MRH Trowe: Selektiver Markt eröffnet neue Spielräume für Unternehmen

Lars Mesterheide
Foto: MRH Trowe
Lars Mesterheide: „Risiken wirken zunehmend systemisch. Diese Entwicklung zieht sich durch alle Sparten."

Der Industrieversicherungsmarkt wird 2026 komplexer und selektiver. Steigende systemische Risiken verändern die Spielregeln für Versicherbarkeit, Kapazitäten und Preise. Gleichzeitig eröffnen sich für gut aufgestellte Unternehmen neue Handlungsspielräume.

Der Industrieversicherungsmarkt verändert sich spürbar. Die aktuelle Analyse „Markttrends 2026“ von MRH Trowe zeigt, dass klassische Marktzyklen in den Hintergrund treten. Stattdessen rücken Qualität, Transparenz und ein bewusster Umgang mit Risiken in den Fokus. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Sie müssen ihre Risiken besser verstehen und aktiv steuern.

Hintergrund ist eine zunehmende Verdichtung von Risiken. Klimawandel, geopolitische Spannungen und Cyberangriffe wirken nicht mehr isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig. Schäden entstehen häufiger, werden teurer und lassen sich schwerer kalkulieren. Versicherer reagieren darauf, indem sie genauer hinschauen, Risiken differenzierter bewerten und strengere Anforderungen stellen.

„Risiken wirken zunehmend systemisch. Diese Entwicklung zieht sich durch alle Sparten, und sie verschiebt die Perspektive: Versicherbarkeit wird zum Ergebnis aktiver Steuerung. Datenqualität, Transparenz und Prävention werden zu zentralen Faktoren für die Prämie und für den Zugang zu Kapazitäten“, sagt Lars Mesterheide, Mitglied des Vorstands von MRH Trowe. „Risiken entstehen heute nicht isoliert. Sie stehen im Zusammenhang mit Investitionen, Personalstrategien und Finanzierungsstrukturen. Wer diese Zusammenhänge versteht und integriert steuert, gewinnt Stabilität und Handlungsspielraum.“

Mehr Anforderungen – aber auch mehr Einflussmöglichkeiten

Der Markt wird selektiver. Unternehmen mit klar strukturiertem Risikomanagement und nachvollziehbaren Daten haben bessere Chancen auf Versicherungsschutz und stabile Konditionen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an internationale Lösungen. Viele Unternehmen sind global tätig und brauchen Programme, die sowohl lokale Vorgaben erfüllen als auch zentral gesteuert werden können. „Unternehmen erwarten Lösungen, die lokal regulatorisch funktionieren und gleichzeitig global konsistent gesteuert werden können“, sagt Mesterheide.


Das könnte Sie auch interessieren:

In der Haftpflichtversicherung zeigt sich der Wandel besonders deutlich. Neue gesetzliche Vorgaben, etwa durch die EU-Produkthaftungsrichtlinie, erweitern die Risiken. Digitale Produkte und vernetzte Systeme bringen neue Fragestellungen mit sich, die sich nicht immer in bestehenden Policen abbilden lassen. Während Standardrisiken meist gut versicherbar bleiben, wird es bei komplexeren Risiken deutlich schwieriger.

Auch im Cyberbereich bleibt der Markt anspruchsvoll. Zwar hat sich die Lage stabilisiert, doch die Anforderungen sind hoch. Unternehmen müssen heute grundlegende Sicherheitsstandards erfüllen, etwa beim Zugriffsschutz oder bei der Datensicherung. Wer IT-Sicherheit und Versicherung zusammendenkt, kann seine Position am Markt deutlich verbessern.

Sparten entwickeln sich unterschiedlich

In den sogenannten Financial Lines hat sich die Situation zuletzt entspannt. Die Prämien sind vielerorts gesunken. Gleichzeitig steigen jedoch die Risiken für Unternehmensleitungen, etwa durch Insolvenzen oder neue regulatorische Vorgaben. Internationale Versicherungsprogramme gewinnen hier an Bedeutung, um Haftungsrisiken über Ländergrenzen hinweg abzusichern.

In der Transportversicherung sorgen geopolitische Spannungen und veränderte Handelswege für neue Unsicherheiten. Hinzu kommen Betrugsformen wie falsche Frachtführer, die gezielt Lieferketten ausnutzen. Auch neue Technologien und Energieträger stellen Unternehmen vor zusätzliche Herausforderungen.

Im Flottengeschäft wirken steigende Reparaturkosten und längere Standzeiten preistreibend. Versicherer greifen deshalb stärker auf Daten zurück, um Risiken besser einschätzen zu können. Unternehmen, die ihre Schadendaten strukturiert auswerten, können hier gegensteuern und Kosten beeinflussen.

Qualität wird zum entscheidenden Faktor

In der Sachversicherung zeigt sich besonders deutlich, wohin die Entwicklung geht. Kapazitäten sind zwar vorhanden, werden aber gezielter vergeben. Versicherer achten stärker auf nachvollziehbare Werte, saubere Schadenhistorien und eine klare Darstellung der Risiken. Auch die technische Versicherung bleibt stabil, wird aber anspruchsvoller. Komplexere Anlagen, Fachkräftemangel und anfällige Lieferketten erhöhen das Risiko von Störungen. Unternehmen müssen hier genauer planen und ihre Prozesse transparenter machen, um Versicherungsschutz zu erhalten.

