Die venezolanische Ölindustrie befindet sich seit dem letzten Jahrzehnt aufgrund von Überausbeutung, Unterinvestitionen, Misswirtschaft und US-Sanktionen im Niedergang. Die Ölexporte sind auf 0,5 Millionen Barrel pro Tag gesunken, was weniger als 0,5 % der weltweiten Versorgung entspricht. Die Angriffe scheinen sich vor allem auf die Verhaftung Maduros konzentriert zu haben. Die wichtigsten Ölinfrastrukturen sind weiterhin voll funktionsfähig.
Wir glauben, dass diese Ereignisse nur minimale kurzfristige Versorgungsrisiken darstellen und daher kaum Chancen für einen bedeutenden Anstieg des Ölpreises bieten. Die Exportmengen Venezuelas machen nur einen kleinen Teil des derzeitigen Überangebots auf dem Ölmarkt aus. Teile der Produktion des Landes werden von einem der großen US-Ölkonzerne betrieben, der dank US-Sanktionsausnahmen und implizitem Schutz weiterhin Öl an die US-Golfküste liefern dürfte.
Wenn der Angriff der USA zu einem Regimewechsel und verbesserten Geschäftsbedingungen führt, könnte Venezuela zu seinem früheren Ölförderungsniveau zurückkehren. Die Modernisierung der veralteten Ölinfrastruktur des Landes würde jedoch Jahre dauern, und es ist unwahrscheinlich, dass die Produktion bis zum Ende des Jahrzehnts über 2 Millionen Barrel pro Tag steigen wird. Interessanterweise würde ein solches Angebotswachstum in einem Umfeld, in dem die Ölnachfrage wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreicht, in erster Linie Teile der US-Schieferölproduktion überflüssig machen und damit den durch die Produktionskosten bestimmten langfristigen Preisanker senken. Der US-Ölindustrie mangelt es nicht an Schweröl, wie es Venezuela liefert, und sie erhält mehr als ausreichende Mengen dieses Öls aus Kanada.
Dennoch ist der Weg zur Wiederherstellung des früheren Ölreichtums Venezuelas alles andere als einfach oder geradlinig. Ein wirksamer Regimewechsel erfordert mehr als gezielte Militärschläge aus der Ferne. Stattdessen könnten die kommenden Monate und möglicherweise Jahre eher chaotisch verlaufen, mit instabilen Ölvorräten, wenn man Libyen und den Irak als Präzedenzfälle heranzieht.
Wir behalten unsere neutrale Einschätzung bei und gehen davon aus, dass die Ölpreise für einen Großteil des Jahres 2026 im hohen 50-Dollar-Bereich liegen werden. Der Ölmarkt scheint sich vor allem aufgrund struktureller Faktoren in einem anhaltenden Überschuss zu befinden und scheint nicht übermäßig anfällig für geopolitische Entwicklungen.
Autor Norbert Rücker ist Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär.















