„Die Politik muss liefern“

Die Schuldenkrise in den Industriestaaten eskaliert und hat die Börsen weltweit auf Achterbahnfahrt geschickt. Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und Cash.-Kolumnist, erklärt im Interview, was die Verantwortlichen leisten und Anleger beachten müssen.

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Cash.: Die Aktienmärkte sind seit Wochen in Aufruhr. Warum eigentlich?

Halver: Zum einen stört das anhaltende Grundrauschen aus Europa, wo die Politik keine belastbare Lösung für die angeschlagenen Mitgliedsstaaten und die zukünftige Organisation der Euro-Zone findet. Ausschlaggebend für die Turbulenzen ist aber nicht die verschnupfte Staatengemeinschaft, sondern der komatöse Patient auf der anderen Seite des großen Teichs. Selbst die drohende Rating-Herabstufung hat nicht dazu geführt, dass die US-Politiker ihre Scheuklappen vom Kopf reißen. Amerika war vor gar nicht langer Zeit noch das stärkste Land der Welt und in der Lage, jede Krise durch Pragmatismus zu lösen. Republikaner und Demokraten haben immer kooperiert, wenn es darauf ankam, zuletzt nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008. Jetzt herrscht Stillstand – die republikanische Tea-Party verweigert jegliche Zusammenarbeit mit dem Ziel, US-Präsident Barack Obama zu stürzen. Höhere Steuern lehnen führende Mitglieder wie Michele Bachmann oder Sarah Palin kategorisch ab. Dass die Ratingagentur S&P Amerikas Bonität herabstuft, ist mindestens zur Hälfte der bislang unvorstellbaren Lähmung des Landes geschuldet.

Cash.: Wären größere Sparpakete und Steuererhöhungen überhaupt eine Lösung?

Halver: Die Schulden wird man so nicht mehr los. Aber das Land braucht doch eine Perspektive, einen eigenen Marshall-Plan. Der auf Pump finanzierte Konsum muss einer ungestützten Nachfrage weichen. Amerika leidet nicht an zu hohen Steuern, sondern an zu wenig solventen Konsumenten. Deswegen muss wieder eine wettbewerbsfähige Industrie entstehen, die neue Arbeitsplätze schafft. Momentan verdienen US-Unternehmen zwar blendend, aber keines investiert vor Ort in Beschäftigung. Früher hätte ein Aufschwung dieser Größe nahezu für Vollbeschäftigung gereicht.

Cash.: Obama hofft auf einen Sputnik-Effekt – die Krise soll für nationale Einheit sorgen und wirtschaftliche Innovationen auslösen. Was verhindert den großen Wurf?

Halver: Wenigstens drei mächtige Waffen sind längst abgestumpft. Zum einen hat die Notenbank früher billiges Geld bereitgestellt. Da die Zinsen bereits bei Null sind, fällt dieser Anschub weg. Auch eine Liquiditätsoffensive ist nicht wirkungsvoll, da die Renditen ohnehin sinken und man Pferde nicht zum Saufen zwingen kann. Gestützte Aktienkäufe, wie in Japan praktiziert, hätten eine verheerende Wirkung auf das Vertrauen der Investoren. Last but not least fehlt auch der ehemals stärkste Impuls, nämlich deutlich mehr Schulden aufzunehmen. Ein massiver Anstieg – wie seit Präsident Ronald Reagan regelmäßig praktiziert – scheint politisch nicht mehr erwünscht. Davon abgesehen gibt es berechtigte Zweifel, ob der Standort USA überhaupt etwas entwickeln kann, womit etwa Indien oder China nicht konkurrieren können. Dennoch: Der Weg ist lang und steinig, aber Amerika kann mit zielgerichteten Investitionen wieder zu einem Industrieland aufsteigen. Allein der Wiederaufbau der maroden Infrastruktur sollte schon einen erheblichen Schub auslösen.

Seite 2: Das Wachstum der Wirtschaft kann sich sehen lassen.

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