Im Bereich Benefits stehen Unternehmen vor einem Spagat. Einerseits steigen die Anforderungen an Transparenz und Fairness, andererseits bleiben Budgets begrenzt. Gleichzeitig gewinnen Zusatzleistungen wie Krankenversicherung oder Altersversorgung im Wettbewerb um Fachkräfte weiter an Bedeutung.

Auch die Finanzierung rückt stärker in den Fokus. Banken agieren zurückhaltender, während alternative Finanzierungsformen wie Factoring oder Leasing an Bedeutung gewinnen. Unternehmen sind zunehmend gefordert, Finanzierung und Risikomanagement zusammenzudenken, um ausreichend Liquidität zu sichern und flexibel zu bleiben.oßen dabei zunehmend an Grenzen. Während Standardrisiken weiterhin wettbewerbsintensiv versichert werden können, bleibt der Markt für exponierte Risiken restriktiv und selektiv.

Im Cybersegment stabilisiert sich der Markt zwar auf einem hohen Niveau, bleibt jedoch anspruchsvoll. Hohe Schadenkosten durch Ransomware und Betriebsunterbrechungen prägen weiterhin das Bild. Rückversicherer geben vielfach die Richtung vor. Mindestanforderungen wie Multi-Faktor-Authentifizierung, segmentierte Netzwerke und belastbare Backup-Strukturen sind inzwischen Voraussetzung für Versicherungsschutz.

Sparten im Wandel: Von Cyber bis Property

In den Financial Lines hat sich der Markt nach Jahren steigender Prämien zugunsten der Versicherungsnehmer entwickelt. Gleichzeitig nehmen Risiken durch Insolvenzen, geopolitische Unsicherheiten und regulatorische Anforderungen wie NIS2 zu. Offene Rechtsfragen, etwa zur Ausgestaltung bestimmter Vertragsklauseln, sorgen zusätzlich für Unsicherheit. Internationale Versicherungsprogramme gewinnen an Bedeutung, um Organhaftungsrisiken grenzüberschreitend abzudecken.

Auch in der Transportversicherung steigt die Risikodynamik. Geopolitische Spannungen, Sanktionen und veränderte Handelsströme beeinflussen die Risikolage. Hinzu kommen neue Betrugsformen wie sogenannte Phantomfrachtführer, die bereits heute Schäden in erheblicher Höhe verursachen. Gleichzeitig stellen alternative Energieträger wie Wasserstoff oder Lithium-Ionen-Batterien neue Anforderungen an Sicherheit und Risikobewertung.

Im Kfz-Flottengeschäft treiben steigende Schadenkosten die Entwicklung. Höhere Reparaturkosten, knappe Werkstattkapazitäten und teure Ersatzteile verändern die Kalkulation. Versicherer kombinieren zunehmend historische Schadendaten mit prognosebasierten Modellen. Unternehmen können durch eine strukturierte Aufbereitung ihrer Risikodaten aktiv Einfluss auf Prämien und Versicherbarkeit nehmen. Regionale Unterschiede bei Reparaturkosten eröffnen zudem Einsparpotenziale im zweistelligen Prozentbereich.

Qualität entscheidet über Kapazität

In der Sachversicherung verschiebt sich der Markt zunehmend vom Kapazitäts- zum Qualitätsmarkt. Schadeninflation, steigende Naturgefahren und geopolitische Unsicherheiten führen zu einer selektiveren Vergabe von Kapazitäten. Versicherer achten stärker auf nachvollziehbare Versicherungswerte, konsistente Schadenhistorien und transparente Risikostrukturen. Gleichzeitig gewinnen alternative Risikotransferlösungen wie parametrische Modelle oder Captives an Bedeutung.

Die technische Versicherung zeigt ein weitgehend stabiles Marktumfeld, wird jedoch komplexer. Lieferkettenstörungen, Fachkräftemangel und steigende Anforderungen an technische Anlagen erhöhen die Schadenanfälligkeit. Für komplexe Risiken sind eine frühzeitige Ansprache des Marktes sowie belastbare technische Daten entscheidend. Wartungsstrategien, Ersatzteilkonzepte und Kontrollprozesse rücken stärker in den Fokus der Risikobetrachtung.

Im Bereich Benefits treffen steigende regulatorische Anforderungen an Transparenz und Nachvollziehbarkeit auf anhaltenden Kostendruck. Gleichzeitig gewinnen Zusatzleistungen wie betriebliche Krankenversicherung und Altersversorgung an Bedeutung im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, begrenzte Budgets gezielt einzusetzen und gleichzeitig attraktive Angebote zu schaffen.

Parallel geraten Finanzierungsstrukturen unter Druck. Banken agieren restriktiver, während Unsicherheiten in den Märkten zunehmen. Alternative Instrumente wie Factoring, Leasing oder Mietkauf gewinnen an Bedeutung, da sie kurzfristig Liquidität sichern und Bilanzkennzahlen verbessern können. Die Verzahnung von Finanzierung und Risikostrategie entwickelt sich dabei zu einem zentralen Steuerungsinstrument, um Stabilität zu sichern und unternehmerische Handlungsspielräume zu erweitern.

Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen