Die Finanzwelt als heilige Kuh…

…oder warum Anleger Veggie-Days lieben sollten.

Die Halver-Kolumne

Robert Halver, Baader Bank

Als „Heilige Kuh“ gilt in vielen Kulturen ein aus religiösen oder wirtschaftlichen Motiven unantastbares Rind. Eine Schlachtung ist undenkbar. Im übertragenen Sinne steht der Begriff für ein Tabu, für etwas, das nicht berührt oder hinterfragt werden darf.

Immer mit Abstand zum Schlachthof

Mittlerweile hat auch unsere Finanzwelt den Status einer heiligen Kuh erlangt. Denn die Messer bleiben gewetzt. Oder ist etwa die Schuldenkrise – speziell in Euroland – gelöst? Natürlich nicht. Dimensionen wie 2011 wird sie jedoch nicht mehr erreichen, egal, ob Italien eine Regierung hat oder nicht, ob es in der Euro-Südzone Reformen gibt oder nicht, ob in Frankreich gespart wird oder nicht. Die Eurozone wird mit allen Mitteln vom Schlachthof fern gehalten. Dazu wird sich nach der Bundestagswahl auch das politische Berlin dem Stallgeruch einer verstärkten Neuverschuldung in der Euro-Südzone nicht mehr widersetzen.

Würde daraufhin den euroländischen Staatsanleihenmärkten wegen Bonitätsverschlechterung eine Missbehandlung in Form steigender Renditen drohen, würde der gute Hirte Mario Draghi diese Schutzbefohlenen schnell in den rettenden Stall bringen. Übrigens Notenbanken selbst sind zu heiligen Kühen geworden. Das verdanken sie der Tierliebe der Finanzminister, die sich angesichts aus den Fugen geratener Staatshaushalte über von der EZB gedrückte Schuldzinsen wie Fleischliebhaber beim Anblick von Filetsteaks freuen. Wer würde da nicht gerne der EZB freie Hand bei der Kuhpflege geben? Jeder Politiker weiß, dass die Finanzmärkte ohne geldpolitisches Breitbandantibiotikum längst unter der Maul- und Klauenseuche zu leiden hätten.

Anlageempfehlung in einer „fleischlosen“ Zeit

Mit der guten alten deutschen stabilen Weidekultur hat das Ganze sicherlich nichts mehr zu tun. Und mit Stabilitätsauszeichnungen wird die Euro-Kuh wohl auch nie mehr geschmückt werden. Aber liebe Anlegerinnen und liebe Anleger, haben nicht die Rettungsaktionen der Finanz- und Geldpolitik die Eurozone vor den ewigen Jagdgründen bewahrt und sogar deren Finanzmärkte bereits ein Stück weit stabilisiert? Und wenn kein Zweifel besteht, dass unser Finanzsystem auch zukünftig den Status der heiligen Kuh behält, warum sorgen wir uns dann um ihre Schlachtung? Crash-Behauptungen werden auch durch tausendfache Wiederholung von hiobistisch veranlagten Marktexperten nicht wahr.

Es besteht kein Anlass, der Finanzwelt fern zu bleiben. Allerdings meine ich nicht die Welt des Zinsvermögens. Denn der Preis für die Liebe zur heiligen Kuh sind unattraktive, inflations- und bonitätsungerechte Renditen und Zinsen. Eine wirkliche Zinsverbesserung verbietet sich. Ansonsten wäre das gute Tier in Gefahr.

Nein, wenn Finanz- und Geldpolitik gemeinsam retten, spricht das für Aktien. Denn Schulden treiben die Konjunktur. Und billiges und viel Geld sind ohnehin der Stoff, aus dem die Aktienträume sind und selbst ein Tapering wird uns hier nicht wecken. Stände ansonsten der vielleicht exportorientierteste Aktienindex der Welt, der Dax, kurz vor seinem Allzeithoch, das der konjunktursensitive M-Dax bereits erreicht hat? Und wenn auch zukünftig die Kuh heilig, unversehrt und damit die Finanzwelt „fleischlos“ bleibt, spricht nichts gegen einen auch über den Jahreswechsel hinaus steigenden DAX oberhalb der Marke von 8.800 Punkten.

Da ist man als Anleger doch gerne enthaltsam und verzichtet auf Fleisch: Unser Beitrag zu den „Veggie-Days“ in der Finanzwelt ist eine höhere Wertschätzung von Aktien.

 

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernseh- und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen präsent.

Foto: Baader Bank

 

 

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