Während sich Unternehmen aus der Öl- und Gasbranche derzeit die Hände reiben, kommt die Entwicklung für die Notenbanken einem Alptraum gleich. Das Stagflationsrisiko steigt. Höhere Energiepreise könnten die Inflation erneut anheizen, während gleichzeitig das Wirtschaftswachstum gebremst wird. Die Märkte haben ihre Erwartungen bereits schnell angepasst. In den USA rechnen Anleger inzwischen damit, dass die Zinsen später und weniger stark gesenkt werden. Aktuell wird für 2026 nur noch eine Zinssenkung erwartet.

Entscheidend ist vor allem die Dauer des Schocks. Ein kurzfristiger Anstieg der Ölpreise lässt sich meist noch verkraften. Eine anhaltende Energiekrise wäre deutlich problematischer. Sollten die Preise mehrere Monate über 100 US-Dollar bleiben, dürfte der Druck auf Inflation und Wirtschaft spürbar zunehmen. Goldman Sachs warnte sogar, dass die Ölpreise das Hoch von 2008 übersteigen könnten. Damals kletterte Brent zeitweise auf fast 150 US-Dollar.
Stagflationsrisiko steigt
In der kommenden Woche stehen die Zinsentscheide der Fed und der EZB an. Beide Notenbanken dürften ihre Leitzinsen unverändert lassen. Umso spannender werden die anschließenden Pressekonferenzen. Die bisherigen geldpolitischen Pläne sind weitgehend über Bord gegangen, die Zentralbanken müssen ihr Schiff derzeit durch dichten Nebel navigieren. Entsprechend dürfte sich auch die Rhetorik der Notenbankchefs verändern. Die hohen Ölpreise sprechen aktuell eher für eine hawkische Pause.
Die Ausgangslage ist allerdings unterschiedlich. Europa ist deutlich stärker von Energieimporten abhängig als die USA, während die Konjunktur weiterhin schwach bleibt. Die EZB hat ihre Zinsen bereits spürbar gesenkt, gleichzeitig bleibt die Inflation bislang vergleichsweise moderat. In den USA zeigt sich ein anderes Bild. Die Wirtschaft läuft deutlich robuster, dafür liegen Inflation und Zinsen auf einem höheren Niveau. Dadurch können die USA steigende Ölpreise derzeit besser verkraften als Europa, doch ein Ölpreisschock ist auch dort keinesfalls positiv.
Hinzu kommt der stärkere US-Dollar, der Energieimporte für Europa zusätzlich verteuert. Langfristig wird es daher entscheidend sein, die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern, Energiequellen stärker zu diversifizieren und den Ausbau erneuerbarer Energien weiter voranzutreiben.
Langfristige Inflationserwartungen
Trotz des jüngsten Anstiegs der Ölpreise bleiben die langfristigen Inflationserwartungen stabil. Ein wichtiger Indikator dafür ist die 5-Year, 5-Year Forward Inflation Expectation Rate (5y5y), die derzeit bei 2,11 Prozent liegt. Sie misst nicht die aktuelle Inflation, sondern das langfristige Vertrauen des Marktes in die Preisstabilität. Der stabile Wert deutet darauf hin, dass der Ölpreisschock bislang als temporär angesehen wird. Erst wenn strukturelle Inflationsrisiken entstehen, würde dieser Indikator deutlich nach oben drehen.
Portfolio-Check
Wer ein breit gestreutes ETF-Portfolio besitzt, ist bereits bestens gegen Ölpreisschwankungen gewappnet. Bei einem Portfolio aus Einzeltiteln ist Ruhe bewahren zwar immer noch die Grundregel, aber die Hausaufgaben sind etwas aufwendiger als beim ETF-Anleger. Bei hohen Ölpreisen sind klassischerweise Energiekonzerne wie Exxon, Shell oder BP die Profiteure, während Airlines, Logistik- und Chemieunternehmen zu den Leidtragenden zählen. Das kann sich allerdings schnell wieder drehen, sollte sich die geopolitische Lage entspannen und der Ölpreis nachgeben.
Risikomanagement
Die entscheidende Frage für Anleger ist daher, ob das Depot robust genug ist, um auch eine längere Phase mit hohen Ölpreisen zu verkraften. Nicht, weil dieses Szenario zwingend eintreten muss, sondern weil es darum geht, Risiken realistisch einzuschätzen.
Autor Maximilian Wienke ist Marktanalyst bei eToro.











