Herr Kruse, die BU gilt als Goldstandard der Arbeitskraftabsicherung. Gleichzeitig können sich viele körperlich Tätige den Schutz kaum noch leisten. Ist die BU noch ein Produkt für den breiten Markt?
Kruse: Goldstandard ist sie ohne Frage. Aber ich verstehe die Diskussion. Für bestimmte Berufsgruppen ist die BU sehr teuer. Das liegt nicht an Willkür, sondern an versicherungsmathematischen Grundlagen: Eintrittswahrscheinlichkeiten und Risikoprämien unterscheiden sich nun einmal deutlich zwischen akademischen und körperlich geprägten Berufen. Die Versicherungswirtschaft hat eine wichtige sozialpolitische Funktion, weil sie Menschen bei der Absicherung existenzieller Risiken unterstützt. Doch diese Funktion hat Grenzen – und die heißen Mathematik und Kalkulation. Leistungen müssen finanzierbar bleiben. Kritisch hinterfragen kann man, wie sich die Produktentwicklung ausgewirkt hat. Wenn Tarife immer leistungsstärker und Zielgruppen immer feiner segmentiert werden, kann das die Preisunterschiede verstärken. Entscheidend bleibt jedoch die Beratung. Die BU ist eine sehr starke Lösung – aber eben nicht die einzige. Eine sorgfältige Analyse, wie Arbeitskraft insgesamt abgesichert werden kann, ist unerlässlich.
Frau Löffler, wie viele BU-Leistungsfälle gibt es pro Jahr – und wie lange dauert die Regulierung im Durchschnitt?
Löffler: Eine exakte, veröffentlichte Gesamtzahl gibt es nicht. Man kann jedoch grob rechnen: In Deutschland gibt es rund 15 bis 17 Millionen laufende BU-Verträgen. Wenn man die oft getroffene Annahme zugrunde legt, dass etwa jeder Vierte im Erwerbsleben berufsunfähig wird, ergibt sich ein jährliches Risiko von 0,6 Prozent. Das entspricht rund 90.000 bis 102.000 potenziellen neuen Fälle pro Jahr. Wichtig ist jedoch zu beachten, dass nicht alle BU-Meldungen in einen Leistungsantrag münden. Unterstellt man, dass etwa 80 Prozent tatsächlich geprüft werden, lassen sich daraus grob rund 75.000 neue Fälle pro Jahr ableiten. Zur Dauer: Im Schnitt spricht man von drei bis sechs Monaten. Das klingt lang, relativiert sich aber. Nur ein kleiner Teil – etwa bei Gutachterverfahren – dauert bis zu neun Monate. Die eigentliche Bearbeitungszeit beim Versicherer ist deutlich kürzer. Wenn alle Unterlagen vollständig vorliegen, fällt die Entscheidung meist innerhalb von ein bis zwei Wochen. Der Großteil der Zeit entfällt auf Wartezeiten: Rückfragen, fehlende Unterlagen, ärztliche Stellungnahmen. Diese Faktoren liegen häufig außerhalb des direkten Einflusses des Versicherers. Deshalb sollte man die oft kritisierte „lange Leistungsdauer“ differenziert betrachten.
Sie haben einen deutlich tieferen Einblick als die Öffentlichkeit. Geht es in der Leistungsprüfung eher schnell – oder eher langsam? In Medien und Öffentlichkeit hält sich der Eindruck, Versicherer würden bewusst verzögern.
Löffler: Das ist ein klassisches Vorurteil. Der Schlüssel liegt in Transparenz. Kunden und auch Makler, wenn sie eingebunden sind, müssen jederzeit wissen, wo der Antrag steht und was gerade passiert. Gerade bei Arztanfragen hakt es häufig. Dann ist es wichtig, den Kunden aktiv einzubeziehen: Wir haben den Arzt angefragt, es gibt noch keine Rückmeldung – bitte haken Sie selbst noch einmal nach. Vor diesem Hintergrund sind drei bis sechs Monate realistisch. Drei Monate sind sogar schnell. Allein das Ausfüllen der Fragebögen und die Rückmeldung des Kunden dauern häufig zwei bis vier Wochen. Danach folgen Nachfragen, insbesondere bei komplexeren Fällen. Ärztliche Stellungnahmen brauchen oft weitere Wochen.
Kruse: Man darf auch die Liegezeiten nicht unterschätzen. Die reine Bearbeitungszeit ist vergleichsweise kurz, aber die Unterlagen liegen eben bei Ärzten, Gutachtern oder anderen Stellen. Diese Zeiten sind enorm und werden oft unterschätzt.
Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass sich das Vorurteil einer bewussten Verzögerung so hartnäckig hält?
Kruse: In der Öffentlichkeit landen fast nie die Paradefälle, sondern größtenteils die, bei denen etwas schiefgelaufen ist. Dazu kommt, dass vielen die Komplexität des Prozesses nicht bewusst ist – der enorme Schriftverkehr, die Vielzahl an Informationen, die eingeholt werden müssen. Man darf auch die wirtschaftliche Dimension nicht ausblenden. Je nach Restlaufzeit geht es um sehr hohe Barwerte. Das ist für viele schwer greifbar – für Kunden ebenso wie für Vertriebspartner. Am Ende geht es um viel Geld und um den Schutz des Kollektivs. Das ist nichts, was man „mal eben“ durchwinken kann.
Vor rund zehn Jahren haben Sie erstmals die Auszeichnung Fairness in der BU-Leistungsregulierung vergeben. Was war der Auslöser, die Leistungsprüfung der Versicherer so genau zu untersuchen?
Kruse: Unsere Motivation war, dass es bei BU-Bedingungswerken schon damals eine hohe Transparenz gab. Das ist wichtig für die Beratung, aber eben nur eine Dimension. Deutlich weniger transparent war der eigentliche Regulierungsprozess. Uns war klar, dass zwischen Bedingungswerk und Regulierung ein enger Zusammenhang besteht. Trotzdem fehlte es an Einblicken in prozessuale Themen: Durchlaufzeiten, Service-Level, Standardisierung – also genau die Faktoren, die für Schnelligkeit, Nachvollziehbarkeit und einheitliche Entscheidungen entscheidend sind. Diese Transparenz wollten wir schaffen.
Seite 2: Warum Leistungsregulierung ein Qualitätsmerkmal ist













