Coronavirus: „Das Worst-Case-Szenario ist unwahrscheinlich“

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Virus um sich greift und global für Unsicherheit in der Gesellschaft und an den Märkten sorgt. So geschah dies zuletzt beim Ausbruch des SARS-Virus 2003 und der Schweinegrippe im Jahr 2009. Beide weisen starke Ähnlichkeiten bezüglich der Ansteckungs- und Todesrate auf. Dennoch lässt sich von ihnen nicht direkt darauf schließen, welches Ausmaß der Ausbruch des Coronavirus auf die Weltwirtschaft haben wird. Denn: Die wirtschaftliche Integration und die Reaktionen der Behörden von heute unterscheiden sich von den Fällen damals.

„Auf China entfallen heute 16 Prozent des weltweiten Bruttoinlandproduktes und 12 Prozent der globalen Investitionen. Das weltweite Wachstum würde entsprechend indirekt einen Anteil an den Kosten des Virus tragen – abhängig von der Dauer des Ausbruchs und der weiteren Verbreitung“, sagt Jean-Baptiste Berthon, Senior Cross-Asset Strategist bei Lyxor Asset Management. „Für uns sind mehrere Szenarien denkbar. Generell sind wir jedoch der Ansicht, dass sich die Pandemie nur vorrübergehend auf das globale Wachstum auswirken und überschaubar bleiben wird“, so Berthon weiter.

Im Best-Case-Szenario von Lyxor Asset Management tragen die strengen Maßnahmen der Behörden dazu bei, den Ansteckungstrend innerhalb weniger Wochen umzukehren und das Virus bis zum Ende des ersten Quartals einzudämmen. „In diesem Fall dürfte sich die chinesische Wirtschaft ab dem zweiten Quartal wieder erholen, sodass sich das chinesische Bruttoinlandsprodukt lediglich um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte auf Jahresbasis verringern dürfte“, sagt Berthon. Dem Basis-Szenario zufolge dürfte die Inkubationszeit zu einer weiteren Ansteckungswelle in ganz China führen, jedoch in geringerem Ausmaß als in Hubei. Reisebeschränkungen und das zunehmende Wissen über das Virus würden letztlich zu einer Lösung bis zum Sommer dieses Jahres führen. Lyxor Asset Management schätzt für dieses Szenario einen Rückgang des chinesischen BIP um 0,5 Prozentpunkte. Im schlechtesten Fall breitet sich das Virus durch die Überforderung der Behörden weiter aus – sowohl in China als auch im Ausland. Vermehrte Reiseverbote sowie steigende Produktionsausfälle wären die Folge, mit stärkeren Auswirkungen auf das globale Wachstum. „Das Worst-Case-Szenario ist schwer abzuschätzen, allerdings könnte es das Wachstum des chinesischen BIP um einen ganzen Prozentpunkt bremsen. Eine Erholung dürfte sich dann erst Anfang 2021 wiedereinstellen“, so Jean-Baptiste Berthon.

Behörden dämmen Schaden für Gesundheit und Wirtschaft ein

Berthon hält den Worst-Case jedoch für unwahrscheinlich: Bislang lassen die Berichte über die Infektionsfälle nicht auf eine katastrophale Ansteckungswelle in ganz China schließen. Die chinesischen Behörden tun ihr Bestes, um den Ausbruch und dessen Folgen einzudämmen. Sie verhängen Reise- und Ausgeh-Einschränkungen und setzen Impulse zur Eindämmung des Ausbruchs und seiner Folgen. Die Chinesische Volksbank vergibt günstige Kredite und pumpt gleichermaßen massiv Liquidität in die Märkte. So hat sie den Reverse-Repos-Zinssatz um 10 Basispunkte gesenkt und gleichzeitig 1,7 Billionen Renminbi bereitgestellt. „Damit ist der Weg für weitere Zinssenkungen geebnet. Darüber hinaus wurden Steuererleichterungen und andere Subventionen angekündigt, die den vom Virus am stärksten betroffenen Wirtschaftssegmenten und -bereichen zugutekommen sollen“, so Berthon.

Da der Ausbruch des Coronavirus wahrscheinlich noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hat, bleibt die Unsicherheit bestehen. Allerdings sieht Jean-Baptiste Berthon darin auch Chancen. „Während die Märkte und die Stimmung wahrscheinlich volatil bleiben, beginnen wir vorsichtig mit der Neupositionierung von Vermögenswerten, die für den Worst-Case eingepreist wurden – der vermutlich nicht eintreten wird. Sobald die Neuinfektionen und die Angst nachgelassen haben, werden Kupfer, Öl, asiatische Schwellenländer-Anlagen und die am stärksten betroffenen Sektoren im Gegensatz zu Gold, Versorgungsunternehmen oder dem Yen an Attraktivität gewinnen“, sagt Berthon.

Vor dem 29. Februar werden sich die wirtschaftlichen Berichterstattungen jedoch in Grenzen halten – eine Beurteilung über die Auswirkung des Corona-Virus auf das chinesische Wachstum bleibt bis dahin schwierig. „Sobald der Medienrummel nachlässt und bestätigt wurde, dass der Ausbruch weitestgehend auf Chinas Provinz Hubei begrenzt bleibt, wird es mit den Märkten aber wieder aufwärts gehen“, schließt Berthon.

Foto: Shutterstock

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