Freundin an und telefonieren auf dem Nachhause-Weg, um sich sicherer zu fühlen. Ein Leben in Angst vor Übergriffen können wir Männer kaum nachvollziehen, denn wir mussten sie nicht erleben. Unsere Leidensfähigkeit scheint sich schon zu erschöpfen, wenn wir in geschriebenen Texten ein paar Gendersternchen setzen sollen. Das Sprache ausschließlich männlich geprägt war und dies vielleicht Teil des Problems ist scheint uns kein akzeptabler Gedanke. Nee. Viel zu anstrengend! Lächerlich! Unnatürlich!

Nein, liebe Kollegen, so leicht dürfen wir es uns nicht machen. Ich fordere Euch auf, Feminismus ernst zu nehmen, Euch damit auseinanderzusetzen, selbst Feministen zu werden! Feminismus macht Euch nicht impotent, er macht Euch stärker. Ich halte es da mit Sarah Bosetti, Poetry Slammerin und Feministin. “Feminismus nervt”. Feminismus sei anstrengend und kompliziert, aber leider eben auch notwendig. Genau das zeigt unsere Branche: Die Vorstandsetagen von Allianz bis Zurich beweisen ihren Sexismus täglich und unwiderlegbar durch ihre fast ausschließlich männliche Zusammensetzung. Wir sind als Männer so erzogen worden. Wir genossen als Männer von der Kindheit an geschlechtliche Privilegien. Daran tragen wir keine Schuld. Das ist kein Verbrechen. Ein Verbrechen wäre es, dies nicht zu ändern.

Wie tief der Chauvinismus auch in mir sitzt, durfte ich vor etwa einem Jahr erfahren. Eine Kollegin trug ein neu erworbenes “Hemdkleid”. Nun bin ich modisch nicht so bewandert, aber das sind Kleider, die wie lang geschnittene Herrenhemden aussehen und weil es Kleider sind, trägt man dazu keine zusätzliche Beinbedeckung. Ich war sehr irritiert und fragte ohne jeden Hintergedanken, ob meine Kollegin ihre Hose vergessen hätte. Ich hatte keine bösen Absichten und sicher auch keiner der anderen Kollegen, die an dem Tag nach und nach ähnliche Fragen stellten. Doch ob eine Bemerkung angemessen oder herabsetzend ist, entscheidet nun einmal der Empfänger. Für meine Kollegin war es sicher nicht angenehm, den ganzen Tag am Arbeitsort auf ihre Bekleidung angesprochen zu werden. Ein paar Tage später folgte die Antwort. Fast alle weiblichen Führungskräfte trugen schwarze bedruckte Kleider mit der Aufschrift “#HeuteKeineHose”.

Es war nicht weniger als der humorvolle Hinweis auf mein Neandertaler-Verhalten. Ich gebe zu, ich war etwas verunsichert angesichts dieser Kritik vor der gesamten Belegschaft, da ich nicht wusste, was ich eigentlich verbrochen hatte. Die Aktion hat mich innerlich noch lange beschäftigt und zum Umdenken bewegt. Gleichzeitig bin ich heimlich stolz, dass in meinem Unternehmen Managerinnen nicht zögern, mich auf mein chauvinistisches Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Wenn Frauen bei uns diesen Mut haben, muss ich auch etwas richtig gemacht haben.

Loben möchte ich, dass die Gothaer Krankenversicherung Anfang des Jahres Dr. Sylvia Eichelberg als Vorstandsvorsitzende eingesetzt hat. Nina Klingspor sitzt dem Vorstand der Allianz Krankenversicherung vor und die Württembergische Versicherung AG besetzte jüngst mit Zeliha Hanning ebenfalls den Vorstandsvorsitz. Stefanie Schlick wohnt dem Vorstand der Dialog bei. Ursula Clara Deschka ist Vorstandsmitglied der DKV und seit vielen Jahren füllt Wiltrud Pekarek bei der Alten Leipziger und Hallesche Krankenversicherung einen Vorstandsposten aus. Auch AXA und Zurich haben weibliche Manager in ihren Vorstände und ich bin sicher da gibt es noch mehr. Das ist ein Anfang. Mögen alle Versicherer diesen Beispielen folgen!

Autor Oliver Pradetto ist Geschäftsführer des Maklerpools Blau Direkt.

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