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Altersvorsorge-Depot: Warum Beratung wieder zentral wird

Im Gesetzentwurf sind derzeit drei Varianten vorgesehen: der reine Auszahlplan, die lebenslange Leibrente beim Versicherer und eine Mischlösung. Wie sehen Sie dritte Option?

Brummer: Ich halte gerade diese Kombination für interessant. Vorgesehen ist, dass etwa 80 Prozent des Kapitals zu Rentenbeginn in eine lebenslange Sockelrente fließen, während die restlichen 20 Prozent weiter in Fonds investiert bleiben – auf Risiko des Kunden, aber mit Renditechancen. Damit ließe sich ein Teil der Lücke schließen zwischen der höheren Auszahlung, die ein Auszahlplan verspricht, und der niedrigeren, aber sicheren Rente aus einer klassischen Versicherung. Studien zeigen nämlich: Wenn Kunden zwei Zahlen sehen, wählen rund 70 Prozent zunächst die höhere – auch wenn sie nur bis 85 garantiert ist.

Lassen Sie uns kurz auf die Frühstarter-Rente schauen. Könnte sie nicht auch ein Türöffner für die Beratung sein? Wenn man über die Vorsorge der Kinder spricht, landet man schnell bei der Altersvorsorge der ganzen Familie.

Brummer: Grundsätzlich gilt ja: Je früher man mit Altersvorsorge beginnt, desto besser. Wenn der Staat schon bei Sechsjährigen einen Impuls setzt, kann das durchaus ein Anlass für Gespräche sein. Auch wenn Eltern zunächst vielleicht gar nicht daran denken, für ihr Kind schon Altersvorsorge zu organisieren. In einer Beratungssituation kommt man dann schnell von einem Thema zum nächsten: Was ist mit den anderen Kindern? Wie sieht die Vorsorge des Ehepartners aus? Und wie steht es eigentlich um die eigene Altersvorsorge? Insofern kann das durchaus ein Einstieg sein, um die finanzielle Situation der gesamten Familie einmal ganzheitlich zu betrachten.

Kann dadurch eine echte Aktienkultur in Deutschland entstehen?

Brummer: Da bin ich noch skeptisch. Natürlich ist es positiv, dass es künftig ein steuerlich gefördertes Depot für die Altersvorsorge geben soll. Aber die Realität ist: In Deutschland haben nach wie vor relativ wenige Menschen ein Aktiendepot oder besparen regelmäßig ETFs. Zwar hört man momentan oft, ETFs seien das Allheilmittel für alles. Schaut man sich jedoch die Statistiken zu privaten Aktienspar- und Fondsplänen an, sind die Zahlen immer noch überschaubar. Ich hoffe natürlich, dass sich das durch das neue Modell verändert. Man hätte allerdings auch überlegen können, solche Formen der kapitalmarktbasierten Vorsorge stärker verpflichtend zu gestalten – wie etwa in Schweden oder Frankreich.

Wie müssen sich Versicherer strategisch aufstellen, um im Altersvorsorge-Depot relevant zu bleiben? Müssen sie zu Depotanbietern werden oder riskieren sie sonst, Terrain zu verlieren?

Brummer: Ich glaube nicht, dass Versicherer zu klassischen Depotanbietern werden. Sie werden weiterhin das tun, was ihre eigentliche Stärke ist: Risiken im Kollektiv absichern. Das Prinzip der Versicherung funktioniert ja so, dass diejenigen, die kürzer leben, gewissermaßen diejenigen mitfinanzieren, die länger leben. Dieses Langlebigkeitsrisiko lässt sich über das Kollektiv und über Rückversicherer absichern. Deshalb sehe ich nicht, dass Versicherer künftig einfach nur Depots ohne Garantie mit einem Auszahlplan anbieten. Ihr Kern bleibt die Absicherung von Risiken.

Für mich wirkt das System dadurch eher komplexer. Welche Rolle spielt künftig die Rating- und Analysekompetenz von Häusern wie Morgen & Morgen?

Brummer: Wir wollen uns zunächst sehr genau mit der neuen Förderlogik beschäftigen: Wo ist sie sinnvoll, wo weniger? Das ist ein wichtiges Beratungsthema, das wir auch den Versicherern zur Verfügung stellen wollen, damit sie ihre Kunden besser begleiten können. Gleichzeitig wird der Markt durch die neuen Produkte deutlich vielfältiger. Neben Versicherern werden auch Neobroker auftreten und eigene Altersvorsorge-Depots anbieten. Die Herausforderung wird dann sein, diese Vielfalt vergleichbar zu machen. Niedrigere Kosten allein sind nicht automatisch das entscheidende Kriterium. Beratung, Produktstruktur und auch die Rentenphase spielen eine große Rolle. Unsere Aufgabe als Analysehaus wird es sein, diese Unterschiede transparent zu machen und auch klar herauszuarbeiten, was für oder gegen bestimmte Modelle spricht. Denn selbst wenn jemand heute erst 25 ist: Die Rentenphase gehört zur Altersvorsorge immer schon von Anfang an dazu.

Werden die Ratings durch die neuen Anbieter herausfordernder?

Brummer: Eine Herausforderung wird sein, dass viele der neuen Anbieter ihre Kalkulationen kaum offenlegen werden. Bei Versicherern sind wir das gewohnt: Wir wissen sehr genau, wie Tarife funktionieren und wie sie kalkuliert sind. Bei Banken, Neobrokern, Investmentgesellschaften oder Plattformen wird das anders aussehen. Dort bekommt man am Ende oft nur ein Produktblatt mit ein paar Kostenangaben. Eine faire Vergleichbarkeit herzustellen, wird deshalb nicht trivial. Genau das ist aber unser Anspruch: nicht zu beschönigen, wer besser oder schlechter ist, sondern Transparenz zu schaffen und Produkte nachvollziehbar zu vergleichen. Das wird sicher eine der großen Aufgaben für Analysehäuser sein.

Abschließende Frage: Wird das Altersvorsorge-Depot die private Altersvorsorge in Deutschland tatsächlich neu beleben – und was fehlt im aktuellen Entwurf?

Brummer: Ich glaube schon, dass es die private Altersvorsorge wieder etwas beleben kann. Das alte Riester-System war faktisch in einer Sackgasse angekommen. Jetzt gibt es wieder ein staatlich gefördertes Produkt – und Förderung ist für viele Kunden ein starkes Argument. Wenn jemand sieht, dass ein Teil der Einzahlung durch staatliche Zuschüsse kommt, steigt die Bereitschaft, sich überhaupt mit Altersvorsorge zu beschäftigen. Das eröffnet auch neue Ansatzpunkte für Beratung, gerade bei Menschen, die sonst vielleicht gar keine private Vorsorge abgeschlossen hätten. Was mir im Entwurf noch nicht ganz klar ist, sind die Zugangsvoraussetzungen. Schon bei Riester gab es Gruppen – etwa viele Selbstständige –, die nur eingeschränkt oder gar nicht förderberechtigt waren. Soweit ich es bislang sehe, gibt es auch beim Altersvorsorge-Depot noch Einschränkungen. Da wäre aus meiner Sicht wichtig, dass man möglichst viele Menschen einbezieht und das System nicht wieder für bestimmte Gruppen verschlossen bleibt.

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