Mediensucht: Kann ich es noch steuern oder fühle ich mich gesteuert?

Foto: Verena Reinke
Mareike Fell

Mediensucht – klingt da was bei Ihnen an? Dann lesen Sie unbedingt weiter! Die Fürstenberg-Kolumne mit Mareike Fell

Na? Wie geht es Ihnen? Wo erwische ich Sie gerade? Ich möchte Ihnen heute ein Phänomen aus meiner Beratung* vorstellen, wie es mir am Fürstenberg Institut immer wieder begegnet:

Am Anfang steht die Begeisterung. Das neue Handy, das gute Gefühl, viele Likes für einen Post bekommen zu haben, der Sieg im Gaming und die angenehme Ablenkung von den schwierigen Themen und Aufgaben. Am Ende steht die Ohnmacht. Dem Reiz unkontrollierbar folgend fliegt das Leben vorbei und wichtige Dinge bleiben liegen, mit entsprechenden Konsequenzen. Das Problem: Der Übergang von Begeisterung zur Abhängigkeit ist unsichtbar. Haben Sie noch das Gefühl, Ihren Medienkonsum gut unter Kontrolle zu haben?

Mediensucht ist bis heute nicht so richtig greifbar. Im aktuellen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation fällt sie noch in die Kategorie der allgemeinen „abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“. Im neuen Katalog soll sie dann den Verhaltenssüchten zugeordnet werden. Letztlich gilt die Mediensucht aber genau wie das pathologische Glücksspiel als Exot unter den Impulskontrollstörungen, da es sich um das Entgleiten der Kontrolle über ein eigentlich als Vergnügen erlebtes Verhalten handelt. Genau das macht die Sache aber auch so kompliziert.

Auch Frau N. bekommt die Linie zwischen Mediennutzung und Medienkonsum nicht mehr sauber gezogen und sucht Beratung. Nicht nur hat ihr Partner zunehmend angemerkt, dass sie die Beziehung genau wie ihre Hobbies vernachlässigt, auch enge Freunde haben sie schon mehrfach darauf hingewiesen, dass sie ihre Haare wohl länger nicht mehr gewaschen hat, was Frau N. sehr unangenehm war. Das eigentliche Problem, wegen dem Frau N. kommt sind jedoch die starke innere Unruhe und Schlafstörungen, weil sie mittlerweile auch beruflich nicht mehr hinter her kommt, was zu massivem Stresserleben führt.

Die zentrale Frage bei diesem Thema ist, ob es sich noch um ein gestörtes Freizeitverhalten handelt, was per se noch keine Sucht ist oder ob bereits eine Abhängigkeit vorliegt. Wie bei allen psychischen Krankheiten gilt allerdings auch hier, dass nur behandelt werden kann und soll, was von der betroffenen Person selbst als krankhaft empfunden wird, denn nur dann entsteht der Wunsch zur Verhaltensänderung.

Deswegen gilt der erste Blick nicht den hinter der Sucht liegenden Bedürfnissen, wie man vielleicht meinen könnte, sondern ganz zu vorderst muss die feste Entscheidung stehen, das krankhaft veränderte Verhalten wieder in eine gute Balance zu bringen. Diese Entscheidung setzt die absolute Einsicht voraus, dass die Probleme, wie sie sich zeigen, durch die Sucht ausgelöst werden, nicht anders herum, wie es als Süchtige*r oft angenommen wird.

Die nötige Kraft zur Eigenverantwortung für die Wiederherstellung eines kontrollierten Medienkonsums können Sie bei sich selbst durch erste eigene Schritte zur digitalen Verhaltensänderung überprüfen:

Treffen Sie die Entscheidung zur Veränderung und setzen Sie sich Ziele wie zum Beispiel, nach 19 Uhr nicht mehr in die digitale Welt abzutauchen oder diverse Apps zu löschen. Nutzen Sie Apps, die das Smartphone-Nutzungsverhalten analysieren und versuchen Sie, die Probleme im Alltag, die mit der Nutzung umgangen werden sollen, zu lösen.

Im nächsten Schritt braucht es die Akzeptanz des Auftretens von Entzugserscheinungen wie Unruhe und Verlustängsten. Bauen Sie sich unbedingt Ausweichmanöver ein, um in dem Moment einen Rückfall zu verhindern, denn der Reiz, der Sucht nachzugeben, wird auftauchen, so stark der Wille zur Veränderung im Augenblick auch sein mag.

Eine wichtige letzte Frage ist, was Sie oder die betroffene Person nun an Stelle des zwanghaften Verhaltens tun möchten? Hier bietet sich zum Beispiel an, sich abzulenken mit einem Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund, dem Abwasch, oder ähnlichem – eben alles, außer der Nutzung von Medien.

Das neue Verhalten wird sich zunächst seltsam anfühlen, halten Sie jedoch 14 Tage durch, ist der Entzug geschafft. Oft tauchen dabei endlich die hinter der sucht liegenden Bedürfnisse auf, für die Sie dann in Ruhe neue gesunde Lösungsstrategien entwickeln können.

Hier meine Tipps zum Thema Mediensucht:

  • Eine vollständige Abstinenz wie bei stoffgebundenen Süchten ist hier nicht möglich. Es kann nur um die Wiederherstellung eines selbstbestimmten Umgangs mit den Medien gehen. Dies ist aber in der Regel auch leichter als bei stoffgebundenen Süchten wieder herstellbar. Ziehen Sie hieraus die Kraft für die Veränderung.
  • Erst, wenn Sie aufgehört haben, wird sich zeigen, welches Bedürfnis hinter der Mediensucht steckte. Für diese können dann gesunde andere Lösungswege gefunden werden.
  • Gelingt Ihnen der Entzug nicht alleine, zögern Sie nicht, sich professionelle Hilfe zu suchen.

*Der Fall wurde mit dem Einverständnis der Betroffenen anonymisiert.

Autorin Mareike Fell ist systemischer Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie und ist als Beraterin und Trainerin in der externen Mitarbeiterberatung für das Fürstenberg Institut tätig. Internet: www.fuerstenberg-institut.de

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