Weshalb 2 Grad Erderwärmung gravierender sein könnten als 2 Prozent Inflation

Anleger sollten die Augen aufhalten, wenn die Finanzaufsicht beginnt, ihr Mandat etwas großzügiger auszulegen, und verstärkt auch auf die steigende Temperatur des Planeten achtet. Ein Kommentar von Gary Smith, Barings Investment Institute.

Gary Smith, Barings Investment Institute

Nach Ansicht des bekannten amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz handelt es sich beim Klimawandel um eine Krise, die eine Art politische Reaktion rechtfertigt, die zuletzt während des Zweiten Weltkriegs zum Einsatz kam:

Traditionelle Orientierung wird bedeutungslos

Die Kosten der Politik sollten im Vergleich zu den Folgen der Untätigkeit als irrelevant betrachtet werden. Die Dominoeffekte eines extremen Klimas könnten zu Wasserknappheit führen und die Lebensmittelerzeugung bedrohen. Durch solche Ereignisse könnten Länder in besonders betroffenen Regionen potenziell zu Kriegsschauplätzen werden.

In solchen extremen Szenarien könnte die traditionelle Orientierung der Notenbanker am Zwei- Prozent-Ziel für den Anstieg des Verbraucherpreisindex bedeutungslos werden. Das Ziel von 2 Grad Celsius – die Schwelle, bei deren Überschreitung man davon ausgeht, dass ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur katastrophale Folgen hätte – könnte ein Ziel werden, das alle anderen in den Schatten stellt.

Klimawandel ist für eine Reihe makroökonomischer Fragen relevant

So mancher mag entgegensetzen, dass die langfristigen Folgen des Klimawandels jenseits des üblichen Prognosehorizonts der Zentralbanken eintreten können. Die Federal Reserve Bank von San Francisco wies jedoch darauf hin, dass Notenbanken langfristige Faktoren wie den demografischen Wandel bei der Formulierung ihrer Politik bereits berücksichtigen.

Ihrer Auffassung nach stellt sich der Klimawandel für eine Reihe makroökonomischer Fragen als relevant heraus. Hierzu zählen das potenzielle Produktionswachstum, Vermögensbildung, Produktivität sowie das langfristige Realzinsniveau.

Derselbe Artikel stellt den Klimawandel (neben Demografie und technologischer Innovation) als eine der drei wichtigsten makroökonomischen Kräfte heraus, die die US-amerikanische Wirtschaft im 21. Jahrhundert prägen werden. Die Autoren beschreiben die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels aufgrund der Anpassung der Ausgaben an steigende Temperaturen – darunter mehr Klimaanlagen, besseren Hochwasserschutz und eine widerstandsfähigere Infrastruktur.

Klimawandel ist für Notenbanken relevant

Darüber hinaus unterstreichen sie die mit der Anpassung an eine kohlenstoffarme Wirtschaft verbundenen Übergangsrisiken als Risiken für Assets, die von fossilen Brennstoffen abhängen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, dass größere fossile Brennstoffanlagen aufgrund der sinkenden Nachfrage nach Öl und Gas zu verlorenen Investitionen werden.

Um zu verdeutlichen, dass der Klimawandel für die Formulierung der Geld- und Regulierungspolitik der Notenbank relevant ist, betont der Bericht der Federal Reserve von San Francisco das Zahlungsausfallrisiko für Banken aufgrund von Betriebsunterbrechungen und Insolvenzen, die auf extreme Wetterereignisse zurückzuführen sind.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Finanzinstitute „Klimastresstests“ durchführen sollten, um ihre Solvabilität in einer Reihe von Zukunftsszenarien zu beurteilen, die sich auf umweltbedingte und ökologische Veränderungen gründen.

 

Seite 2: Wie Finanzinstitute reagieren

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