„ESG ist keine Modeerscheinung“

Fotos: RWS
Jörg Christian Hickmann

Die RWS-Vorstände Jörg Christian Hickmann und Jens Burmeister über die RWS-Exklusivfonds, Finanzvertrieb in der Pandemie und die Gefahr eines Crashs durch nachhaltige Anlagekriterien.

Mit welchen Erwartungen blicken Sie ins Jahr 2021? Was haben Sie auf der Agenda?

Hickmann: Für das neue Jahr sind wir bei RWS sehr zuversichtlich. Die Sparquote der Bundesbürger ist von gut 10 Prozent auf 16 Prozent gestiegen. Eine zusätzliche Milliarde Euro liegt auf deutschen Konten. Unser RWS-Aktienfonds hat im letzten Jahr eine Rendite von knapp 8 Prozent erreicht. Wir sind zuversichtlich, dass viele weitere Kunden unser Spitzenprodukt nachfragen werden. Darüber hinaus suchen wir einen neuen Fondsmanager für unsere beiden Investmentfonds „RWS-Ertrag“ und „RWS-Dynamik“. Die Expertise des neuen Fondsmanagers wird unseren RWS-Vertriebspartnern auch im Beratungsalltag unterstützend zugutekommen. Neben unseren RWS-Exklusivfonds steht bei uns die Vertriebspartnergewinnung an erster Stelle. Mit einem völlig neuen Ausbildungskonzept für angehende Führungskräfte erhoffen wir uns starke Impulse bei der Beratergewinnung.

Wie wird sich die Coronakrise im neuen Jahr auf die Finanzdienstleistungsbranche auswirken?

Hickmann: Das Sprichwort: „In der Krise liegt die Chance“ trifft für unsere Branche voll auf die gegenwärtige Situation zu. Rückblickend stellen wir fest, dass unser Vertrieb 2020 mehr Provisionen als 2019 verdient hat. RWS selbst hat weder Finanzhilfen erhalten, Kurzarbeit angemeldet noch Steuerstunden oder Steuerreduzierungen beantragt. Einige unserer Vertriebspartner haben im letzten Jahr ihren höchsten Umsatz während der Zeit ihrer Betriebszugehörigkeit geschrieben. Diese Ergebnisse waren nur deshalb möglich, weil viele Kunden aufgrund der Coronakrise zu Hause waren. Sie waren erreichbar und hatten Zeit, sich mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen. Hinzu kommt, dass diese Menschen weiterhin Gehälter beziehen und diese Gelder derzeit nicht ausgeben können, da Geschäfte zu und Urlaubsreisen nicht möglich sind. Das Geld ist da und will investiert werden. Der Bedarf nach guter Beratung und guten Anlageprodukten steigt täglich.

Wie geht der Vertrieb mit den Kontaktbeschränkungen durch die Pandemie um?

Hickmann: Überaus kreativ. Viel läuft derzeit auf dem digitalen Weg. Eine Erfolgsgeschichte im letzten Jahr ist sicherlich die digitale Videoberatung. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten ist die Videoberatung aus der heutigen Beratungslandschaft kaum noch wegzudenken. Diese Entwicklung haben wir der aktuellen Krise zu verdanken. Ohne Corona wäre die Akzeptanz für diese Systeme niemals so schnell vorangeschritten. Im Übri- gen gilt ja, bis heute, dass eine Person einen Haushalt besuchen darf, so dass es rechtlich weiterhin möglich ist, auch Kunden persönlich vor Ort zu beraten. Unsere Vertriebspartner halten sich in solchen Fällen an strenge Hygienevorschriften.

Jens Burmeister

Ab dem kommenden Jahr müssen Makler ihre Kunden auch zu ihren Nachhaltigkeitspräferenzen befragen. Wie gut ist der Vertrieb darauf eingestellt?

