24. Januar 2020, 06:02
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Geldpolitik im Euroraum: Alles neu unter Lagarde?

Während die EZB-Chefin die Geldpolitik im Euroraum umkrempeln will, ließ sie auf der ersten  Sitzung 2020 den Leitzins bei unverändert null Prozent und setzt auch die Anleihekäufe fort. Unterdessen gab es einen Rekord-Januar bei den Bauzinsen: Noch nie waren sie zu Jahresbeginn so niedrig. Wie es jetzt weitergeht.

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Christine Lagarde, neue EZB-Chefin

Auf der EZB-Ratssitzung im Dezember 2019 kündigte Christine Lagarde eine umfassende Strategieprüfung an, die im Januar beginnen und vor Ende 2020 abgeschlossen sein soll. Laut der neuen Präsidentin werde kein Stein auf dem anderen bleiben. Alle geldpolitischen Instrumente und Ziele der Zentralbank – inklusive des Kernziels der Inflation von nahe bei, aber unter zwei Prozent – sollen betrachtet und neu bewertet werden.

Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender der Dr. Klein Privatkunden AG, hält eine Anpassung des Inflationsziels für relativ wahrscheinlich: „Trotz massiver geldpolitischer Intervention durch die EZB in den letzten Jahren konnte das 2-Prozent-Ziel nicht nachhaltig erreicht werden. Ich kann mir daher eine Absenkung des Ziels, aber auch die Entscheidung für ein breiter gefasstes Inflationsband – beispielsweise einen Korridor zwischen ein und zwei Prozent – vorstellen. Darüber hinaus ist eine grundsätzliche Diskussion über radikalere geldpolitische Maßnahmen wie das Helikoptergeld denkbar. Und ich erwarte in jedem Fall eine Positionierung zu nachhaltigen Investments durch die EZB.“ Über den Vorstoß Christine Lagardes, dass die EZB den Klimawandel stärker in ihrer Arbeit berücksichtigen müsse, sind die Mitglieder der Notenbank gespalten. So geht unter anderem Bundesbank-Chef Weidmann nicht davon aus, dass die Berücksichtigung der Klimaschutzaspekte mit dem Mandat der EZB vereinbar ist.

Selbst wenn sich die Strategie der EZB langfristig ändern könnte, geldpolitisch dürften wir uns im laufenden Jahr überwiegend in gewohnten Gewässern bewegen. Anders ausgedrückt: Die Zinsen bleiben weiterhin niedrig. „Ich rechne nicht damit, dass der Leitzins im Jahr 2020 angepasst wird“, so Michael Neumann. „Auch den Einlagezins werden die Währungshüter nicht signifikant anheben oder senken. Änderungen halte ich in diesem Jahr lediglich in Bezug auf das Anleihekaufprogramm für wahrscheinlich.“

Weltwirtschaftskrise abgewendet, das Risiko bleibt

Die Schwäche der Weltwirtschaft hält weiter an, doch die Aussichten für das das Jahr 2020 bessern sich zumindest leicht. IWF-Chefin Kristalina Georgiewa erklärte auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos, dass zumindest die Gefahr einer Weltwirtschaftskrise vorerst abgewendet sei. Der lockeren Geldpolitik führender Notenbanken wie der EZB und der Fed sowie dem Teilabkommen im Handelsstreit zwischen den USA und China sei es zu verdanken, dass sich die Konjunktur zuletzt wieder etwas stabilisierte. Zum Aufatmen reicht diese Nachricht indes nicht, denn das Damoklesschwert aus politischen, sozialen und ökologischen Unsicherheitsfaktoren hängt weiterhin über der globalen Konjunktur. Laut IWF sind grundlegende Strukturreformen, eine bessere internationale Zusammenarbeit sowie ein entschlossener Kampf gegen Klimawandel und soziale Ungleichheit für eine langfristige Stabilisierung der Wirtschaft dringend notwendig.

Keine nachhaltige Entspannung in 2020

Auch Michael Neumann geht nicht von einer nachhaltigen Entspannung im Jahr 2020 aus: „Ich rechne damit, dass uns die wesentlichen Unsicherheitsfaktoren des vergangenen Jahres auch im laufenden Jahr begleiten werden. Die wichtigsten Handelskonflikte dürften weiter schwelen. Der Brexit selbst ist auf den Finanzmärkten zwar eingepreist, doch nach dem Austritt gehen die Verhandlungen über das künftige Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien aufs Neue los. Hinzu kommen neue Risiken wie der geopolitische Konflikt zwischen den USA und Iran, die sich jederzeit zuspitzen und für weitere Unsicherheit sorgen können.“ Zusammengefasst heißt das: Das Wachstum ist gedämpft, die Unsicherheit bleibt hoch – und die Notenbanken werden weiterhin versuchen, Geld in die Märkte zu pumpen, um der stotternden Konjunktur mit niedrigen Zinsen wieder Leben einzuhauchen.

Niedrige Bauzinsen und steigende Immobilienpreisen: Der Trend geht weiter

Im Euroraum tritt die Konjunktur weiter auf der Stelle. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe pendelt seit Oktober 2019 zwischen -0,2 und -0,4 Prozent. Der Bestzins für zehnjährige Hypothekendarlehen stieg nach dem Jahreswechsel kurzfristig von 0,61 auf 0,69 Prozent, nur um wenig später wieder auf die aktuellen 0,6 Prozent zu fallen. Eine Trendwende 2020 ist nicht in Sicht. „Ich sehe derzeit keine Anzeichen für eine Aufwärtsdynamik und gehe davon aus, dass die Zinsen langfristig auf niedrigem Niveau bleiben werden“, erklärt Michael Neumann. Für angehende Eigeheimbesitzer sind die günstigen Bauzinsen zwar eine gute Nachricht, andererseits trifft sie die Schattenseite der anhaltenden Niedrigzinsphase in Form immer höherer Kaufpreise für Immobilien.

„Ich erwarte auch im Jahr 2020 deutlich steigende Immobilienpreise. Das Angebot deckt in sehr vielen Regionen weiterhin nicht die Nachfrage. Wir verzeichnen einen Nettozuzug und einen fortgesetzten Trend zu mehr Wohnfläche je Einwohner bzw. zu mehr Singlehaushalten. Hinzu kommen die historisch niedrigen Zinsen und kaum Anlagealternativen. Das alles zahlt auf weiter steigende Immobilienpreise ein“, so die Prognose Neumanns.

Foto: Shutterstock

 

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