Vor der Rallye: Warum 2026 zum Schlüsseljahr für Platin und Palladium werden könnte

Foto: Smarterpix/Maksym Yemelyanov
Quo vadis, Platin und Palladium?

Nach einem Ausnahmejahr für Gold und Silber rücken Platin und Palladium stärker in den Blick – getrieben von knappen Lagerbeständen, strukturellen Angebotsrisiken und der Einstufung als kritische Metalle.

2025 stand für viele Marktteilnehmer klar im Zeichen von Gold und Silber. Doch im Hintergrund hat sich Platin zusammen mit Palladium deutlich erholt – und einige Analysten sehen 2026 als Jahr, in dem die Platingruppenmetalle (PGMs) noch stärker in den Fokus rücken dürfte.

Silber war 2025 das Zugpferd unter den Edelmetallen und legte fast 150 % zu. Platin folgte mit einem Anstieg von mehr als 126 %, während Palladium rund 80 % zulegen konnte. Trotz dieser kräftigen Rallye haben die PGMs die Entwicklung von Gold und Silber über mehrere Jahre hinweg nicht vollständig aufgeholt.

Analysten verweisen darauf, dass sich das fundamentale Bild im Markt für Platin und Palladium zunehmend verengt. Während das Anlegerinteresse bisher häufig von Gold und Silber dominiert wurde, sprechen die Experten für 2026 von einem Umfeld, in dem sich ein breiterer Blick auf die Edelmetallpalette lohnen könnte – ohne dabei konkrete Empfehlungen auszusprechen.

Platin zwischen Autoindustrie, Industriebedarf und knappen Vorräten

Ein zentrales Thema für Platin und Palladium bleibt die Autoindustrie. Rund 80 % der Nachfrage nach Platingruppenmetallen stammen aus dem Automobilsektor, wo sie in Katalysatoren für Verbrennungsmotoren eingesetzt werden, um Emissionen zu reduzieren.

In den vergangenen Jahren lasteten die hohen Erwartungen an das Wachstum der Elektromobilität (EV) auf den PGMs, da rein elektrische Fahrzeuge keine klassischen Abgaskatalysatoren benötigen. Inzwischen wurden die Prognosen für das Tempo der EV-Durchdringung jedoch etwas nach unten angepasst. Analysten von TD Securities rechnen damit, dass die Nachfrage nach Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor – insbesondere in den USA – stabiler bleibt als lange erwartet, was die Nachfrage nach Platin und Palladium stützt.


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Hinzu kommt, dass Platin nicht nur im Antriebsstrang eine Rolle spielt. Das Metall wird unter anderem in der Glasindustrie, in der Elektronik und in verschiedenen industriellen Anwendungen verwendet. Für 2026 wird von robustem Industrieverbrauch ausgegangen – die entscheidende Frage ist, ob das Angebot mithalten kann.

Der World Platinum Investment Council (WPIC) hatte im November darauf hingewiesen, dass der Platinmarkt nach drei Jahren mit Defiziten möglicherweise in Richtung eines ausgeglicheneren Zustands steuert. Gleichzeitig sind die oberirdischen Lagerbestände deutlich zurückgegangen. Laut WPIC decken die globalen Platinvorräte derzeit nur noch rund fünf Monate der Nachfrage. Vor diesem Hintergrund erscheint ein signifikanter Wiederaufbau der Bestände kurzfristig wenig wahrscheinlich, was den physischen Markt dauerhaft enger halten könnte.

Kritische Metalle: Geopolitik, Zölle und Lageraufbau als Preistreiber

Die Angebotslage bei Platin und Palladium ist nicht nur eine Frage von Minenproduktion und Recycling, sondern zunehmend auch von Geopolitik und Regulierung. Die US-Geologiebehörde USGS hat Platin und Palladium bereits im November 2025 als kritische Metalle eingestuft.

Diese Einstufung verstärkt die Diskussion um strategische Vorratshaltung und mögliche Handelsmaßnahmen. TD Securities verweist auf eine Entwicklung hin zu einer „Kriegswirtschafts-Logik“, in der Staaten und Unternehmen verstärkt kritische Rohstoffe bevorraten. Eine laufende Section-232-Untersuchung in den USA hält die Möglichkeit von Zöllen auf PGMs im Raum – selbst wenn eine Umsetzung zeitlich verzögert erfolgen sollte.

