Würden die gesetzlichen Renten künftig nur noch entsprechend der Inflation statt wie bisher überwiegend mit den Löhnen steigen, hätte das weitreichende Folgen. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) könnten die Rentenbeiträge je nach Ausgestaltung sinken oder weniger stark steigen als im aktuellen Modell. Zugleich würden die Renten im Verhältnis zu den Löhnen deutlich niedriger ausfallen.
Würden sowohl Rentenanwartschaften als auch laufende Renten an die Inflation gekoppelt, sänke das Rentenniveau den Berechnungen zufolge von derzeit 48 Prozent bis 2070 auf 32 Prozent. Würden nur die Renten nach Rentenbeginn inflationsangepasst, wären die Folgen geringer: Der erwartete Anstieg des Beitragssatzes würde um etwa 1,5 Prozentpunkte gedämpft, das durchschnittliche Rentenniveau läge rund drei Prozentpunkte unter dem Wert des aktuellen Modells.
Die Studie untersucht außerdem eine Variante mit einer höheren Einstiegsrente, die anschließend nur noch mit der Inflation steigt. Die höheren Anfangsbezüge würden durch geringere Steigerungen während des Rentenbezugs finanziert; der Beitragssatz bliebe gegenüber dem Status quo stabil. Davon könnten vor allem Menschen profitieren, die vergleichsweise früh sterben und nur wenige Jahre Rente beziehen.
Wer von einer höheren Einstiegsrente profitieren könnte
„Wer nur wenige Jahre Rente bezieht, hat von einer höheren Anfangsrente mehr als von stärkeren Rentenerhöhungen in späteren Jahren. Eine solche Regelung könnte Menschen mit geringerer Lebenserwartung begünstigen, die meist niedrigere Einkommen haben“, erklärt Hermann Buslei, Studienautor und Wissenschaftler in der Abteilung Staat am DIW Berlin. Er führte die Simulationsberechnungen gemeinsam mit Peter Haan, Johannes Geyer und Dominik Bursy durch. „Eine reine Inflationsanpassung hingegen würde die gesetzliche Rentenversicherung finanziell zwar deutlich entlasten, sie könnte ihre Funktion als Hauptsicherung im Alter dann aber nicht mehr erfüllen“, ergänzt Johannes Geyer, stellvertretender Leiter der Abteilung Staat.
Insgesamt halten die Studienautoren eine Inflationsanpassung nicht für den richtigen Weg. Zwar könnte eine höhere Einstiegsrente Menschen mit kürzerer Lebenserwartung und häufig niedrigeren Einkommen gegenüber dem aktuellen System besserstellen. Wer nur wenige Jahre Rente bezieht, profitiert weniger von regelmäßigen Erhöhungen als Menschen, die lange leben.
Eine Inflationsbindung könnte aber auch Menschen mit niedrigen Renten benachteiligen, die ein hohes Alter erreichen. Das betrifft laut DIW insbesondere Frauen, die häufig niedrige Renten beziehen, aber vergleichsweise lange leben. Zudem könnte die Kopplung an die Inflation die Rentenversicherung bei stark steigenden Preisen finanziell belasten, wenn Löhne und Beitragseinnahmen nicht im gleichen Maß wachsen.
DIW empfiehlt gezielte Unterstützung
Statt die Rentenanpassung grundsätzlich zu ändern, empfehlen die Studienautoren, das bestehende System beizubehalten und Menschen mit niedrigen Renten gezielter zu unterstützen. Als Möglichkeiten nennen sie einen höheren Grundrentenzuschuss oder einen größeren Freibetrag für Leistungen der Rentenversicherung bei der Grundsicherung im Alter. Diese Ansätze hat auch die Alterssicherungskommission vorgeschlagen.
„Die Rentenentwicklung an die Inflation zu koppeln wäre ein sehr ungenaues Instrument, um Menschen mit niedrigen Einkommen und geringer Lebenserwartung besserzustellen“, betont Peter Haan, Leiter der Abteilung Staat am DIW Berlin. „Mit gezielter Unterstützung für Menschen mit niedrigen Renten ließe sich dieses Ziel erreichen, ohne gleichzeitig diejenigen zu benachteiligen, die lange leben und ebenfalls wenig Geld haben.“