Burmeister: RWS ist seit über 40 Jahren ein investmentaffiner Finanzvertrieb. Durch unsere RWS-Exklusivfonds beschäftigen wir uns schon seit geraumer Zeit mit dem Thema Nachhaltigkeit/ESG (Environment, Social, Governance). Kaum ein Kunde sagt „nein“ zu einem nachhaltigen Finanzprodukt, wenn er dieselbe oder auch eine bessere Rendite erzielt als mit einem herkömmlichen Produkt. Dass immer mehr Menschen in nachhaltige Investmentfonds investieren, zeigen die Statistiken des Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) sehr deutlich. Hinzu kommt, dass viele durch die Klimademonstrationen sensibilisiert sind und aktiv etwas beitragen wollen. Wenn diese Wünsche über eine Finanzanlage erfüllt werden, umso besser. Ebenfalls beweisen die Zahlen, dass qualitativ gut gemangte ESG-konforme Investmentfonds besser durch das Jahr 2020 gekommen sind als viele andere. Deswegen gehen wir auch nicht davon aus, dass das Thema ESG eine neue Modeerscheinung ist, sondern langfristig Bestand in der Beratung haben wird. Das Problem ist nur, dass jeder etwas anderes unter Nachhaltigkeit versteht. Hier erhoffen wir uns vom Gesetzgeber klare Definitionen. RWS engagiert sich seit geraumer Zeit im DIN-Ausschuss für eine Finanz- und Risikoanalyse für Freiberufler, Gewerbetreibende, Selbstständige sowie kleine und mittlere Unternehmen. Aktuell laufen Planungen, eine DIN- Normierung für ESG zu erarbeiten. Auch diesen neuen Ausschuss wird RWS unterstützen. Wir halten es für wichtig, einheitlich qualitative Branchenstandards zu setzen.

Wie wird sich der Finanzvertrieb durch die Einhaltung der Nachhaltigkeitskriterien grundsätzlich verändern?

Hickmann: So positiv die Idee hinter diesen Anlagekriterien auch sein mag, ich sehe hier eine große Gefahr der Blasenbildung. Gerade Investmentfonds, die nach Artikel 8 oder auch Artikel 9 der Nachhaltigkeitsverordnung klassifiziert sind, können nur in eine begrenzte Anzahl von Unternehmen investieren. Und hier liegt die Gefahr. Wenn hohe Investitionsvolumen auf eine geringe Zahl von Unternehmen treffen, dann steigt der Aktienkurs exorbitant und zieht neue Gelder an sich. Die Folge ist, dass der hohe Aktienkurs dann nicht mehr im Verhältnis zu den Umsätzen und Gewinnen dieser Unternehmen steht und die Gefahr eines Crashs entsprechend steigt. Daher ist gerade in der Übergangsphase mit solchen Angeboten große Sorgfalt geboten. Da wir als einer der ersten Investmentpioniere im deutschlandweiten Vertrieb gelten, legen wir sehr viel Wert darauf, den Anlagebetrag unserer Kunden möglichste breit zu streuen, um diese Risiken zu minimieren.

Der Provisionsdeckel in der Lebensversicherung und die Gefahr der Verlagerung der Aufsicht über Finanzanlagenvermittler auf die Bafin bleiben zwar weiterhin aufgeschoben, doch es drohen neue regulatorische Maßnahmen. Mit welchen Erwartungen blicken Sie im Wahljahr nach Berlin?

Burmeister: Ich habe die klare Erwartung, dass durch die Coronakrise ein Umdenken in der Politik stattfindet. Seit etlichen Jahren werden alle Branchen mit Regulierungen überschüttet, die Finanzbranche im Besonderen. Im Bereich der Restschuldversicherung macht ein Provisionsdeckel mehr als Sinn. In allen anderen Sparten der Lebensversicherung sind die Provisionen in den letzten Jahren schon deutlich reduziert worden. Gerade durch die Begrenzung, die der Gesetzgeber schon vorgenommen hat, so dass man hier jetzt auf einem vernünftigen Niveau angekommen ist. Jetzt, wo die Gewinne sinken werden und Unternehmen ums Überleben kämpfen müssen, ist es höchste Zeit, Regulierungen zurückzunehmen, damit Deutschland wettbewerbsfähig wird bzw. bleibt. Die Krise hat die Schwachstellen unseres Systems gnadenlos aufgezeigt, sei es in der Bildung oder in der Digitalisierung. Daher habe ich die große Hoffnung, dass es für unsere Branche mit neuen Regelungen erstmal ein Ende haben wird.

Die Fragen stellte Frank O. Milewski, Cash.

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