Brexit: Insellösung statt Gemeinschaftsprojekt?

UK-Aktienmarkt derzeit ruhig, ansteigende Volatilität erwartet

Die Turbulenzen an den internationalen Kapitalmärkten Anfang des Jahres und die zunehmend intensivere Diskussion um den Brexit hinterließen an den britischen Aktienmärkten bisher kaum Spuren. „Der Leitindex FTSE 100 Index hat 2016 in lokaler Währung um 1,6 Prozent zugelegt“, so Szopo. „Ähnlich wie der Dow Jones Industrial Average, der im selben Zeitraum um 2,7 Prozent anstieg.“ Der EURO STOXX 50 sei demgegenüber um 6,5 Prozent gefallen. Auch die Volatilitätsentwicklung des FTSE 100 zeige, dass der britische Aktienmarkt eher durch globale Entwicklungen beeinflusst ist, als idiosynkratisch von der Gefahr eines Brexits. „Wir erwarten in Richtung des Referendums für UK-Aktien eine ansteigende Volatilität“, bestätigt Szopo.

Die Auswirkungen eines möglichen Austritts Großbritanniens sind schwer zu kalkulieren. „Im Brexit-Fall gibt es viele, teilweise entgegen gerichtete Effekte“, sagt Szopo. Auf der einen Seite würden das Bruttoinlandsprodukt und die Produktivitätszuwächse aufgrund der Handelshemmnisse sinken. Auf der anderen Seite würde die schwache Währung die Unternehmensgewinne unterstützen. „Der Netto-Effekt ist schwer vorherzusagen“, so Szopo. „Wir gehen davon aus, dass die Abwärtsrisiken bei einem Brexit überwiegen.“

Eine Sektorbetrachtung ist aus Sicht der Erste Asset Management sinnvoller. Szopo: „Unternehmen mit Fokus auf den Binnenmarkt werden es schwerer haben, da der private Konsum und die Investitionen zurückgehen werden. Unternehmen, die global aufgestellt sind, und für die weder der Heimmarkt noch der europäische Markt von zentraler Bedeutung sind, werden vermutlich relativ immun sein.“

Europäische Aktienmärkte: Ruhe vor dem Sturm

Die europäischen Aktienmärkte hatten 2016 einen außergewöhnlich schwachen Start. „Die Aktien der Eurozone gemessen am Euro Stoxx 600 weisen eine Underperformance von 7 Prozent gegenüber globalen Aktien auf (MSCI World), wobei der Brexit eine vernachlässigbare Rolle gespielt hat“, sagt Szopo. Eine schwache Unternehmensgewinnsaison kombiniert mit einem verhaltenen Ausblick für das restliche Jahr war für die Underperformance genauso bestimmend wie die Flüchtlingskrise und fragile Makro-Daten. Wenn sich die Anzeichen für einen Brexit verdichten, wird sich die Underperformance europäischer Aktien fortsetzen. „Die aktuelle Situation gleicht der Ruhe vor dem Sturm“, so Szopo. „Als die griechische Schuldenkrise ihrem Höhepunkt entgegenstrebte, stieg der Index der gehandelten Volatilitäten auf über 30 Punkte an und der Euro Stoxx 600 schnitt um fünf Prozent schlechter ab als die globalen Märkte. Ein Brexit dürfte sich weit massiver auswirken.“

Brexit: Europa würde verlieren

Der Brexit ist nicht das wahrscheinlichste Szenario, wie verschiedene Indikatoren zeigen, aber er ist doch eine Spur wahrscheinlicher geworden. Der Brexit könne nicht ausgeschlossen werden, als Folge drohten nicht nur Turbulenzen an den Aktienmärkten. Auch die britische Volkswirtschaft würde leiden, denn die EU ist der wichtigste Handelspartner. Sie steht für 45 Prozent der Waren- und Dienstleistungsexporte und 53 Prozent der UK-Importe. Im Brexit-Fall fielen nicht nur die Außenhandelsvolumina, sondern auch die ausländischen Direktinvestitionen in Großbritannien. „Zugleich schrumpft durch Migrationsbeschränkungen das Arbeitskräfteangebot und die Unsicherheit bei Konsum- und Investitionsnachfrage steigt“, betont Szopo.

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Die EU würde ebenfalls verlieren, da sie nicht nur eine starke Volkswirtschaft verlöre, sondern die gesamte Union, insbesondere politisch, geschwächt würde. Szopo im Fazit: „Am schwerwiegendsten ist aus unserer Sicht, dass ein Austritt Großbritanniens die europäischen Fliehkräfte verstärkt und weitere Länder versucht sein könnten, diesem Vorbild zu folgen. Weiterhin verlöre die EU global an Einfluss und intern käme es zu einem Ungleichgewicht zwischen dem eher marktorientierten nordischen Block mit Schweden, Dänemark und Niederlande und Staaten mit dirigistisch-etatistischer Tradition wie Frankreich. Als Ergebnis würde Europa in Summe verlieren.“ (tr)

Foto: Shutterstock

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