Japans Börsenboom: Politische Wende beflügelt den Markt

Japan-Flagge mit Boersenfinanzierung,Wirtschaftstrenddiagramm digitale Technologie.
Foto: PantherMedia/sweettomato (YAYMicro)
Japan ist zurück auf der wirtschaftlichen Weltbühne.

Japans Aktienmarkt entwickelt sich deutlich stärker als die großen westlichen Indizes. Steigende Zinsen, eine wiederkehrende Inflation und ein politischer Kurswechsel treiben den Aufschwung. Welche Kräfte hinter dieser Dynamik stehen und wie tragfähig sie ist.

In allen Industrieländern treibt die Marktteilnehmer die Frage um, wer sich als Verlierer der KI erweisen wird. Auf dem japanischen Markt dagegen haben Zweifel keine Chance. Die im Topix gelisteten japanischen Aktien haben seit Jahresbeginn in Yen um fast 14 % zugelegt[1], während der amerikanische S&P 500 leicht im Minus tendiert und der Höchstwert des STOXX Europe 600 bei 5 % liegt. Im gleitenden Jahresdurchschnitt ist der Unterschied sogar noch größer: Der Topix stieg um 48 % (44 % in US-Dollar), der S&P 500 und Europa hingegen nur um 13 % bis 15 %.

Dieser neue Schwung eines Marktes, der üblicherweise für Underperformance bekannt ist, lässt sich paradoxerweise mit dem seit 2022 zu verzeichnenden Aufwärtstrend bei den Zinssätzen in Verbindung bringen. Dieser wurde durch die Rückkehr einer strukturellen Inflation ermöglicht und kam den lange Zeit von niedrigen Zinsen geplagten Sektoren zugute – allen voran den Banken, die eine Steigerung von 500 % in fünf Jahren verzeichneten und wieder eine hohe Rentabilität erreichten. So stieg die Rendite zehnjähriger japanischer Anleihen in fünf Jahren von 0,2 % auf 2,2 %, obwohl die „realen“ Zinsen kaum angestiegen sind. Grund dafür ist die Inflation, die mit dieser Entwicklung einhergeht.

Der Takaichi-Effekt als politischer Wendepunkt

Es gibt jedoch einen noch bedeutenderen Faktor: den Takaichi-Effekt. Die seit Oktober 2025 amtierende Premierministerin gewann am 8. Februar dieses Jahres mit großem Vorsprung die von ihr selbst initiierten vorgezogenen Neuwahlen. Auf ihre Liberaldemokratische Partei entfallen nunmehr über zwei Drittel der Stimmen, was in der demokratischen Geschichte des Landes beispiellos ist. Damit verfügt sie über einen beachtlichen Handlungsspielraum, um ein ehrgeiziges Programm einzuleiten. Dieses könnte, wenngleich es noch nicht das Ausmaß der Meiji-Restauration von 1868 erreicht, eine explosionsartige wirtschaftliche Entwicklung auslösen.

An erster Stelle dieses Programms steht das Kernkonzept der „wirtschaftlichen Sicherheit“, demzufolge die Wirtschaft in erster Linie der nationalen Souveränität dient. Dieser Plan verbindet einen starken Nationalismus mit einem liberalen Interventionismus, der erforderlich ist, um die weitere Zusammenarbeit mit dem Koalitionspartner, der Innovationspartei, zu ermöglichen. Er umfasst gewaltige Vorhaben: Dazu gehören die Sicherung kritischer Lieferketten, hervorragende Leistungen in 17 Sektoren der Spitzentechnologie (zum Beispiel Halbleiter, KI oder Quantentechnologie) sowie der Schutz unverzichtbarer Infrastrukturen in den Bereichen Energie und Telekommunikation. Ergänzt wird diese Strategie durch intensivierte diplomatische Beziehungen mit Washington, Neu-Delhi und Brüssel, um den Bestrebungen Chinas zu begegnen. Die entschlossene Unterstützung Taiwans ist ebenfalls Teil der Strategie.

Staatliche Investitionen und die Rückkehr des Vertrauens

Wie lassen sich derartige Bemühungen finanzieren? Eine erste Tranche neuer Staatsausgaben in Höhe von 100 Milliarden Euro bzw. 3 % des BIP wurde Ende 2025 genehmigt. Die Marktteilnehmer hegten zunächst Zweifel an der Tragfähigkeit dieses Vorhabens, was kurzzeitig zu Panik hinsichtlich der Zinsen und einem Rückgang des Yen führte. Als die Premierministerin jedoch erneut ihr Engagement für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Finanzen bekräftigte, kehrte wieder Ruhe ein. Im Zuge heftiger Unruhen, die einem „Liz Truss-Moment“ ähnelten, stiegen die 30-jährigen Zinsen im Januar auf 3,9 %. Anschließend gingen sie jedoch wieder auf 3,4 % zurück, während sich der Yen gegenüber dem Dollar erholte.

Damit sendet Japan eine Botschaft, die überschuldeten Staaten zu denken geben sollte: Staatsschulden sind nur dann ein Unheil, wenn man sie nicht unter Kontrolle hat. Zwar belaufen sich die Bruttoschulden Japans auf 230 % des BIP, sie sind aber – dank Inflation und eines moderaten Defizits – gegenüber ihrem Spitzenwert von 260 % im Jahr 2020 rückläufig. 90 % dieser Schulden werden von stabilen nationalen Akteuren gehalten. Ihnen stehen beträchtliche finanzielle Vermögenswerte der öffentlichen Hand gegenüber, sodass die Nettoverschuldung bei etwa 130 % des BIP liegt. Dieses Niveau ist vergleichbar mit dem Italiens oder demnächst auch Frankreichs, wo die Nettoschulden den Bruttoschulden praktisch entsprechen.

Ein mögliches Vorbild für alternde Volkswirtschaften

Wie effizient die angekündigten Maßnahmen langfristig sind, wird sich noch zeigen. Schon jetzt haben sie jedoch die Börse wieder angekurbelt und das Vertrauen der Bevölkerung in einen Staat, der am Rande des Zusammenbruchs zu stehen schien, wiederbelebt. Dies deutet darauf hin, dass auch alte Nationen, die in der Krise stecken, noch eine Kehrtwende schaffen können  – solange es ein ehrgeiziges Programm gibt, das von der Bevölkerung und den Märkten gleichermaßen gutgeheißen wird. Wenn Meiji es damals geschafft hat, warum sollte es Takaichi nicht auch gelingen? Und warum nicht auch jemand anderem morgen? 

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