25. Februar 2020, 05:49
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Blockchain hat Revolutionspotenzial

„Das Einzige, was fehlt, was aber bald entwickelt werden wird, ist zuverlässiges E-Geld: eine Methode, mit der A an B über das Internet Geld überweisen kann, ohne dass A B kennt oder B A kennt – auf dieselbe Weise, wie ich einen 20-Dollar-Schein nehmen und Ihnen geben kann …“ Seitdem Milton Friedmann diese Aussage traf – und das war 1999 – wurde der Zahlungsverkehr zweifellos stärker digitalisiert und ein deutlich anderer Weg eingeschlagen als ihn der Starökonom ins Auge fasste. Ein Kommentar von Jason Guthrie, Head of Capital Markets, Europe, WisdomTree

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Heute gibt es ein System aus „vertrauenswürdigen Stellen“, wo Banken als Hüter der Zahlungsbelege agieren. Bei einer digitalen Zahlung per Kreditkarte in einem Geschäft, über PayPal auf einer Website oder per Überweisung mit einer Banking-App, wird das Geld nicht direkt an den Empfänger überwiesen. Stattdessen wird eine relativ lange Kette von Ereignissen ausgelöst, an der eine große Anzahl von Intermediären beteiligt ist und die schlussendlich mit der Belastung des Kontos des Zahlungspflichtigen und einer Gutschrift auf dem Konto des Empfängers endet.1 Das Ausgangsproblem ist damit klar – der digitale Zahlungsverkehr liegt noch in der Hand der Banken.

Auch im digitalen Zahlungsverkehr sind wir weiterhin enorm auf große Kreditinstitute angewiesen. Innovation ist nur zu ihren Bedingungen möglich. Ob eine Partei mit einer anderen eine Transaktion abschließen kann, hängt davon ab, ob die Banken der Parteien bereit sind, miteinander zu kommunizieren. Die Bank bestimmt zudem durch ihre Kriterien die Aufnahme in einen bestimmten Markt. Kommt es bei den Banken zu einem Ausfall, kann dies zum Zusammenbruch der Banksysteme führen.

Vertrauen ist die Basis digitaler Zahlungssysteme

Um die Frage, wie ein digitales Peer-to-Peer-Zahlungssystem entwickelt werden könnte, zu beleuchten, müssen wir uns zunächst zwei strukturellen Probleme, das „Problem des Double Spending“ und das „Problem der byzantinischen Generäle“- widmen.

Beim „Double Spending“ soll im Prinzip sichergestellt werden, dass eine beliebige Geldeinheit nur einmal ausgegeben werden kann. Beim Bargeld gibt es beispielsweise nur eine bestimmte Anzahl von Noten und nur eine Person kann zu einem bestimmten Zeitpunkt im Besitz einer beliebigen Note sein – wird sie ausgeben, ist sie weg. Das ist offensichtlich ein wesentlicher Bestandteil eines Zahlungssystems, der bei einem digitalen System unter Umständen jedoch schwer zu lösen ist, wenn man bedenkt, wie digitale Dokumente übertragen werden. Wird ein Dokument per E-Mail versendet, kommt beim Empfänger nämlich eine Kopie des Dokuments an. Der Sender ist weiterhin im Besitz des Originals. Es spielt keine Rolle, wenn eine Tabellenkalkulation oder ein Foto versendet wird, beim Versenden von Geld hingegen schon. Deshalb agieren Banken in ihrer Rolle als vertrauenswürdige Dritte bisher als zentrale Stelle. Wenn digitale Dateien unendlich kopiert werden können, ist ein vertrauenswürdiger Dritter notwendig, der aufzeichnet, wem wie viel gehört.

Um dieses Problem zu lösen und eine direkte digitale Überweisung zu ermöglichen, ist also ein System notwendig, anhand dessen alle dem aktuellen Stand (d. h. wem was gehört) nach jeder Transaktion ohne eine zentrale Stelle zustimmen können. An dieser Stelle entsteht jedoch ein Vertrauensproblem. Als Analogie dient das Problem der byzantinischen Generäle1 herangezogen, die sich – als Teilnehmer eines Systems – auf eine Strategie einigen müssen, um einen katastrophalen Ausfall des Systems zu verhindern. Doch einige Generäle, also Teilnehmer, entpuppen sich als unzuverlässig oder böswillig.

Bei einem elektronischen Zahlungssystem müssen alle von der Integrität des Systems überzeugt sein, damit das System ohne zentrale vertrauenswürdige Stelle funktionieren kann. Wenn Millionen Teilnehmer, die sich gegenseitig nicht kennen, Geld überweisen möchten, entsteht ein riesiges , nur schwer überwindbares Vertrauensproblem. All das erfordert eine Technologie, mit der es möglich ist, einen Wert elektronisch an einen möglichweise unbekannten Dritten zu überweisen und die gleichzeitig sicherstellt, dass die Transaktion dauerhaft aufgezeichnet wird. Wenn alle Teilnehmer des Systems der Gültigkeit der Überweisung zustimmen und einen Beleg aller Transaktionen aufbewahren, können die Teilnehmer nicht in betrügerischer Absicht handeln. Es ist zudem kein vertrauenswürdiger Dritter wie eine Bank erforderlich.

