„Bei 33 Lebensversicherern reichen die Erträge aus der Kapitalanlage nicht aus, um die Garantieverpflichtungen zu erfüllen“

Foto: Policen Direkt
Henning Kühl, Chefaktuar von Policen Direkt

33 Lebensversicherer können derzeit die gesetzlichen geforderten Reserven nicht primär bedienen. 44 Unternehmen haben dagegen unverändert Spielräume, wenn auch nur geringe. Der aktuelle Kennzahlenvergleich von Policen Direkt zeigt, wie dass die Zinsmisere an der Finanzkraft der Lebensversicherer zehrt. Die Studie zeigt aber auch, dass den Gesellschaften vor dem Hintergrund eigentlich keine Alternative bleibt, als sich aus dem Garantiegeschäft zu verabschieden.

Bei 33 von 80 Lebensversicherern reichen die 2020 (2019: 24) erwirtschafteten Erträge aus der Kapitalanlage nicht aus, um die Garantieverpflichtungen zu erfüllen und die gesetzlich vorgeschriebene Reserve zu bedienen. Diese müssen dann dafür Erträge aus Risiko und Verwaltung in die Rechnung einbeziehen.

Dauerhafte Quersubventionierung sichert Garantien

„Beim Blick auf die einzelnen Unternehmen zeigt sich, dass es bei der Hälfte der Unternehmen nur darum geht, die garantierten Anforderungen zu erfüllen“, erklärt Henning Kühl, Chefaktuar von Policen Direkt und Versicherungsmathematiker (DAV). „Insgesamt bleibt für die Branche die Situation trotz der COVID-19-Krise unverändert.“

Vor diesem Hintergrund hat 2020 habe die Bedeutung der Gewinne aus der Verwaltung wieder zugenommen, so Kühl. Kostengünstige Versicherer könnten nicht nur im Neugeschäft attraktivere Konditionen anbieten, sondern auch ihren Verpflichtungen leichter nachkommen. Es lohne sich hier, die einzelnen Ergebnisse näher anzuschauen.

Von den 24 Gesellschaften, die 2019 noch unter 100 Prozent lagen, haben nach der neuen Studie 15 ihre Finanzstärke 2020 erhöhen können. Sechs davon hätten nun einen Quotienten von über 100 Prozent, erklärt Kühl. Insgesamt haben 34 Versicherer ihre Finanzstärke steigern können, während die Kennzahl bei 46 Unternehmen geringer geworden ist.

Bei den meisten Lebensversicherern reichen die Erträge gerade, um Garantien stabil zu bedienen

Bei insgesamt 44 Gesellschaften (2019: 40) liegt diese Kennzahl bei maximal 105 Prozent. Diese Gesellschaften können die garantierten Leistungen zwar noch sicher finanzieren, mussten die Zuweisungen an die Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB) jedoch senken. Das wird nicht ohne Auswirkungen auf die Überschussbeteiligungen bleiben.

„Angesichts der Corona-Pandemie ist es positiv, dass sich die Ergebnisse nur wenig zum Vorjahr verändert haben“, erklärt Kühl. „Bei den meisten Lebensversicherern reichen jedoch die Erträge gerade, um die Garantien stabil zu bedienen. Die Zukunft liegt nun dort jedoch überwiegend nicht mehr bei den Garantieprodukten.“

Werden Garantieforderungen durch Risikogewinne gesichert?

Die Gesamt-Ertragsstärke als eine weitere zentrale Kennzahl aus der Analyse der Pflichtveröffentlichung gemäß Paragraph 15 MindZV zeigt im Vergleich mit der Finanzstärke an, in welchem Maß eine Quersubventionierung stattfindet. Garantieanforderungen werden so aufgrund der niedrigen Kapitalmarkt-Zinsen durch Risikogewinne gesichert.

Auch Biometrie-Versicherer erwirtschaften tendenziell ebenfalls geringere Kapitalerträge und dafür höhere Risikogewinne. Die Gesamt-Ertragsstärke berücksichtigt sämtliche Erträge in der Rechnung und liegt branchenweit bei 135,02 Prozent (2018: 140,07 Prozent), also um 3,6 Prozent niedriger. 2020 haben es immerhin im Gegensatz zum Vorjahr alle Versicherer geschafft, mit den Verwaltungs- und Risikogewinnen die Anforderungen zu erfüllen.

Garantieanforderungen steigen weiter

Die Garantieanforderungen der 80 deutschen Lebensversicherer sind 2020 um rund drei Prozent gestiegen. Zudem ist die relevante Finanzstärke als Quote aus den Kapitalerträgen im Verhältnis zu den Aufwendungen für den Rechnungszins im Marktschnitt mit 110,40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (114,41 Prozent) um 3,5 Prozent gesunken.

Das geht aus der Policen-Direkt-Analyse der aktuell veröffentlichten Zahlen zur Mindestzuführungsverordnung (MindZV) hervor. Aufgrund der gestiegenen Garantielast und der für die Verträge der Rechnungszinsgeneration 1,75 Prozent notwendigen Zinszusatzreserve konnten die Erträge die Höhe aus dem Vorjahr nicht wiederholt werden. Die Gewinne aus der Verwaltung sind hingegen um fast fünf Prozent gestiegen, können den Rückgang bei den Risikogewinnen jedoch nicht kompensieren. Auch die Zinsgewinne erreichten nicht ganz den Vorjahreswert.

Branche setzt auf chancenreiche Produkte und weitere Konsolidierung

Policen Direkt-Chefaktuar Kühl erwartet für die Branche weitere stabilisierende Maßnahmen. Zudem dürfte die Anzahl der Lebensversicherungsgesellschaften am Markt weiter sinken. Grund hierfür seien Verschmelzungen von Lebensversicherern auf Gruppenebene, so Kühl.

Auch die Höhe der Beitragsgarantien dürften weiter sinken, fondsgebundenen Policen gewinnen Marktanteile. Wenn Lebensversicherer das Risiko damit auf ihre Kunden übertragen, wirke das positiv auf die Krisenfestigkeit der Unternehmen; angesichts dauerhaft niedriger Zinsen womöglich auch aus Kundensicht mit Blick auf eine künftig weiter auskömmliche und finanzierbare Altersvorsorge.

Der Appell von Kühl: „Lebensversicherer müssen für neue Produkte aufgrund der Solvenzvorschriften darlegen, dass Sie langfristig in der Lage sind, die garantierten Leistungen zu erfüllen. Zeitgemäße, kapitalschonende Garantiemodelle sind gerade angesichts der niedrigen Zinsen mitunter unumgänglich, in jedem Fall aber erklärungsbedürftig. Für die Kunden bleiben sichere Werte und transparente Informationen zur Vertragsentwicklung entscheidend bei der privaten Altersvorsorge.“

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