Assekurata Marktausblick PKV: „Keine nachhaltige Ruhe an der Beitragsfront“

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Dr. Reiner Will ist Geschäftsführer der Rating-Agentur Assekurata

Der Niedrigzins hält die private Krankenversicherung (PKV) 2021 fest im Griff und schlägt mit hohen Beitragsanpassungen in der Voll- und Pflegeversicherung durch. Während die private Vollversicherung nur noch in der Beihilfe wächst, erweist sich die betriebliche Krankenversicherung zunehmend als der Wachstumstreiber. Dies teilte die Rating-Agentur Assekurata auf ihrer digitalen Pressekonferenz „Marktausblick zur privaten Krankenversicherung“ mit.

Wirtschaftlich hat die Branche die Corona-Pandemie 2020 gut überstanden. Hierzu trug auch der pandemiebedingt vergleichsweise moderate Leistungsausgabenanstieg in der Vollversicherung bei.

„Durch die pandemiebedingt geringere Zahl an Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten sind die Leistungsausgaben in der Vollversicherung 2020 mit voraussichtlich 2,9 Prozent deutlich moderater angestiegen als in den beiden Vorjahren, in denen die Kostensteigerungen über vier Prozent lagen. Zusätzlich haben insbesondere die Beitragsanpassungen in der Pflegepflichtversicherung dazu beigetragen,dass die PKV im Geschäftsjahr 2020 ihr versicherungsgeschäftliches Ergebnisdeutlich von 4,9 Milliarden auf rund 5,7 Milliarden Euro steigern konnte“, fasst Gerhard Reichl, Fachkoordinator Krankenversicherung bei Assekurata und Autor der Untersuchung, die Ergebnisse zusammen.

Am Kapitalmarkt hat die Corona-Pandemie dagegen deutliche Spuren hinterlassen. So ging das Kapitalanlageergebnis von 9,5 Milliarden auf circa 8,7 Milliarden Euro zurück. Die Nettoverzinsung liegt damit noch bei knapp 2,9 Prozent. Dieser Rückgang ließ sich nach Aussagen Reichl’s auch nicht durch den Gewinnanstieg im Versicherungsgeschäft kompensieren. Insgesamt sank das Rohergebnis nach Steuern marktweit um 300 Millionen auf rund 5,7 Milliarden Euro.

Rekordzuwächse bei den Beiträgen

Bei der privaten Krankenvollversicherung hat sich der Abrieb fortgesetzt, der Bestand schrumpfte geringfügig um 0,1 Prozent. Im Vergleich zu 2011 wechseln mittlerweile deutlich weniger gutverdienende Angestellte und auch Selbständige von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die PKV. Aktuell sei das PKV-Vollversicherungsgeschäft ein schrumpfender Markt. Wer es schaffe, dort Marktanteile zu halten, wachse, so Reichl. Nettowachstum sieht der Experte nur im Beihilfesegment. Dort erhöhte sich die Zahl der Neuzugänge.

Wachstum nur im Beihilfesegment

„Hier macht sich die steigende Beschäftigtenzahl im öffentlichen Dienst positiv bemerkbar“, sagte Reichl. Im Neugeschäft wird dabei von der Debeka beherrscht. Laut Reichl thront throne der Konzern über allen. Hinter dem Marktführer folgen in den Top-Ten die Axa, DKV, Signal Iduna, Allianz, Huk-Coburg, Continentale, Bayerischen Beamten Krankenkasse, Generali und Barmenia. Laut Reichl steht die HanseMerkur aufgrund ihrer steigenden Relevanz kurz vor dem Sprung in die Top-Ten. „Vermutlich in ein oder zwei Jahren“, so der Experte.

Hamburger Modell ohne (Aus-)wirkung

Die Ausweitung des Hamburger Modells (Beihilfeempfänger) sowie das Versichertenentlastungsgesetz (Selbständige) hatten somit bislang bei beiden Kundengruppen bislang keine spürbaren Auswirkungen auf das Neugeschäft der PKV. Beitragsseitig verzeichnete die Branche ähnlich wie 2010 und 2017 zwar einen Rekordzuwachs von rund 1,8 Milliarden Euro jedoch beruht dieser Anstieg wiederum zu einem Großteil auf Beitragsanpassungen – diesmal vor allem inder besonders zinssensitiven Pflegeversicherung.

Entlastung durch Rechnungszinssenkung

Da der Rechnungszins im Zuge der durchgeführten Beitragsanpassungen im Branchenschnitt mittlerweile nur noch bei 2,66 Prozent liegt, betrug die Zinsanforderung 2020 lediglich 7,5 Milliarden Euro. Ohne Absenkung, also bei einem Rechnungszins von 3,50 Prozent, hätte sie bei 9,8 Milliarden Euro gelegen. „Dies verdeutlicht die entlastende Wirkung des aktuariellen Unternehmenszinses auf die Unternehmen, für die dadurch eine Fortsetzung der Niedrigzinsphase zumindest ökonomisch kein Problem darstellen dürfte“, erläutert Reichl.

Ein Indiz hierfür sind auch die Solvenzquoten, die in der PKV ohne Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassung mit durchschnittlich 397 Prozent deutlich höher ausfallen als in der Lebensversicherungssparte mit durchschnittlich gut 200 Prozent. Die Kehrseite der Medaille sind jedoch die damit einhergehenden Beitragssteigerungen in der Voll- und Pflege-ersicherung, die bei Kunden und Vermittlern für Verunsicherung sorgen und unternehmensseitig das Neugeschäft beziehungsweise das Bestandswachstum negativ tangieren.

