Deutschland altert. Gleichzeitig wird die Rente politisch gerade neu sortiert. Das „Rentenpaket 2025“ stabilisiert das Niveau und erweitert die Aktivrente – die große Strukturfrage bleibt aber: Wer arbeitet wie lange, und was ist gerecht? Genau hier kommt das Beitragsjahre-Modell ins Spiel – inspiriert unter anderem von Ökonom Jens Südekum – und von Bas grundsätzlich gut gefunden. Eine Kommission soll bis 2026 Reformvorschläge vorlegen.
Statt starr „mit X Jahren“ in Rente, zählt künftig die Strecke: zum Beispiel 45 Beitragsjahre bis abschlagsfreier Rentenbeginn. Wer mit 17 die Ausbildung beginnt, hätte sein Soll eher voll als jemand, der nach Studium und Promotionsschleifen erst mit Mitte 20 einsteigt. Das ist keine Revolution aus dem Nichts: Schon heute gibt’s die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren – parallel steigt die Regelaltersgrenze bis 2031 schrittweise auf 67. Das Beitragsjahre-Denken wäre also eher eine Konsequenz als ein Bruch.
Klingt fair? In Teilen ja. Nur Fairness ist komplexer als ein hübscher Slogan. Wer gewinnt, wer verliert – drei reale Lebensläufe:
1. Der Frühstarter: Ausbildung mit 17, durchgehende Beschäftigung, kaum Unterbrechungen. Für ihn bedeutet das Modell: Planbarkeit und Wertschätzung körperlicher und früh begonnener Erwerbsarbeit. Er käme schneller und ohne Abschläge raus. – Vorteil.
2. Die Akademikerin: Studium, Praktika, Berufseinstieg mit 26. Selbst mit stabiler Karriere fehlen ihr am Ende ein paar Jahre zur magischen Grenze. Sie müsste länger arbeiten – oder früher gehen mit Abschlägen. – potenzieller Nachteil.
3. Die Care-Tätige: Kinder, Pflege der Eltern, Teilzeit, Wechsel zwischen Minijob, Erwerbspausen und Vollzeit. Am Ende stehen viele Lücken. Mit einem reinen Beitragsjahre-Zähler droht sie, systematisch später (oder mit höheren Abschlägen) in Rente zu kommen – obwohl ihre Leistung gesellschaftlich unverzichtbar ist. Das wäre unfair – und politisch brandgefährlich. Kritiker warnen genau vor solchen neuen Ungleichheiten.
Aus unserer Beratungspraxis bei „Versicherungen mit Kopf“ wissen wir: Menschen leben keine gerade Linie. Erwerbsbiografien sind 2026 brüchig – Sabbaticals, Pflege, Weiterbildung, Selbstständigkeit, Teilzeit. Wer hier nur streng Beiträge zählt, übersieht Lebensrealität. In unseren Kolumnen haben wir immer wieder gezeigt, wie starre Regeln an echten Lebensläufen scheitern – und weshalb Transparenz und Planbarkeit wichtiger sind als schöne Überschriften.
Fünf Stellschrauben, ohne die das Modell nicht gerecht wird:
1. Gleichwertige Anerkennung von Sorge- und Pflegearbeit: Kindererziehung, Angehörigenpflege und Phasen der Weiterbildung brauchen echte Rentenpunkte – nicht nur Symbolpolitik. Sonst benachteiligt man Frauen und pflegende Angehörige erneut. Faustregel: Jede gesellschaftlich notwendige Phase muss automatisch als Beitragszeit auf die Strecke einzahlen – transparent, digital, prüfsicher. Die Debatte betont genau das – zurecht.
2. Belastungsfaktor Berufe: Wer schwer hebt, soll nicht länger durchhalten müssen als jemand im Büro. Die medizinische und ergonomische Belastung gehört in die Formel – sonst bleibt das Modell blind für reale Verschleißeffekte. (Der aktuelle Diskurs differenziert bereits zwischen körperlich belastenden Jobs und akademischen Laufbahnen.)
3. Flexibler Korridor statt starrem Grenzzaun: Beitragsjahre als Leitplanke – ja. Aber bitte mit finanziellem Korridor: Zuschläge fürs längere Arbeiten, moderate Abschläge fürs kürzere, klare Regeln gegen „Abschlagsspiralen“. Die gesetzlich bekannte Logik (monatlich plus/minus) ließe sich als gleitender Übergang ausbauen. Dass längeres Arbeiten die spätere Rente spürbar steigert, kommuniziert die Rentenversicherung bereits – nur zu selten versteht es jemand.