Blockchain als Technologie der „trustless“ Buchführung

Bitcoin-Gründer Satoshi Nakamotos Abhandlung „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ stellte 2008 ein elektronisches Kassensystem vor, mit dem „trustless“ Peer-to-Peer-Überweisungen ohne die Notwendigkeit einer vertrauenswürdigen zentralen Stelle zur Verhinderung einer doppelten Ausgabe. Kurz darauf schlug die Geburtstunde von Bitcoin, weltweit erste Kryptowährung.

Letztendlich ist es die Blockchain-Technologie, auf der Bitcoin aufbaut. Sie vermochte die inhärenten Probleme von elektronischen direkten Überweisungen zu lösen. Und dank des Open-Source-Charakters des Bitcoin-Protokolls wird die Blockchain-Technologie heute weit über die ursprüngliche Kryptowährung hinaus genutzt. Es wurden nicht nur viele weitere digitale Währungen mit innovativen Eigenschaften entwickelt, sondern auch eine Vielzahl von Anwendungen, in der die Technologie zum Einsatz kommt, so beispielsweise Anleiheemission, Aktienregister, Aktionärsabstimmung, Grundbücher und Eigentumsübertragungen, Grenzüberschreitende Überweisungen, digitale Identiät, Anti-Geldwäsche Prozesse und Legitmationsprüfungen, Peer-to-Peer-Kredite, Verbriefungen, Verteiltes Peer-to-Peer Filesharing, Transport- und Fuhrparkverwaltung, Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln, Lieferkette.

Blockchain hat Revolutionspotenzial

Im Kern ist Blockchain eine Technologie der sicheren, „trustless“ Buchführung. Das klingt nicht so spannend wie die x-fachen Renditen, die in Kryptowährungskreisen typischerweise für Gesprächsstoff sorgen, birgt jedoch wirklich revolutionäres Potenzial. Drei Anwendungsbereiche werden von der Blockchain-Technologie und ihren Auswirkungen betroffen sein:

1.     Intermediäre
Viele der Bereiche, in denen versucht wird, Blockchain-Technologie einzusetzen, sind aufgrund der Beteiligung von Intermediären von sehr hohen Kosten gekennzeichnet. Finanzdienstleistungen sind ein Paradebeispiel dafür. Selbst für Transaktionen von relativ geringem Wert, z. B. eine Gebühr von 5 Euro für die Nutzung einer Karte im Ausland oder die 0,2 %, die ein Kreditkartenunternehmen einem Händler belastet, verdient das hierfür verantwortliche Institut jährlich Milliarden, die an die Endnutzer des Systems zurückgegeben werden könnten.

2.     Effizienzen
Viele Vermögensgegenstände sind heute sehr ineffizient. Jeder, der schon einmal ein Haus gekauft oder Geld ins Ausland überwiesen hat, weiß das. Blockchain-Technologie wird eingesetzt, um die Grundlage dafür zu schaffen, dass Eintragung und Übertragung vieler Vermögensgegenstände einfacher, schneller und günstiger vonstattengehen.

3.     Finanzielle Integration
Jede Art der Dienstleistung ist nach Größe und verfügbaren Informationen begrenzt. Möchte ein Unternehmen beispielsweise durch einen Börsengang Kapital beschaffen, muss es eine bestimmte Größe besitzen, damit eine Bank dieses Vorhaben in Betracht zieht. Ebenso haben viele Menschen in Entwicklungsländern keinen Zugang zu grundlegenden Bankdienstleistungen, weil es Schwierigkeiten bei der Feststellung ihrer Identität gibt. Blockchain hat das Potenzial, Kosten zu senken und die Verfügbarkeit von Daten zu verbessern, um die Zugangsbeschränkungen in verschiedenen Teilen des globalen Finanzsystems abzubauen.

Es wird viel Aufhebens um dieses Thema gemacht, denn das Konzept der Blockchain wird mit dem von Bitcoin vermischt. Bitcoin spiegelt Blockchain jedoch nicht als Ganzes wider. Bitcoin war die ursprüngliche Quelle der Blockchain und ist immer noch die offensichtlichste Anwendung der Technologie.  Seit ihrer Einführung haben zahllose weitere Interaktionen und Implementierungen Bitcoin als „die“ Kryptowährung herausgefordert, andere Anwendungen könnten neben Bitcoin existieren und viele weitere haben nichts mit Währungen oder Zahlungssystemen zu tun.

Das Konzept eines trustless Peer-to-Peer-Netzwerks mit unabänderlicher Aufzeichnung hat das Potenzial zu einer umfassenden Revolution. Blockchain ist fähig, menschliche Kooperation effizienter zu gestalten und dabei Humanressourcen freizulegen.  So betrachtet sollten alle Initiativen auf Basis von Blockchain genau geprüft werden.

Foto: Shutterstock

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