Stagnation in der Pflege und das Storno steigt

Besonders deutlich wird dies aktuell in der Pflegezusatzversicherung, die im Geschäftsjahr 2020 netto nach Verträgen aller Voraussicht nach stagnierte. Ursächlich hierfür ist ein Neugeschäftsrückgang von rund 30 Prozent und ein Stornoanstiegvon 70 Prozent jeweils gemessen in Monatssollbeiträgen.

„Diese Entwicklung ist – neben der Absenkung des Rechnungszinses – ganz wesentlich auch auf die Verteuerung der Beiträge durch das zweite Pflegestärkungsstärkungsgesetz, PSG II, zurückzuführen“, schlussfolgert Reichl. „Mit Blick auf die absoluten Zahlen bewegen sich die Prämienanpassungen zwischen 13 und 22 Euro – über die gesamte Vertragslaufzeit ergeben sich deutliche Mehrbelastungen von mehreren tausend Euro“, so Reichl.

So stieg die Zahl der Leistungsempfänger in der sozialen und privaten Pflegepflichtversicherung von 2016 bis 2019 um knapp 45 Prozent von 2,94 Millionen auf 4,25 Millionen. Folglich explodierten die Leistungsausgaben. Sie nahmen um rund 41 Prozent zu – von 29,95 Milliarden auf 42,27 Milliarden Euro. Aus diesem Grund werden die Unternehmen die Beiträge in der privaten Pflegepflichtversicherung für Beamte zum 1. Juli 2021 erneut anheben.

Vor dem Hintergrund der steigenden Beiträge warnte Assekurata-Mann Reichel jedoch vor einer voreiligen Kündigung der privaten Pflegezusatzversicherungen. Auch weil die Kosten für die Pflege weiter steigen dürften. Laut Reichl macht es Sinn früh einzusteigen. Je früher, desto günster. So zahlt eine 25-jährige Person zwischen 22 bis 35 Euro Monatsbeitrag. Eine 65-jährige Person müsste dagegen zwischen 193 und 215 Euro monatlich aufwenden.

Höchste Beitragsanpassungen seit 2010

„Bereits zu Beginn des Jahres hatten die Gesellschaften die Beträge in der Vollversicherung marktweit so stark angepasst wie seit 2010 nicht mehr“, erklärt Reichl. „Im Durchschnitt der von uns gerateten Krankenversicherer erhöhten sich die Bestandsbeiträge im Beihilfesegment um 5,7 Prozent und im Nicht-Beihilfebereich um 7,7 Prozent.“

Nachhaltige Ruhe an der Beitragsfront ist vorerst nicht in Sicht, schon allein aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase, die auch in den kommenden Jahren durch weitere Rechnungszinsabsenkungen für Beitragsanpassungen sorgen dürfte“, mahnt Assekurata-Geschäftsführer Dr. Reiner Will.

Hinzu kommen die steigenden Pflegekosten und die für die nächste Legislaturperiode zu erwartende Reform der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). „Diese dürfte ähnlich wie die Novellierung der Gebührenordnung für Zahnärzte im Jahr 2012 mehr oder weniger starke Beitragserhöhungen für die Vollversicherten nach sich ziehen“, glaubt Will.

Anpassungsdruck, aber keine Systemfrage

Aber auch auf Seiten der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung zeichnen sich schon jetzt Beitragserhöhungen ab. Inwieweit und für wie lange diese durch entsprechende Erhöhungen des Steuerzuschusses aufgefangen werden können, bleibt vorerst abzuwarten. Gleiches gilt für mögliche Reformen des Gesundheitssystems nach der Bundestagswahl.

Die so genannte Systemfrage wird laut Assekurata derzeit, wenn überhaupt, nur am Rande diskutiert. „Dies liegt wohl unter anderem auch daran, dass sich das deutsche Gesundheitssystem in Zeiten der Pandemie durchaus bewährt und der Versichertenstatus – egal ob gesetzlich oder privat – bei der ärztlichen Behandlung keine Rolle gespielt hat“, merkt Will an.

Rekordwachstum erwartet – aber nur bei den Beiträgen

Vor diesem Hintergrund erwartet Assekurata für 2021 in der Vollversicherung keine wesentlichen Veränderungen beim Personenwachstum. „Aufgrund der durchgeführten Beitragsanpassungen gehen wir jedoch von einem erneuten Rekordbeitragszuwachs von erstmals über zwei Milliarden Euro aus“, zeigt sich Reichl überzeugt. Auch ertragsseitig dürfte 2021 deshalb ein positives Jahr für die Branche werden.

„Wir rechnen mit einem weiteren Anstieg des versicherungsgeschäftlichen Ergebnisses und damit auch des Rohüberschusses, sofern die Kapitalanla-geseite nicht erneut einbricht wie im Vorjahr“, prognostiziert Reichl. Weiteres Wachstumspotenzial sieht der Krankenversicherungsexperte in den Budgettari-fen der betrieblichen Krankenversicherung, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. „Die Pflegezusatzversicherung dürfte sich dagegen angesichts der empfindlichen Beitragsanpassungen erneut schwer tun, einen nennenswerten Bestandszuwachs zu erzielen.“

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