„Ohne Nachhaltigkeit geht es nicht mehr“

Foto: Barmenia
Frank Lamsfuß, Vertriebsvorstand der Barmenia Versicherungen

Die Barmenia Versicherungen wurden bereits 2008 mit einem Sonderpreis beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Jetzt wurde die Wuppertaler Versicherungsgruppe zu einem der klimabewusstesten Unternehmen Deutschlands gekürt. Cash. sprach mit Vertriebsvorstand Frank Lamsfuß und dem Nachhaltigkeitsbeauftragten Stephan Bongwald über die Herausforderungen einer nachhaltigen Ausrichtung.

Die Barmenia beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit, ist 2014 bereits den UNPRI beigetreten. Andere Versicherer vollziehen diesen Schritt erst jetzt. Wie kam es dazu, dass die Barmenia so früh die Bedeutung des Themas erkannt hat?

Lamsfuß: Nachhaltigkeit ist keine einzelne Maßnahme, sondern eine Haltung. Als mittelständischer Versicherer mit der Rechtsform Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit der Muttergesellschaften hatten wir schon immer diese sinnstiftende Motivation. Deshalb sehen wir Nachhaltigkeit auch als Teil unserer Verantwortungskultur an.

Wir mussten nie sagen, dass wir ab einem bestimmten Zeitpunkt nachhaltig sein wollen, sondern die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgte dafür. Aus diesem Grund haben wir schon vor zwanzig Jahren Naturheilverfahren in einem Tarif der Krankenversicherung angeboten und Gelder nachhaltig investiert. Bei uns gehört Nachhaltigkeit zum Kerngeschäft.

Das Thema spielt in der Versicherungswirtschaft eine immer wichtigere Rolle. Gerade erst hat das GDV-Präsidium ein Positionspapier zur Nachhaltigkeit verabschiedet. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Lamsfuß: Dieser Schritt ist ein deutliches Bekenntnis zu mehr Nachhaltigkeit in der Versicherungsbranche. Der Klimawandel bedroht alle Menschen und auch die Unternehmen. Es ist nicht ausreichend, wenn sich einige wenige mit den Themen auseinandersetzen und aktiv sind. Nur gemeinsam können wir wirklich etwas in der Breite und öffentlichen Wahrnehmung bewegen. Deshalb ist die Positionierung des GDV ein Schritt, der Signalwirkung hat.

Wie bewerten Sie, dass der Gesamtverband zwar ein Positionspapier mit Nachhaltigkeitszielen verabschiedet hat, sich aber bislang auf keine einheitliche Definition verständigen konnte?

Lamsfuß: Das Positionspapier enthält wichtige Bestandteile des Kerngeschäftes wie die Kapitalanlage oder das Underwriting und auch Zielformulierungen. Es zeigt den zukünftigen Weg der deutschen Versicherungswirtschaft auf und lässt dennoch Gestaltungsspielraum. In einer starken Branche, die durch Wettbewerb Zukunftslösungen schafft, ist dies aus unserer Sicht die richtige Dosierung.

Welche Folgen hat diese Erklärung für die Barmenia?

Bongwald: Die Erklärung ist ein Startsignal für Unternehmen, die sich noch nicht mit diesen Themen beschäftigt haben. Uns als Barmenia bestärkt es noch einmal, unseren vor Jahren selbst eingeschlagenen Weg konsequent weiterzuverfolgen.

Stephan Bongwald, Nachhaltigkeitsbeauftragter der Barmenia Versicherungen

Bei der Barmenia wird der Begriff Nachhaltigkeit kaum verwendet. Stattdessen sprechen Sie von ökonomischem, ökologischem und sozialem Verantwortungsbewusstsein. Warum?

Bongwald: Der Begriff Nachhaltigkeit wird oftmals als reiner Umweltbegriff missverstanden. Nachhaltigkeit ist aber die ganzheitliche Betrachtung von wirtschaftlichem Handeln, sozialer Verantwortung und Umweltbewusstsein. Diese Dimensionen gehören für uns unmissverständlich zusammen und prägen in ihrer Gesamtheit unsere Verantwortungskultur.

Bei nachhaltigen Produkten in der Versicherungswirtschaft gibt es enormen Nachholbedarf. Das gilt für die Lebens-, die Kranken- und insbesondere für die Sachversicherung. Warum tun sich die Versicherer hier so schwer?

Lamsfuß: Die Barmenia entwickelt innovative Versicherungslösungen, die als nachhaltig gelten. Bei der Entwicklung ist uns wichtig, dass wir Mehrwerte schaffen, die vom Markt gewünscht und kalkulatorisch sinnvoll sind. Bei der Barmenia können wir auf innovative Produktentwickler vertrauen, die beispielsweise bereits vor über zehn Jahren die Nachhaltigkeitsfonds in der Rentenversicherung einbezogen haben.

In der Krankenzusatzversicherung haben wir mit den „Mehr für Sie-Produkten“ Innovationen geschaffen, die einen Schwerpunkt auf soziale Nachhaltigkeit legen. Die Kundinnen und Kunden können beispielsweise im ambulanten Bereich Budgetvarianten frei wählen und auch die Kündigungsfristen haben wir – unserem Slogan „Barmenia Einfach. Menschlich” entsprechend – kundenfreundlich gestaltet.

Die Umweltkomponente wird durch unsere verantwortungsbewusste Anlage der Kundenbeiträge einbezogen. Unsere Kapitalanlage beinhaltet Ausschlusskriterien, die Sozial- und Umweltbelange berücksichtigen.

Eine Umfrage aus dem Herbst 2020 ergab, dass 47 Prozent der befragten Makler noch nie eine Ausbildung zum Thema „Nachhaltige Finanzprodukte“ besucht haben. Bei 45 Prozent kam das Thema Nachhaltigkeit noch nie in der Beratung vor. In wenigen Wochen tritt die Transparenzverordnung in Kraft. Wie unterstützen Sie hier ihre Partner?

Bongwald: Seit 2012 bin ich Nachhaltigkeitsbeauftragter der Barmenia. In der Vergangenheit habe ich Vorträge gehalten und Online-Seminare für Berater gegeben, die sich mit diesem Thema intensiver beschäftigen wollten. Aus dem Megatrend, der nach dem Reaktorunglück in Fukushima in 2011 ausgerufen wurde, ist jetzt endlich das Zukunftsthema schlechthin geworden. Die Gesetzgebung ist wichtig, aber ich spüre auch die Macht und den Druck der Konsumenten, sicherlich auch durch die Fridays-for-Future-Bewegung. Ich koordiniere das Team, das sich unter anderem mit der Transparenzverordnung beschäftigt. Dabei ist die Vermittlung dieses Wissens für die Beratung ein sehr wichtiger Baustein.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.
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