37 Prozent Minus bei Silber: Warum das zweite Halbjahr wieder Chancen bietet

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Silber bleibt trotz Kursrutsch für 2026 interessant: Nachfrage, Defizit und Positionierung stützen die These.

Silber hat binnen weniger Wochen massiv verloren. Auslöser waren vor allem Dollarstärke, steigende Renditen und geopolitische Risiken. Doch unter der nervösen Oberfläche bleiben mehrere Treiber intakt. Genau daraus könnte sich im zweiten Halbjahr neue Dynamik entwickeln.

Silber hat in wenigen Wochen einen der schärfsten Rücksetzer der letzten Jahre erlebt. Vom Hoch bei 97,30 US-Dollar am 2. März fiel der Preis bis zum 23. März auf 61,21 US-Dollar und verlor damit rund 37 %. Für den Markt war das ein abrupter Bruch der vorherigen Dynamik. Mehrere Faktoren trafen gleichzeitig aufeinander: geopolitische Unsicherheit, stark gestiegene Energiepreise, ein wieder festerer US-Dollar und eine deutlich restriktiver wahrgenommene Haltung der US-Notenbank. Entsprechend drehte die Stimmung bei Silber in kurzer Zeit von Aufwärtsfantasie zu Vorsicht.

Im Zentrum der aktuellen Debatte steht nun die Frage, ob der Einbruch nur eine heftige Korrektur in einem größeren Aufwärtstrend war – oder der Beginn einer längeren Schwächephase. Beobachtern zufolge hat sich das kurzfristige Bild zwar deutlich eingetrübt, die grundlegenden Treiber für Silber hätten sich aber nicht verändert. Gerade deshalb richtet sich der Blick zunehmend auf die zweite Jahreshälfte 2026.


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Silber geriet unter den Druck von Dollar, Öl und Fed

Der Ausverkauf bei Silber erklärt sich laut Medienberichten zufolge vor allem aus einem Zusammenspiel makroökonomischer Belastungen. Der Krieg im Nahen Osten und die damit verbundene Nachrichtenlage erhöhten die Volatilität an den Märkten. Zugleich zogen die Energiepreise kräftig an, was Inflationssorgen neu entfachte. Parallel dazu stieg der US-Dollar-Index wieder in Richtung der Marke von 100 Punkten, während sich die Erwartungen an die nächsten Zinsschritte der Federal Reserve deutlich veränderten.

Besonders wichtig war in diesem Zusammenhang die Neubewertung nach der Veröffentlichung des sogenannten Dot Plots der US-Notenbank. Die zuvor am Markt eingepreisten Hoffnungen auf zwei Zinssenkungen im September und Dezember verschwanden praktisch vollständig. Stattdessen drehte die Einschätzung in Richtung einer restriktiveren Geldpolitik, bis hin zu einer Wahrscheinlichkeit von 20 % für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte. Gleichzeitig stiegen die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen auf 4,44 %. Für Silber ist ein solches Umfeld traditionell schwierig, weil höhere Renditen und ein stärkerer Dollar die Attraktivität von Edelmetallen kurzfristig schmälern.

Hinzu kamen weitere Belastungsfaktoren aus dem Marktumfeld selbst. Genannt werden neun aufeinanderfolgende Tage mit Abflüssen aus Gold-ETFs sowie eine gedämpfte Nachfrage der Zentralbanken. Auch wenn diese Punkte Gold direkter betreffen, verschlechtern sie in der Regel das Gesamtbild für Edelmetalle – und damit auch für Silber.

Die strukturelle Nachfrage nach Silber bleibt laut Marktthese intakt

Trotz dieser Belastungen sieht die Ausgangsanalyse die fundamentale Geschichte von Silber nicht beschädigt. Zwar habe sich die weltweite Industrieaktivität vorübergehend eingetrübt, und auch die Störung rund um die Straße von Hormus habe die Risikobereitschaft über viele Anlageklassen hinweg belastet. Doch mit aktiven diplomatischen Kanälen und ersten Anzeichen dafür, dass die Energiemärkte bereits ein Szenario der Entspannung einpreisen, könnte gerade eine Beruhigung des Konflikts den nächsten Impuls für eine Erholung liefern.

Dabei wird auf ein historisches Muster verwiesen: Nach dem Ende des Golfkriegs 1991 legte Silber innerhalb von sechs Monaten um mehr als 20 % zu, als sich Produktion, Infrastrukturinvestitionen und industrielle Aktivität im Golfraum erholten. Übertragen auf 2026 würde das bedeuten, dass nicht der Konflikt selbst die entscheidende Phase für Silber sein muss, sondern der Zeitpunkt danach – also jener Moment, in dem sich zyklischer Druck auflöst und die industrielle Nachfrage wieder in den Vordergrund rückt.

Genau hier setzt die längerfristige These an. Die strukturelle Nachfrage nach Silber aus Solarindustrie, Elektrofahrzeugen und der breiteren Energiewende gilt im Ausgangstext weiterhin als intakt. Diese Bereiche verbrauchen Silber in einem Tempo, mit dem das Minenangebot nur schwer Schritt halten könne. Ein vorübergehend restriktiver Ton der Fed oder ein Ölpreisschock änderten an diesen säkularen Nachfragetreibern zunächst nichts.

Positionierung und Defizit machen Silber für das zweite Halbjahr interessant

Ein weiterer Baustein der positiven Sicht auf Silber ist die aktuelle Marktpositionierung. Im Text wird darauf verwiesen, dass große spekulative Marktteilnehmer ihre Netto-Long-Positionen aggressiv reduziert hätten und teils sogar auf Netto-Short gedreht seien. Solche ausgewaschenen Positionierungen gelten oft als Nährboden für kräftige Gegenbewegungen, weil schon eine moderate Verbesserung des Umfelds eine starke Eindeckungsrally auslösen kann.

Hinzu kommt ein übergeordneter Rohstoffgedanke. Silber könnte am Beginn einer neuen Phase eines Rohstoff-Superzyklus ein zumal das Metall in das fünfte aufeinanderfolgende Jahr mit strukturellem Defizit gehe. Wenn Angebot und Nachfrage über längere Zeit nicht mehr zusammenfinden, wächst nach dieser Logik die Wahrscheinlichkeit schärferer Marktbewegungen.

Silber bleibt zwischen Makrolärm und langfristigem Defizit gefangen

Damit ergibt sich für Silber ein zweigeteiltes Bild. Kurzfristig dominieren Unsicherheit, Zinsdruck, geopolitische Schlagzeilen und ein schwankendes Risikoumfeld. Diese Faktoren haben den Markt seit Anfang März massiv belastet. Gleichzeitig sehen viele Experten diese Schwäche nicht als Ausdruck eines fundamental gebrochenen Marktes, sondern als Folge makroökonomischen „Lärms“.

Entscheidend für die zweite Jahreshälfte 2026 wäre demnach, ob sich der zyklische Druck abschwächt und die strukturellen Treiber wieder sichtbarer werden. Für Silber wären das vor allem die industrielle Nachfrage aus Zukunftstechnologien, das anhaltende Defizit auf der Angebotsseite und eine Marktpositionierung, die nach einer heftigen Bereinigung Raum für Gegenbewegungen lässt. Der jüngste Einbruch hat die kurzfristige Lage klar verschlechtert – die längerfristige Silber-These stellt er jedoch nicht infrage, sondern verschiebt einen möglichen nächsten Schub erst einmal wohl „nur“ zeitlich nach hinten.

Autor Björn Junker ist Chefredakteur von Goldinvest.de und seit über 15 Jahren als Wirtschafts- und Finanzjournalist tätig.

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