10. März 2020, 09:31
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Martin Lück, Blackrock: “Stochern im Corona-Nebel”

Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei Blackrock, mit seinem Blick auf die Kapitalmärkte.

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Martin Lück, Blackrock

Nach einer weiteren Woche starker Risikoaversion eröffneten die Aktienmärkte auch am gestrigen Montag tief im Minus. Auslöser war natürlich die Angst vor den Folgen einer globalen Coronavirus- Pandemie, speziell aber wohl die massiven Quarantänemaßnahmen in Italien in Kombination mit dem drastischen Verfall des Ölpreises, der als mögliches Signal für eine weltweite Rezession gelesen wird. In Italien mit seinen rund 7.400 Infizierten und 366 Verstorbenen zeigt sich, wie stark ein plötzlicher massiver Ausbruch die Gesundheitsbehörden unter Stress setzen und sehr drastische Gegenmaßnahmen erfordern kann. Diese haben dann schmerzliche wirtschaftliche Folgen, weswegen die italienische Regierung bereits rund 7,5 Mrd. Euro an Unterstützung angekündigt hat, vor allem um den vielen kleinen und mittleren Unternehmens Norditaliens das Überleben in Zeiten wirtschaftlichen Stillstands zu erleichtern. Die europäischen Fiskalregeln geben die ausnahmsweise Ausdehnung des Budgetdefizits auf 2,5% des BIP (eine Zahl, die sich als viel zu niedrig erweisen dürfte) von den bisher geplanten 2,2% problemlos her, wie auch schon aus Brüssel verlautete.

Einbruch des Ölpreises

Der zweite Treiber des Abverkaufs am Montagmorgen, der Einbruch des Ölpreises, ist dagegen schon eher im Bereich hysterischer Übertreibung zu verorten. Zwar dürfte die Ausbreitung des Coronavirus die Weltwirtschaft an den Rand einer Rezession bringen, immerhin hat die OECD ihre Prognose für das globale Wachstum 2020 bereits um einen halben Prozentpunkt auf 2,4% gesenkt, und das mindert die Ölnachfrage, unbestritten. Das Ausmaß des Preisschocks vom Wochenende und Montagmorgen wurde aber wieder einmal durch die politische Uneinigkeit unter den Förderländern getrieben. Denn nachdem sich die OPEC letzte Woche auf Förderkürzungen von rund 1,5 Millionen Barrel pro Tag geeinigt hatte, Russland aber eine Mitarbeit verweigerte, beschloss Saudi-Arabien, seine Produktion sogar um über eine Million Barrel hochzufahren und somit seinen Marktanteil auszubauen. Der resultierende Einbruch des Ölpreises wurde also nicht durch eine Coronavirus-bedingte Nachfrageschwäche determiniert, sondern durch Uneinigkeit innerhalb des Ölkartells.

Problem der fairen Bepreisung von Risiken

Insgesamt stochern Finanzmarktteilnehmer im Nebel, was die faire Bepreisung von Risiken betrifft, welche aus der Coronavirus-Krise resultieren. Denn entscheidend dafür, wann ein Wiedereinstieg in Risikoanlagen empfehlenswert ist, hängt von Tiefe und Dauer der realen Krisenauswirkungen ab. Dabei halten manche die Berichterstattung der Medien für unverantwortlich, die Reaktion der Bevölkerung für hysterisch und die Maßnahmen der Regierungen für übertrieben. Sie verweisen auf den geringen Anteil schwerer Krankheitsverläufe der Lungenkrankheit Covid-19 und deutlich höhere Fallzahlen bei der alljährlich wiederkehrenden Influenza-Welle. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die eine Abschottung ganzer Regionen analog zu den Beispielen in Norditalien bzw. früher in der chinesischen Provinz Hubei für unausweichlich halten und deshalb glauben, man müsse schon heute vom Schlimmsten ausgehen. Was es für die Märkte so schwierig zu greifen macht ist, dass vermutlich beide Seiten Recht haben. Diejenigen, die Angst vor dem Virus für eine Massenhysterie halten, übersehen allerdings, dass bei der Rückverfolgung einzelner Ansteckungsfälle der Faktor Zeit kritisch ist und Vorsicht allemal angebracht. Dagegen tragen diejenigen, die unter allen Umständen flächendeckende Quarantänemaßnahmen empfehlen, zum Risiko von Panik bei. So ist keineswegs wahrscheinlich, dass – wie gern von Katastrophenpropheten behauptet – die Dunkelziffer der Infizierten viel höher ist als offiziell angegeben. Zumindest die Zahlen aus China, wo die bisher zahlenstärksten Untersuchungen vorliegen, deuten darauf hin, dass anders als bei Influenza-Wellen die Infektionswege meist erklärbar und damit nachverfolgbar sind. Leider gelingt das nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Was das für Anleger bedeutet

Wenig Vertrauen schafft in diesem Zusammenhang die Wirtschaftspolitik. Die Zinssenkung der Fed um 50 Basispunkte verpuffte, der Markt senkte angesichts der wenig überzeugenden Kommunikation den Daumen. Übermorgen ist die EZB dran und könnte den Fehler wiederholen, etwa durch eine Zinssenkung, die ebenfalls wohl wenig bewirken würde. Stellt die EZB dagegen etwa Kreditfazilitäten für Unternehmen bereit, die unter Umsatzausfällen leiden, wären derartige Maßnahmen positiver zu bewerten, ebenso wie entsprechende Maßnahmen auf der fiskalischen Seite. Je zielgerichteter diese wirken, desto besser.

Angesichts der unübersichtlichen Lage mit Blick auf die Assetklassen haben die Kollegen beim Blackrock Investment Institute (BII) die Gewichtung von Risikoanlagen von Übergewichten auf neutral heruntergestuft. Die generelle Empfehlung lautet, sich in diesen unsicheren Zeiten Benchmark-nah zu positionieren.

Foto: Blackrock

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