Kombiniert mit einer zunehmenden Verbreitung von „Just-in-Case“-Lagersystemen – also dem bewussten Aufbau zusätzlicher Sicherheitsbestände – könnte dies dazu beitragen, dass die globalen Lager nicht wieder auf frühere Niveaus ansteigen. Für den wichtigen Londoner Markt würde das anhaltende, zum Teil „künstliche“ Angebotsschrumpfen eine Phase erhöhter physischer Knappheit verlängern.

Strukturell sehen viele Marktbeobachter die Angebotsseite ohnehin als verwundbar. Nach einem Jahrzehnt mit begrenzten Investitionen in neue Projekte sei die langfristige Förderkapazität gedeckelt, so Nicky Shiels, Leiterin Research und Metallstrategie bei MKS PAMP, einem Kitco News-Bericht zufolge. Sie spricht von „anhaltenden strukturellen Defiziten“, die Platin auf mittlere Sicht stützen könnten – insbesondere, falls sich das Anlegerinteresse an den PGMs verstärken sollte oder politische Risiken die Lieferketten zusätzlich belasten.

Platinpreis-Szenarien 2026: Zwischen 1.375 und 2.000 US-Dollar

Die Einschätzungen zum weiteren Preisverlauf von Platin und Palladium gehen allerdings deutlich auseinander.

Auf der optimistischeren Seite erwartet MKS PAMP Platinpreise von bis zu 2.000 US-Dollar je Unze im Jahr 2026. TD Securities rechnet im zweiten Halbjahr 2026 mit durchschnittlich etwa 1.800 US-Dollar je Unze und sieht damit ebenfalls Spielraum in Richtung der 2.000-Dollar-Marke.

Der WPIC hat in seinen Szenario-Rechnungen die Rolle der Börsenlager hervorgehoben. Die Platinbestände in CME-Lagern sind 2025 um rund 350.000 Unzen gestiegen. Unter der Annahme, dass keine Handelsbarrieren entstehen, könnten diese Zuflüsse bis Ende 2026 wieder weitgehend abgebaut werden.

Je nachdem, ob die Börsenbestände weiter anwachsen oder wieder abfließen, verändert sich das Defizitbild deutlich:

  • Bleiben die Zuflüsse auf dem bisherigen Niveau, könnte das Platinmarktdefizit 2025 von 692.000 auf 891.000 Unzen anwachsen.
  • Bei einem Abbau der Bestände würde sich das Defizit 2025 auf 542.000 Unzen verringern.
  • Für 2026 ergibt sich bei anhaltenden Zuflüssen ein mögliches Defizit von 329.000 Unzen; bei starken Abflüssen wäre sogar ein Überschuss von etwa 219.000 Unzen denkbar.
  • Diese Bandbreite zeigt, wie stark Lagerbewegungen und Handelsströme das strukturelle Bild überlagern können – mit direkten Folgen für den Platinpreis.

Geteilte Expertensicht: Chancen, Risiken und die Rolle von Gold und Silber

Nicht alle Häuser teilen die optimistischen Annahmen für Platin und Palladium. BMO Capital Markets kalkuliert für 2026 mit einem durchschnittlichen Platinpreis von rund 1.375 US-Dollar je Unze und sieht Palladium im Mittel bei etwa 1.150 US-Dollar. Die Bank bleibt in ihrer Gesamtsicht klar konstruktiver für Gold und Silber und verweist darauf, dass ein Überangebot bei PGMs den Druck im Spotmarkt mindern könnte, weil industrielle Abnehmer weniger auf den Verkauf von Investorbeständen angewiesen wären.

Auch Commerzbank rechnet damit, dass Platin 2026 durch die enge Marktlage und die Rolle als kritisches Metall unterstützt bleibt, erwartet jedoch nur begrenzten weiteren Aufwärtsspielraum. Die Analysten sehen – ähnlich wie TD – im zweiten Halbjahr 2026 einen durchschnittlichen Platinpreis von etwa 1.800 US-Dollar, gehen aber zugleich davon aus, dass sich die extreme Knappheit etwas entschärfen könnte, wenn sich der Markt von der aktuellen Defizitphase erholt und die Dynamik bei Gold nachlässt.

Unterm Strich zeichnen die Prognosen für Platin und Palladium ein Bild zwischen strukturell angespanntem Angebot, politischer Unsicherheit und zum Teil bereits hohen Erwartungen im Markt. Klar ist: Nach dem Ausnahmejahr 2025 für Gold und Silber rücken die Platingruppenmetalle stärker in den Fokus.

Autor Björn Junker ist Chefredakteur bei Goldinvest.de.

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