9. Oktober 2019, 14:58
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

Der Kaiser von Washington

„Schlimmer geht nimmer“ – leider wird diese Devise von Woche zu Woche widerlegt, und zwar vom 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Beck-Kolumne

Michael-Beck in Der Kaiser von Washington

Michael Beck, Leiter Asset Management, Bankhaus Ellwanger & Geiger

Die Finanzmärkte hatten sich ja eigentlich schon an seinen unorthodoxen Regierungsstil und die erratischen Wendungen in Außen- wie Innenpolitik oder leider auch in der internationalen Handelspolitik gewöhnt, aber dieser Tage wächst die Nervosität wieder immens an. Im Vorfeld der Gespräche mit der chinesischen Verhandlungsdelegation, bei denen wenigsten ein „kleiner Deal“ erwartet wird, versinkt Washington in einem Skandalsumpf sondergleichen. Und dies zu einem Zeitpunkt, an dem die Waagschale der internationalen Wirtschaftsindikatoren sich endgültig in Richtung Rezession zu neigen scheint. Zuversicht und Optimismus wären notwendig, stattdessen greift Resignation und Verwirrung um sich. Es wird immer klarer, dass Populisten sich nicht um rationale Handlungsalternativen bemühen, sondern einzig ihren kurzfristigen Zielen verpflichtet sind.

Bestes Beispiel bietet der englische Premier Boris Johnson, der entgegen mannigfaltigem Expertenrat an seinem Konfrontationskurs festhält und sich nicht davor scheut, zu Gewalt auf den Straßen aufzurufen, wenn der „Wählerwille“ nicht umgesetzt werden kann. Ein „No-Deal-Brexit“ wird somit jeden Tag wahrscheinlicher. Allerdings muss Premier Johnson laut Gesetzesbeschluss seines eigenen Parlaments eine Verschiebung des Brexits bei der EU beantragen, um weitere Zeit für eine Kompromisslösung zu finden. Bis dato sind sich die 27 verbleibenden EU-Länder einig, dieser Verlängerung zuzustimmen, auch wenn Johnson wohl einige Länder bezirzt, dies nicht zu tun. Der Börsenmonat Oktober gehört sowieso schon zu den historisch volatilsten Börsenmonaten, da wirken diese politischen Risiken, die sich nun zu kulminieren scheinen, wie die sprichwörtliche Lunte am Pulverfass.

Zum Glück befindet sich dieses Pulverfass inmitten eines gigantischen Zentralbankgeld-Sees, sodass diese Lunte immer wieder zur rechten Zeit gelöscht werden konnte. Die alles entscheidende Frage in den nächsten Monaten wird sein, ob die technische Rezession (zwei Minus-Quartale in Folge) in eine „richtige“, d.h. länger anhaltende Rezession mündet. Die Gewinnschätzungen für Unternehmen für das nächste Jahr sind mit +11 % sehr ambitioniert und dürften im Falle einer tieferen Konjunkturdelle größeres Enttäuschungspotential bereithalten.

Die Eigen- und Fremdsicht des US-Präsidenten ist derzeit wohl gut mit den märchenhaften neuen Kleidern des Kaisers vergleichbar – in seinen Augen die schönsten und besten, die es gibt, in den Augen der anderen (der Welt?) aber wohl kaum sichtbar bzw. nicht vorhanden. Es könnte sein, dass der US-Präsident demnächst relativ nackt dasteht. Ob das gut oder schlecht für die Finanzmärkte ist, kann noch nicht bestimmt werden. Politische Unsicherheiten sind nie gut für die Börsenentwicklungen, aber eben auch nicht von dauerhaftem Einfluss. Der Herbst bleibt spannend.

Michael Beck ist Leiter Asset Management beim Bankhaus Ellwanger & Geiger.

Foto: Thomas Bernhardt

Ihre Meinung



 

Versicherungen

Zukunft der Versicherungswirtschaft liegt in der Automatisierung

Die Versicherungswelt ist im Umbruch. Seien es verändertes Kundenverhalten, regulatorische Anforderungen oder gesellschaftliche Megatrends wie die Digitalisierung: Große Dynamik trifft auf eine teils noch verkrustete Branche mit in die Jahre gekommenen IT-Systemen und uneinheitlichen Prozessen. Ausweg aus dem Dilemma verschafft eine durchgängige Prozessautomatisierung, die mehr als eine Insellösung ist. Ein Beitrag von Marcus Rex, Vorstand der Smart InsurTech AG.

mehr ...

Immobilien

Nachhaltige Finanzen: EU-Taxonomie schießt über das Ziel hinaus

Medienberichten zufolge haben sich Vertreter des Europäischen Parlaments und des unter der finnischen Ratspräsidentschaft stehenden Rates der Europäischen Union auf eine Taxonomie-Verordnung geeinigt, wonach allgemein verbindlich festgelegt wird, welche Investments in der EU als nachhaltig gelten. Der Kompromiss umfasst einige bisher äußerst kontrovers diskutierte Punkte.

mehr ...

Investmentfonds

Anteil fauler Kredite steigt in Deutschland

Als notleidende beziehungsweise faule Kredite werden Darlehen bezeichnet, deren Rückzahlung mehr als 90 Tage in Verzug sind. In Europa summieren sich entsprechende Kredite aktuell auf ein Volumen von 562 Milliarden Euro. In Deutschland ist der Anteil zuletzt gestiegen.

mehr ...

Berater

Security Token: Für wen das neue regulierte Wertpapierformat attraktiv ist

Schon bald könnten Security Token traditionelle Wertpapiere weitestgehend ersetzen. Die Vorteile der digitalen Lösung sind zahlreich. Sie ermöglichen, Unternehmen, sich günstig zu finanzieren, während Anleger eine preiswerte Investmentchance nutzen können.

mehr ...

Sachwertanlagen

Primus Valor schließt Fonds 9 mit 100 Millionen Euro Anlegergeld

Der Asset Manager Primus Valor hat den Publikums-AIF ImmoChance Deutschland 9 Renovation (ICD 9 R+) nach mehreren Erhöhungen des Zielvolumens mit dem maximal möglichen Eigenkapital geschlossen. Der Schluss-Spurt verlief rasant.

mehr ...

Recht

Gesetz gegen grenzüberschreitende Steuertricks

Durch eine verschärfte Meldepflicht sollen grenzüberschreitende Steuerschlupflöcher schneller erkannt und gestopft werden. Dieses Ziel verfolgt ein Gesetz, das der Bundestag am Donnerstagabend verabschiedet hat.

mehr ...