Der KI-Entwickler Anthropic positioniert mit „Claude Opus 4.6“ ein System, das Aufgaben übernehmen soll, die bislang Analysten, Investmentbankern und Research-Abteilungen vorbehalten sind. Nach Unternehmensangaben analysiert die Software eigenständig Unternehmensdaten, Pflichtmitteilungen und Marktinformationen und verknüpft diese über Schnittstellen mit professionellen Tools wie Bloomberg.
An den Kapitalmärkten zeigt sich die Nervosität bereits. Aktien etablierter Finanzanalysehäuser gerieten unter Druck. Investoren kalkulieren ein, dass KI nicht nur Abläufe im Backoffice effizienter macht, sondern direkt an die Ertragsquellen der Branche rührt.
Die Sorge: Wenn Algorithmen Research schneller und günstiger liefern, geraten klassische Gebührenmodelle unter Druck. Doch ein Blick in die Geschichte relativiert den Eindruck einer bevorstehenden Zäsur.
Historisch stabile Margen im Finanzsystem
Seit mehr als 130 Jahren liegt die All-in-Kostenquote der Kapitalvermittlung bei rund zwei Prozent der verwalteten Vermögen. Technologische Sprünge vom Telegrafen über elektronische Handelsplattformen bis zum Hochfrequenzhandel haben daran wenig geändert. Versiegte eine Einnahmequelle, erschloss sich die Branche meist eine neue.
Das Asset Management gilt als Beispiel. Trotz des globalen Wachstums passiver Indexprodukte liegt die Umsatzquote weltweit weiterhin bei rund 34 Basispunkten auf das verwaltete Vermögen. Rückgänge bei aktiven Publikumsfonds kompensierten Anbieter durch neue Geschäftsfelder wie Hedgefonds, Private Equity, Private Debt und andere illiquide Strategien mit höheren Gebühren.
Auch Investmentbanken reagierten auf Regulierung und technologischen Wandel mit neuen Produkten. Strukturierte Lösungen, komplexe Derivate und die Finanzierung alternativer Asset-Manager traten an die Stelle klassischer Handelsmargen. „Mit zunehmender Transparenz steigt oft auch die Komplexität und mit ihr die Möglichkeit, neue Gebührenmodelle zu etablieren“, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM.
Technologische Effizienz oder gesellschaftlicher Wandel?
Seit den 1980er-Jahren ist das globale Finanzsystem stark gewachsen und übertrifft die Realwirtschaft deutlich. Deregulierung, Vermögenspreisanstiege und Kreditexpansion wirkten als Treiber. Vor diesem Hintergrund erscheint KI zunächst eher als zusätzlicher Effizienzhebel denn als Abrissbirne.
Fischer lenkt den Blick auf eine andere Ebene. „Die eigentliche Disruption könnte daher eher gesellschaftlich sein“, sagt er. „Wenn KI Arbeitskräfte in großem Stil ersetzt und die Grenzkosten vieler Dienstleistungen gegen null tendieren, droht eine starke Konzentration von Vermögen bei den Eigentümern der Algorithmen und Plattformen.“
Sollten Modelle wie ein staatlich garantiertes Grundeinkommen an Bedeutung gewinnen, könnten sich Spar- und Kreditbedarf strukturell verändern. Weniger Hypotheken, geringerer Bedarf an klassischer Altersvorsorge und damit weniger traditionelle Finanzintermediation wären mögliche Folgen.
Im Extremfall verlöre die Branche an Gewicht, wenn Kapitalallokation weitgehend automatisiert und ein größerer Teil des Konsums staatlich finanziert würde. „Parallel zeichnet sich eine ironische Gegenbewegung ab“, sagt Fischer. „Geld und Märkte könnten stärker in den Bereich des Entertainments wandern – mit Prediction Markets, Optionsspekulation und Krypto als Gamification-Plattform einer postindustriellen Gesellschaft.“