4. Transparenz in Echtzeit: Menschen brauchen eine verlässliche, monatlich aktualisierte Anzeige ihrer Renten-Strecke – am Smartphone, mit Prognose: „Aktuell 38/45 Jahren. Szenarien: bei Teilzeit X Monate länger, bei Weiterbildung Y Monate.“ Ohne digitale Klarheit wird jede Reform zur Frustmaschine. (Wir sehen täglich, wie unklare Statusinfos zu Fehlentscheidungen führen – das kostet später bares Geld.)
5. Kein Rückwärtsgang in alte Streitfelder: Arbeitgeber sehen im Beitragsjahre-Modell eine Rente mit 63 durch die Hintertür. Damit die Diskussion nicht wieder dort landet, braucht es harte, verständliche Leitplanken – und eine saubere Abgrenzung, wo Frühverrentung politisch gewollt und wo Fehlanreiz wäre.
Heute steigt die Regelaltersgrenze bis 2031 auf 67 Jahre. Wer 45 Beitragsjahre schafft, kann bereits früher ohne Abschläge raus – ein Baustein, der zeigt, dass Beitragsjahre schon jetzt zählen. Das neue Modell würde diese Logik zentral machen und weniger auf ein fixes Alter fixieren. Unterstützer reichen von Teilen der SPD bis hin zu konservativen Stimmen; andere warnen vor Schieflagen. Kurz: Die Idee polarisiert – und genau deshalb muss sie sauber konstruiert werden.
Strecke sichtbar machen
Wir bei „Versicherungen mit Kopf“ machen es deshalb so: Wir planen zweigleisig – gesetzliche Rente plus eigenständige Altersvorsorge, damit du dir Wahloptionen offen hältst. Denn egal, ob Beitragsjahre oder Alter: Wer früh an spart, gewinnt Flexibilität. Und wer seine Erwerbsbiografie kennt (Auszeiten, Kinder, Pflege), kann mit gezielten Bausteinen gegensteuern – von der betrieblichen Altersversorgung über Fondsrenten bis zu bedingungsgerechter Absicherung der Arbeitskraft. (Dass Gerechtigkeit an der Schnittstelle von Staat, Versicherern und Alltag oft hakt, erleben wir in der Beratung ständig – deshalb übersetzen wir Regeln in Entscheidungen, die zu deinem Leben passen.)
Echte Reform heißt nicht „neue Überschrift, alter Effekt“. An drei Kriterien erkennt man, ob die Beitragsjahre-Idee Substanz hat:
- Lebensverlaufs-Gerechtigkeit: Pflege, Kinder, Weiterbildung zählen substantiell.
- Belastungsfaktor eingebaut: Physisch fordernde Berufe erhalten realistische Korridore.
- Digitale Transparenz: Dein „Renten-Tacho“ zeigt dir heute, was morgen rauskommt – inklusive Szenarien.
Wenn diese drei Punkte gesetzlich und verständlich kommen, ist das Beitragsjahre-Modell ein Fortschritt. Wenn nicht, droht es – wie Kritiker warnen – mehr Ungleichheit statt mehr Gerechtigkeit.
Praxis-Tipp: Mach deine Strecke sichtbar. Fordere regelmäßig deine Renteninformation an, dokumentiere Erwerbs- und Sorgezeiten und simuliere Varianten (Teilzeit, Weiterbildung, Selbstständigkeit). Parallel: baue eine flexible, kostentransparente Zusatzvorsorge auf. So verwandelst du politische Unsicherheit in private Handlungsfähigkeit. (In der Beratung setzen wir genau hier an – mit Klartext statt Fachchinesisch.)
Fazit: „Rente nach Jahren statt nach Jahrgang“ hat Charme, weil es Leistung anerkennt, die heute zu oft unsichtbar bleibt. Aber ohne Fairness-Update für Sorgearbeit, ohne Belastungsfaktoren und ohne radikale Transparenz wird aus Charme schnell Schieflage. Mein Punkt: Erst die Hausaufgaben machen – dann koppeln. Bis dahin gilt: Wer seine Strecke kennt und privat nachlegt, bleibt am Steuer. Oder, ganz simpel: Planbarkeit schlägt Paragrafen.
Autor Bastian Kunkel ist Finanzfachwirt (FH) und Gründer des Onlineversicherungsmaklers „Versicherungen mit Kopf“ mit aktuell über 850.000 Followern auf YouTube, Instagram, TikTok und LinkedIn. Er ist zudem Spiegel-Bestseller-Autor.















